Meret Forster im Gespräch mit Iris ter Schiphorst

Interview zur UA von 'My sweet latin Lover' (2002)

bei der Musica Viva, 2002

GO GUITARS ELECTRIC GUITAR MUSIC

Meret Forster:
 Ausdrucksmöglichkeiten zwischen den Medien, den Stilen, zwischen Schrift und Klang, Hörenund Sehen, kurz: das >Dazwischen< hat es Ihnen angetan. Inwiefern haben Sie in dem Stück »My Sweet Latin
Lover« einmal mehr Zwischenräume ausgelotet?

Iris ter Schiphorst: Bei diesem Stück interessierte mich weniger ein Grenzbereich zwischen den Medien als vielmehr diese sehr seltsame Besetzung: ein Gitarrenquintett, eine Flöte, zwei Schlagzeuger, die übrigens sehr unspezifisch Schlagzeug spielen, und ein Keyboard, das noch eine Schnittstelle zu neuen Medien ist. Vom Keyboardspieler werden vorproduzierte Samples abgespielt, die kalkulierbarer sind als der Gitarrensound. Denn die E-Gitarre ist als Instrument ein absolutes Chamäleon, weil jeder Gitarrist seine eigene E-Gitarre hat, seinen eigenen Sound und einen eigenen Verstärker. Wenn man für fünf E-Gitarren schreibt - also für ein großes Chamäleon - kann dabei etwas ganz anderes herauskommen, als man sich zunächst vorgestellt hat. Insofern bleibt die Partitur relativ offen, auch wenn alles genau notiert ist.

Forster: War Ihnen der wechselseitige Austausch mit den Interpreten daher von Anfang an besonders wichtig?

ter Schiphorst: Eine Zusammenarbeit ist in jedem Fall wichtig. Aber ich wollte ein Stück schreiben, das die Phantasie der Gitarristen anregt und  sie nicht verzweifelt nach der 125sten Zehntelsekunde irgendeines Delay-Klangs suchen lässt. Die Musiker sind ausdrücklich dazu aufgefordert, den von mir möglicherweise intendierten Klang selbst zu imaginieren und mit ihrer eigenen künstlerischen Phantasie herzustellen. Man kann den Klang dieser Instrumente einfach nicht gut genug >vorausberechnen<, um genau die passende Notation zu finden.

Forster: Spielten in Ihrer Klangvorstellung populärmusikalische Hintergründe eine Rolle?

ter Schiphorst: Früher habe ich in der Rockmusik viel mit E-Gitarre zu tun gehabt. Da hat dieses Instrument eine ganz besondere Funktion und einen sehr eigenen Sound. Jetzt wollte ich andere Ausdrucksmöglichkeiten finden, also genau das vermeiden, was E-Gitarristen in der Regel leicht fällt: schrille und heftige Effekte. Alles soll hier sehr leise und zart sein, vor allem aber äußerst skurril, so dass man vielleicht den Klang eines verfremdeten Orchesters erahnen kann.

Forster: Ging es Ihnen also vor allem darum, das Klischee des »Latin lovers« musikalisch zu entlarven?

ter Schiphorst: Oh, ja! Die Flötistin spricht oder singt stellenweise einen Text, einen kleinen verrückten Liebessong. Schon das ist eine ironische Art von Minnegesang. Es wäre letztlich allzu komisch, wenn man bei fünf E-Gitarristen tatsächlich lateinamerikanische Musik erwarten würde!

Forster: Die Flötistin flüstert »my sweet Latin lover, someone is waiting for you«, dann »my sweet Latin lover,someone is playing with you« etc. Haben Sie dem Stück eine Geschichte zugrunde gelegt?

ter Schiphorst: Ja, da gibt es eine Geschichte. Die Flötistin spricht diesen Text gleich einer Sängerin, und es kommen noch zwei alte englische Liebesgedichte von Thomas Moore und William Blake dazu. 
Aber den Ausgang der Geschichte möchte ich vorneweg nicht verraten. Der Text »Lösch die Lupinen Schnür Deine Schuh« wird vom Band per Tastendruck abgerufen. Dabei handelt es sich um ein kurzes Zitat aus dem Gedicht Die gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann. Ich habe diesen Text immer schon geliebt und finde ihn in diesem Zusammenhang eigentlich
viel zu dramatisch. Aber die Latin lover-Geschichte ist im besten Fall eine ironische Geschichte, hinter der sich noch ein ganz anderes Gesicht verbirgt.

Forster: Es ist ein sehr zartes Stück geworden, das im Ungewissen verklingt. Dennoch gibt es im letzten Dritteleine Beschleunigung mit unisono-Skalen. Können Sie einen formalen Gesamtplan ausmachen?

ter Schiphorst: Von einem formalen Konzept zu sprechen, fällt mir mit Blick auf meine eigenen Arbeiten immer unglaublich schwer. Ich wollte hier eine Steigerung haben und irgendwann diese Unisono-Läufe mit vielen Gitarren, also einen Aufbau, der von anfänglich sehr leisen Gesten zu den Skalen führt und dabei von der latin lover-Geschichte angetrieben wird.
Es gibt dann auch eine Art Kulminationspunkt. Aber ich möchte nicht, dass der Textinhalt übermächtig wird. Sonst ist gleich die Rede von einer Vertonung.

Forster: Entwickelt sich die Form also spontan aus dem Material heraus?

ter Schiphorst: Das ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Meistens fange ich einfach an, und oft bleibt der Anfang letztlich ein Schlüsselteil im Gesamtverlauf. Es ergibt sich eine Art Materiallogik, die das, was
ich vorher empfinde, transportieren kann. Ich gehe immer mit einem Grundgefühl und bestimmten Klang-vorstellungen an die Arbeit.
Die latin lover-Geschichte kam mir hier tatsächlich erst beim Komponieren in den Sinn.Es klingt banal, aber als ich eines Morgens aufgewacht bin, wusste ich, dass das Stück »latin lover« heißen muss. Und nach einigem Hin und Her habe ich mich für dieses Thema entschieden. Dann bin ich auf Textsuche gegangen, wobei es mir nie um eine Textillustration, sondern vielmehr um eine bestimmte Atmosphäre ging. Allein die Instrumentalbesetzung ist völlig absurd und amüsiert mich sehr. Ich hoffe, dass das auch
beim ersten Hörerlebnis so bleibt...

Das Interview führte Meret Forster am 11.05.2002

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