auch_arbeitslose_koennen_sich.pdfProgrammhefttext  ’Studien zu Figuren/Serie A’ (2011):


Meine „Studien zu Figuren“ sind die Draufsicht auf ein absurd handelndes Kollektiv. Inspiriert haben mich dabei Franz Kafkas „Forschungen eines Hundes“, Werke des irischen Malers Francis Bacon, vor allem seine Herangehensweise an den schöpferischen Prozess sowie die Geschichte einer mir völlig unbekannten Frau, die ich einmal zufällig bei einem Spaziergang am Kanal getroffen habe.Wie in Kafkas Geschichte die „Musik der Hunde“ für den Erzähler deren Wesen im körperlichen Ausdruck offenbart, so interessiert mich Musik als menschlicher Ausdruck. Ich bin davon überzeugt, dass Töne, Klänge immer schon konnotiert sind etwa mit Haltungen und Bewusstseinszuständen von Personen. Schon oft habe ich geschrieben, dass Musik für mich eine Sprache ist, aber eben nicht im romantischen Sinne als Ausdruck innersten Empfindens. Vielmehr glaube ich, dass Klänge, Töne, Phrasen und Bewegungen immer schon Ausdruck gewesen sind. Und wie in Kafkas Geschichte ist dabei die Rolle des „Anderen“, des Hörenden wesentlich. Im Rezipieren, im Hören suchen wir ständig, wenn auch meist unbewusst, nach diesem Ausdruck – und werden auch gelegentlich fündig. Das Horchen, das Lauschen ist dabei ein wesentlicher und zutiefst menschlicher Vorgang, denn das suchende Horchen, das suchende Lauschen auf Resonanz, auf Antwort, ob nun in mir oder von außen, ist gleichzeitig auch immer Ausdruck einer Suche nach kleinen Sinnzusammenhängen in einer dunklen, absurden Welt.Auch die Geschichte vom Kanal handelt von der Suche nach Zusammenhängen im Ausdruck einer mir völlig unbekannten Frau. Die Erzählerin bemüht sich auf nahezu kafkaeske Weise, in freien Assoziationen über ein zufällig von außen gesetztes Thema, ein eigenes Problem zu lösen bzw. sich dessen überhaupt bewusst zu werden sowie möglichen Sinnzusammenhängen auf die Spur zu kommen. Dies jedoch nicht durch reflektierende Analyse, sondern vielmehr durch das schleifenförmige Einkreisen eines offenbar größeren eigenen Problemkomplexes. Ausgehend von einem durch den Park hinkenden Hund werden hier die eigenen kranken Katzen, eine drohende Räumungsklage und schließlich die vermutlich auch eigene Arbeitslosigkeit zum Thema, die in der für den Außenstehenden offenbar völlig zusammenhanglosen Äußerung „auch Arbeitslose können sich ein Haustier leisten“ ihren Ausdruck findet und implizit auf den ganzen Komplex von möglicher Schuld am Tode einer der eigenen Katzen anspielen mag. Für Bacon ist der schöpferische Akt der Versuch, mit den unterschiedlichsten Techniken, etwa durch Zufallsoperationen, das Bild zu finden, das man bereits in sich trägt. Verpasst man das innere Bild, dann ist das Werk misslungen, doch manchmal findet man den richtigen Zeitpunkt, es abzuschließen. Das Ziel, in das Wesen einer Persönlichkeit einzudringen, wie es auch Kafkas Hund am Ende der Erzählung formuliert, findet sich ebenfalls bei Bacon. Sein Hauptproblem beim Portraitmalen besteht darin, „eine Technik zu finden, mit der man all die Schwingungen einer Person wiedergeben kann… Wer für ein Portrait sitzt, ist aus Fleisch und Blut, und was eingefangen werden muss, ist das, was sie ausstrahlen“. Eine zunächst noch nebulöse innere Vorstellung konkretisiert sich erst allmählich im Laufe des Herstellens und durch die Wahl des Materials. Dennoch ist nicht die ursprüngliche Vision eines Kunstwerks entscheidend, sondern ihre allmähliche Verwandlung im und durch den Arbeitsprozess, ihr Ausdruck. Die Idee ist etwas anderes als die eigentliche Realisation. Aber ohne eine innere Vorstellung ist ein Werk tot.


Die Geschichte der mir unbekannten Frau (aufgeschrieben von mir selbst):
„Hallo ist das Ihr Hund? Nein? Komisch, wem gehört der denn, der humpelt. Hallo ist det Ihrer? Sehn se? Dem Alten dahinten auf der Bank gehört der, tja, da kann man sich nicht einmischen. Der wird schon wissen, was is mit seinem Hund. Der wird den schon kennen. Kann Athrose sein. Schäferhunde kriegen das oft, wenn se alt sind. Der wird das schon wissen. Kann man sich nicht einmischen. Auch als Arbeitsloser kann man sich nen Tierarzt leisten, wenn s sein muss. Für ein Tier geht das.Auch Arbeitslose können sich ein Haustier leisten. Ich habe 5 Katzen. Naja, eigentlich nur noch 4. - Ich soll jetzt aus meiner Wohnung raus, die wollen mich raushaben. - Räumungsklage. - Aber ich gehe dagegen an. Das lasse ich mir nicht gefallen. - Sie sagen, weil es so stinkt. Dabei stimmt das gar nicht. Das stinkt gar nicht. Nur ein Zimmer. - Wegen dem Teppich. Wegen dem Teppich stinkt es. Den habe ich seit letztem Jahr. Ich konnte ihn mir abholen. Auch einen Schrank. Konnt ich mir auch abholen. Nur in d e m Zimmer stinkt das. Wegen dem Teppich. Aber nur ein bisschen. Meine Nachbarin hat mir schon n Reinigungsmittel gegeben deswegen. Bio. Und den Schrank hab ich auch wieder rausgetan. - Ich gehe dagegen an, das lass ich mir nicht gefallen. Meine Lieblingskatze iss auch gestorben. So ne graue getigerte. - Vielleicht wegen dem Putzmittel. Weiss ich nicht. Glaube ich nicht. - Die hatte ne Halsentzündung. 39 Grad Fieber. Bin extra mir ihr zur Tierärztin gegangen. Auch n Arbeitsloser kann sich n Tierarzt leisten für ein Tier. Ich glaube, die hat das vermasselt. Die war hochschwanger und tat so „ach Gott ach Gott, das Tier hat hohes Fieber“ , dabei war das 39 Grad, das ist für ne Katze gar nicht hoch. Überhaupt nicht hoch. Danach hatte se Untertemperatur und das war viel schlimmer. Untertemperatur ist viel schlimmer. - Die Tierärztin hatte keine guten Nerven, wahrscheinlich weil sie schwanger war, - gibt der Katze gleich n Fiebersenkendes Mittel. Das ist doch Quatsch. 39 ist doch für ne Katze nicht hoch. Und als sie Untertemperatur hatte, sollte ich sie unter die Höhensonne legen. Hat mir sogar ihre Höhensonne mitgegeben, totaler Blödsinn. Das geht doch gar nicht für zu Hause. Beim Tierarzt, da geht das, da sind die angekettet und können nicht weg. – Das ist Quatsch für zu Hause. - Hab ich sie in mein Bett gelegt mit der Höhensonne, aber is die gleich weg. Unters Bett. Ich kette meine Katze doch zu Hause nicht an. Das ist doch Quatsch. Und das mit dem Fiebersenkenden Mittel wegen 39 Grad. Das is für ne Katze nich hoch. Überhaupt nicht hoch. Danach hatte sie Untertemperatur 35 Grad, bei 34 stirbt n Tier. Kann natürlich sein, dass sie vom Putzmittel was geschluckt hat. Aber war Bio sagte die Nachbarin. Der Harnstoff war ganz hoch, am Ende. Kann natürlich auf ne Vergiftung hindeuten. Nierenversagen oder so. Ich habe das ganze Zimmer damit gemacht, richtig sauber gemacht, weil ich hatte noch ne andere Katze in Pflege. Als die das erste mal da war, hat die nur auf dem Schrank gesessen, 4 Wochen lang nur oben auf m Schrank. 50mal 45 cm. Die is nie runtergekommen, zum Schluss musste ich ihr das Klo auf den Schrank stellen. Danach habe ich den Schrank rausgetan. Beim zweiten Mal war sie nur unterm Bett, die ganze Zeit, nur unterm Bett.Und als ihr Frauchen wieder kam dachte ich, die soll doch n guten Eindruck haben und da habe ich sauber gemacht, das ganze Zimmer, auf 1 Eimer 1?2 Liter Putzmittel und zum Schluss unterm Bett sogar auf einem Eimer 3 Liter. War ja Bio. Vielleicht hat die am Teppich geleckt. War ja auch unterm Bett, weil sie die Höhensonne nicht wollte. Kann sein. Kann wirklich ne Vergiftung gewesen sein. Aber ich glaube, das war das fiebersenkende Mittel. Das war die Ärztin, ich will mich da gar nicht reinsteigern, denn dann will ich die am liebsten verklagen. Nur weil sie schwanger war. 39 Fieber, das ist doch nichts für ne Katze. Da braucht die doch kein fiebersenkendes Mittel. Die Halsentzündung war dann weg. Aber dann kriegte sie die Untertemperatur. Ich glaube nicht, dass das das Putzmittel war.“

Iris ter Schiphorst

 

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