Iris ter Schiphorst beantwortet Fragen zu ihren Musik-theatralischen Arbeiten
Interview im Rahmen des Spor-Festivals 2015 (komplette Fassung)
anlässlich der dänischen Erstaufführung von "Vergiß Salome!" beim Spor-Festival 2015 (Motto: „STAGING THE SOUND")
Frage: Wir möchten gern mit ein paar Fragen zu „Vergiss Salome" für Stimme solo und Zuspiel (2012) beginnen. Was war der Impuls für Sie, dieses Stück zu komponieren?
ItS: Es war ein Auftrag von Sarah Maria Sun, der Sopranistin der Neuen Vokalsolisten Stuttgart, nachdem ich zuvor ein Stück für die Vokalsolisten geschrieben hatte, das 2011 in Donaueschingen uraufgeführt worden war.
Frage: Was symbolisieren die Instrumente – Sopran, Elektronik und Stimme – sowie der Text?
ItS: Es sollte ein sehr kurzes Solostück mit vielen performativen Anteilen werden, mit einem Bezug zu einer klassischen Frauenfigur aus dem Dramenrepertoire. Das war der Auftragswunsch von Sarah Maria Sun und dem NDR. Insofern wollte ich ein theatralisches Setting für die Sängerin schaffen.
Frage: Warum haben Sie gerade den Text von Karin Spielhofer gewählt?
ItS: Ich hatte mich entschieden, über die Figur der Salome zu arbeiten und in diesem Zusammenhang über das weibliche Begehren zu reflektieren (in der Tradition geht es bei Salome ja vorwiegend um das männliche Begehren). Dazu kam mir eine Idee für einen Text über eine Eiskunstläuferin, die einsam ihre Kreise zieht. So habe ich die Schriftstellerin Karin Spielhofer gefragt – eine gute Freundin von mir –, ob sie bereit wäre, mir nach meinen Vorstellungen einen Text zu schreiben. Das war sie, und nach ein paar Korrekturen und Angleichungen war der Text fertig. Er bildet in dem Stück das Zeitgerüst für alle Aktionen der Sängerin, sowohl für die Stimme als auch für die Schritt- und Ausziehchoreografie.
Frage: Hat die Kreide (als ich die Geräusche hörte, dachte ich, es sei Klebeband), welche die Sängerin am Anfang der Performance benutzt, einen besonderen Wert?
ItS: In der Partitur steht zwar Kreide, aber bei der zweiten Aufführung in Stuttgart wurde wegen des Fußbodens Klebeband verwendet. Sie haben also richtig gehört. Die Sängerin markiert damit zu Beginn einen Strich, auf dem sie anschließend laut Partitur hin und her zu balancieren hat.
Frage: Sie setzen oft eine inszenierte Sängerin in Ihren Kompositionen ein. Ist das ein autobiografisches Element?
ItS: Nein, allerdings schreibe ich sehr gern für Stimme inklusive szenischer Elemente. Musik und Bewegung haben mich schon von jeher fasziniert.
Frage: In „Vergiss Salome" hören wir die Rezitatorin vom Band. Ihre Stimme ist sehr eindringlich, aber gleichzeitig monoton. Die Deklamation fühle ich hier sehr stark. Dann kommt eine Sopranstimme, die irgendwie in Opposition dazu steht. Ist das so? Wenn ja, warum?
ItS: Wie ich oben bereits andeutete, ging es in dem Stück auch um den Versuch, mit einem Text dem weiblichen Begehren eine Stimme zu geben. Wir hören hier auf dem Zuspielband die wunderbare Stimme von Almut Zilcher. Sie spricht ein imaginäres „Du" an, ja, beschwört es geradezu. Die Gesangsstimme reagiert auf diesen Text, durchkreuzt oder überhöht ihn, und erst in dieser Mehrschichtigkeit der beiden Stimmen erfassen wir möglicherweise etwas von dem Begehren, um das es hier geht. Gleichzeitig ist diese Stimme vom Band das formale Gerüst, das der Live-Sängerin einen zeitlichen Ablauf vorgibt und ermöglicht, dass sie dieses Stück auswendig darbietet. Sie muss alle ihre Live-Aktionen entsprechend des Textes vom Band timen. Der Text ist entsprechend meiner Vorgaben formal und zeitlich präzise durchstrukturiert und bildet gleichzeitig die Matrix für die Sopranistin.
Frage: Sie verwenden in dem Stück auch Generalpausen. Ist das nur ein Kompositionsmittel oder hat das eine konzeptionelle Bedeutung?
ItS: Es heißt an dieser Stelle im Text: „Als würde alles von vorn beginnen". Und dann hält die Komposition für einen Moment inne, als würde es tatsächlich die Möglichkeit geben, von vorn beginnen zu können.
Frage: Wie haben Sie dieses Stück komponiert? Ging es zuerst um die Idee des Textes oder zuerst um die Sopranstimme? Oder ist alles auf einmal in Ihrem Kopf entstanden?
ItS: Es ging mir von Anfang an um die Figur der Salome – und von Anfang an wusste ich, dass in diesem Stück Performance eine wichtige Rolle spielen würde. Die Idee und Ausarbeitung des Textes und der Komposition erfolgten nacheinander: Nach dieser ersten Idee, zu der auch die Vision über den Text gehörte, hat Karin Spielhofer, wie oben erklärt, den Text geschrieben, der wiederum die zeitliche Vorlage für die Komposition bildete. Genau so war es von Anfang an von mir geplant.
Frage: Wie war die Reaktion des Publikums?
ItS: Das Publikum war sehr ergriffen und hat in beiden Aufführungen sehr stark reagiert. Entsprechend gut waren auch die Kritiken. Das Stück hat die Menschen offenbar im positiven Sinne verstört.
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Frage: Lassen Sie uns auch noch über ‚Silence Moves' (1997) (mit Helmut Oehring) für Stimme, Violine, Cello, E-Bass, präpariertes Klavier/Sampler, Zuspielbänder, Videoinstallation und Live-Elektronik sprechen.
Wann haben Sie dieses Stück mit Helmut Oehring komponiert?
ItS: Ich glaube, im Jahr 1997.
Frage: Was war der Impuls?
ItS: Ich habe damals bei Prof. Christina von Braun über Schrift gearbeitet – ein faszinierendes Thema. Und so ist dieses Stück im weitesten Sinne ein Stück über die ‚Geschichte der Schrift' geworden, in all ihren Facetten (auch im Sinne eines Schriftbegriffs, wie ihn Derrida, Freud oder auch Lacan verwenden). Gleichzeitig spielt der Verlust, der Tod eine Rolle, denn Schrift und Tod haben immer miteinander zu tun.
Frage: Gemeinsam mit einer anderen Person zu komponieren, kann schwierig sein. Wie haben Sie sich die Rollen geteilt?
ItS: Ich habe mit Helmut Oehring 13 große Stücke komponiert; wir haben diesen Arbeitsprozess auf sehr viele unterschiedliche Weisen gestaltet und fast in jedem neuen Werk eine andere Möglichkeit ausprobiert. Es fühlte sich immer sehr leicht an, weil wir eine ästhetische Grundübereinstimmung und damit uneingeschränktes Vertrauen zueinander hatten.
Frage: Wer hat den Text ausgewählt und warum gerade diesen?
ItS: Der Text stammt von mir, mit Ausnahme einiger Zitate von Sigmund Freud und eines längeren Zitats von Ingeborg Bachmann. Dieser Text hat für mich mit Schrift zu tun, aber auch mit biografischen Elementen und dem Tod – wobei Tod und Schrift für mich ohnehin untrennbar miteinander verbunden sind. Er gibt also das wieder, was mich in dem Zeitraum gedanklich am meisten beschäftigt hat.
Frage: Wie haben Sie mit dem Text gearbeitet?
ItS: Ich habe ihn zum Teil nachträglich zur Musik geschrieben, teilweise waren Passagen bereits vorher fertig – etwa die „Eis-Texte", die wie ein Zwischenscharnier funktionieren.
Frage: Warum haben Sie diese sprachliche Dualität gewählt – Sopran auf Englisch und Sprechstimme auf Deutsch?
ItS: Ich finde es besonders schwierig, auf Deutsch singen zu lassen, weil man sofort in der Gattung des „deutschen Kunstlieds" landet. Mit dem Englischen ist das einfacher, da diese Assoziation nicht sofort da ist. Andererseits war es mir wichtig, dass die sprachlichen Teile gut verständlich sind.
Frage: Wie arbeiten Sie in dieser Komposition konkret mit dem Text?
ItS: Der Text wurde eigens für dieses Stück geschrieben und entstand fast immer zeitgleich mit der Musik.
Frage: Man hört Elemente, die an Jazz oder Klezmer erinnern. Hat das eine besondere Bedeutung?
ItS: Klezmer würde mich wundern – das wäre rein zufällig, da ich mich damit nicht auskenne. Wahrscheinlicher sind Anklänge an Rock- oder Funk-Musik. Das liegt zum einen an der Besetzung mit E-Bass und E-Gitarre, zum anderen an meiner eigenen Biografie: Ich habe lange Zeit Rockmusik gemacht und in Bands gespielt.
Frage: Wie war die Reaktion des Publikums?
ItS: Enthusiastisch! Es war damals sehr außergewöhnlich, eine multimediale Arbeit zu zeigen, die so konsequent durchkomponiert ist: Zwei kleine Leinwände und eine große Gazeleinwand vor der Bühne ermöglichten drei Videofilme, die teils gleichzeitig neue Perspektivwechsel boten, kombiniert mit Live-Musik in immer neuen Choreografien. Wir wurden für dieses Stück mit dem „Blaue Brücke"-Preis in Hellerau/Dresden ausgezeichnet.
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Frage: Sie arbeiten in Ihren Kompositionen sehr oft mit Texten und Stimmen. Warum wählen Sie diesen Weg? Was bedeutet der Text in Ihrer Musik für Sie?
ItS: Mit dem Text kommt immer Bedeutung ins Spiel. Das finde ich interessant. Zudem reizt es mich, die Sprache als ein weiteres Medium einzubeziehen – auch aufgrund der Semantik.
Frage: Viele Texte Ihrer Kompositionen stammen von Karin Spielhofer. Warum?
ItS: Wir sind seit Jahrzehnten eng befreundet, und ich arbeite sehr gern mit Freunden zusammen; das empfinde ich als totalen Luxus.
Frage: Zwei Texte in Ihren Kompositionen sind von Helga Utz. Warum haben Sie gerade mit ihr zusammengearbeitet?
ItS: Wir haben uns bei der Arbeit an der Kinderoper Die Gänsemagd kennengelernt; die Wiener Taschenoper hat uns zusammengebracht. Ich schätze Helga Utz als Librettistin sehr. Sie versteht immens viel von Musik und kann Texte daher im Sinne der Dramaturgie hervorragend vorstrukturieren.
Frage: Sie haben viele weitere Texte bearbeitet: den Roman Effi Briest (2000), das Poem ‚Live or die’ von Anne Sexton (1998), Die Gänsemagd (2010) und Odysseus (2013) von Helga Utz, Euridice (2002), Der Blick des Ohrs (1995), Engeltropfen (1993), Und was, wenn die Schlange ein Schwein gewesen wäre? (1989) von Karin Spielhofer, sowie Inside-outside II (1989) nach einem Text von Gertrude Stein. Warum haben Sie diese Texte gewählt? Welche der genannten Kompositionen hat für Sie den größten Wert? Tragen die Texte eine bestimmte Botschaft? Und warum wählen Sie oft Frauen als Autorinnen für Ihre Kompositionen? Ist das Zufall oder eine Regel? Falls es eine Regel ist: Warum?
ItS: Alle Texte sind für mich wichtig. Es ist mir ein großes Anliegen, der weiblichen Stimme Raum zu geben – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Schließlich bin ich eine Künstlerin und fühle mich in meiner Wahrnehmung der Welt in der gängigen Kunst oft unterrepräsentiert. Ich finde die Texte von Anne Sexton ganz besonders gut; sie ist für mich eine große Poetin. Damals war sie in Deutschland noch nicht besonders bekannt. Die Komposition Live or Die gehört zu meinen Lieblingskompositionen. Die Stücke mit Karin Spielhofer sind wesentlich „experimenteller" in Bezug auf das Format und die Textbehandlung; sie gehören größtenteils auch einem anderen Genre an.
Frage: Wie arbeiten Sie mit dem Text in Ihrer Musik?
ItS: Sehr unterschiedlich, das hängt stark vom Format ab. Die Texte von Helga Utz sind theatral, das heißt für eine Bühnenfigur geschrieben – entsprechend ist dann auch die Musik gestaltet. Anders verhält es sich in den Hörstücken mit Karin Spielhofer: Diese sind ganz frei strukturiert, und der Text spielt darin eine völlig andere Rolle; er „erzählt" viel weniger im konventionellen Sinne. Die Texte von Anne Sexton wiederum sind eher als „Songs" komponiert, wofür sie sich meiner Meinung nach hervorragend eignen.
Vielen Dank für das Gespräch!