Lydia Jeschke im Gespräch mit Iris ter Schiphorst und Uros Rojko
Nachdenken übers Musikmachen
zur UA von JEDER für Solokontrabassklarinette, gr. Orchester, Video-und Audio-Zuspiele
LJ Die Komposition JEDER hat zwei Autoren – wie kam es dazu?
ITS Ich habe Uros eingeladen. Es gab einen Auftrag von Björn Gottstein an mich, nachdem Theo Nabicht sehr gern ein Kontrabassklarinettenkonzert von mir haben wollte. Und ich habe Uros dazu eingeladen – ganz frech. Denn ich genieße es, ab und zu mit anderen Komponisten zusammen zu arbeiten, es entsteht dadurch im besten Fall eine richtige Bündelung von Kräften.
LJ Wie sieht das dann konkret aus: Sitzen da zwei Komponisten über demselben Notenblatt, jeder hat einen Stift und fängt irgendwo an zu schreiben?
ITS Das war in diesem Stück sehr speziell und spannend, und wir haben uns sehr gut ergänzt. Das Stück nahm seinen Ausgang von Ton- und Video-Aufnahmen, die wir seinerzeit im ZKM dank eines Stipendiums des Instituts für Musik und Akustik machen durften. Dort haben wir uns mit Theo Nabicht getroffen, Anton Kossjanenko, hat die Ton- und Andreas Brehmer die Videoaufnahmen gemacht. Theo hat auf unsere Anweisungen hin improvisiert und wir haben das, was uns besonders interessant schien, versucht, gemeinsam genauer weiter zu entwickeln. Außerdem haben wir dort ein langes Interview mit Theo geführt, das ebenfalls aufgenommen wurde. ... all diese Aufnahmen bildeten den Ausgangspunkt unserer Komposition.
LJ Und dann?
ITS Zunächst mal war es sehr viel Arbeit, das ganze Material zu sichten, wir haben ja fast zwei ganze Tage dort aufgenommen; Andreas Brehmer hat viele wunderbare Video-Aufnahmen gemacht, und das Interview, das wir dann mit Theo geführt haben, war über eine Stunde lang, mit vielen spannenden Themen. Die Frage war: Wie würden wir das alles in ein 25minütiges Stück gießen können? Welche Form würden wir dazu finden? Wir haben als ersten Schritt das Interview strukturiert und diskutiert, was wir eigentlich davon brauchen. Und dann haben wir beide unabhängig voneinander angefangen, mit dem Material zu arbeiten.
UR In diesem Projekt kamen tatsächlich zwei verschiedene Möglichkeiten zum Tragen, wie man als Komponist arbeiten kann: Es gibt Komponisten, die zunächst wissen müssen, was sie zu erzählen haben und warum sie überhaupt etwas erzählen, bevor sie darüber nachdenken, wie und womit das zu erreichen ist. Der andere Weg ist, ein Material zu entwickeln, weil man das selbst spannend findet, und erst, wenn das schon heftig bearbeitet ist, zu überlegen, was man damit machen kann. Ich neige, glaube ich, eher zu dieser Vorgehensweise und Iris zu der anderen – und genau dadurch haben wir uns fantastisch ergänzt. Ohne uns gegenseitig auf die Füße zu treten, konnten wie parallel und unabhängig voneinander dort beginnen, wo unsere jeweilige Stärke liegt. Und dann haben wir uns in der Mitte getroffen.
ITS Die Kontrabassklarinette ist ja ein ganz besonderes Instrument. Eines, das unserer Meinung nach zumindest auf den ersten Blick eigentlich nicht besonders gut zu einem großen Orchester passt, denn es ist ein sehr leises Instrument, mit einer ganz besonderen Klangcharakteristik. Entsprechend beschäftigten uns zwei zentrale Fragen: Wie schaffen wir es, dass die Kontrabassklarinette wirklich als Soloinstrument zum Tragen kommt? Und wie stellen wir es an, Kontrabassklarinette und Orchester so zu verweben, dass ein gemeinsamer Klangraum entsteht?
Letztlich haben uns entschieden, in diesem Stück mit Spektralanalyse zu arbeiten, Analysen von Teilen aus Theos Improvisationen. Dabei hat uns der junge Komponist Otto Wanke geholfen. Daraus haben wir Material entwickelt und weiterverarbeitet, so dass das, was das Orchester spielt, sehr eng verknüpft ist mit der Kontrabassklarinette, oder noch genauer: mit Theos Kontrabassklarinettenspiel. Eine Herangehensweise, die uns großen Spaß gemacht hat. Es gab also im Verlauf des Kompositionsprozesses verschiedenste Aufgaben zu lösen und Dinge zu tun – und nach und nach haben wir die Form entwickelt, die das Stück jetzt hat.
UR Irgendwann war klar, dass alles Material, das nicht direkt mit Theos Improvisationen zu tun hatte, wegfallen musste. Das war ein bisschen schmerzlich (denn es gab schon sehr viel anderes Material – ) aber letztlich ganz eindeutig. Denn nur so konnten wir kompakt und kohärent gestalten.
LJ Theo Nabicht scheint in gewisser Weise ein dritter Autor des Ganzen zu sein – ist das Stück auch eine Forschungsarbeit über dieses besondere Instrument, das er spielt?
ITS Wir haben ja beide schon früher mit Theo gearbeitet. Ich hatte im Auftrag des Berliner Senats einmal tatsächlich mit Theo zusammen einen Forschungsauftrag; daraus ist ein Stück entstanden, das extrem schwierig ist und das Instrument bis an seine Grenzen ausforscht. Später hat Theo uns beide und auch andere Komponisten zu weiterer Arbeit eingeladen. Er hat einfach ein großes Interesse daran, Dinge zu entdecken, die sein Instrument in sich birgt, die aber vielleicht noch nicht erforscht sind. Insofern ist Theo hier nicht nur als Solist die zentrale Figur des Stückes, sondern derjenige, der dafür gesorgt hat, dass der Auftrag dazu überhaupt zustande kam.
Ganz buchstäblich ist alles, was in dem Stück vorkommt, aus dem Spiel der Kontrabassklarinette generiert. Aber natürlich in verarbeiteter Form. Denn die Spektralanalyse ist ja nur ein Verfahren, um halbwegs kohärentes Material zu generieren, aber dieses Material ist zunächst noch extrem roh und muss erst einen ‚richtigen’ Kompositionsprozess durchlaufen, um überhaupt verwendet werden zu können. Auch konnten wir nur kleinste Bits von Theos Improvisationen verwenden – sonst wäre es ein Stück geworden, dessen Aufführung Stunden oder Tage gedauert hätte.
LJ Was ist an Theo Nabichts Instrument so besonders? Die wenigen Kontrabassklarinetten, die es auf der Welt gibt, sind ja auch nochmals sehr unterschiedlich...
ITS Es ist ein Holzinstrument, das sehr selten ist. Es wurde ihm zur Verfügung gestellt, um darauf zu spielen und daran zu forschen. Schon durch das Material Holz – die meisten Kontrabassklarinetten sind aus Metall – hat es einen ganz charakteristischen Klang, sehr zart und weich. Für alle Kontrabassklarinetten gilt: Sie haben unglaubliche Tonumfänge und ganz viele Register. Theo sagt immer: Das Instrument ist noch nicht wirklich erforscht. Es gibt immer wieder neue, andere Anblastechniken, die zu neuen Obertönen oder Multiphonics führen usw. Allein durch diese immense Größe – das Instrument nimmt etwa so viel Raum ein wie ein stehender Mann – hat es unendlich viele Klappen, und das Mundstück ist riesig (das wird in unserem Film zu sehen sein). Da kann man sich schon vorstellen, dass ein Spezialist ist wie Theo sehr Vieles damit machen kann.
UR Oder auch ohne Mundstück! Klappengeräusche und vieles mehr...
LJ In der Partitur zu JEDER lässt sich schon erahnen, wie sich die Klarinette ins Orchester ausbreitet. Da gibt es eine Passage, in der die Schlagzeuger mit gestopften Kuhglocken (!) die Klappengeräusche der Klarinette imitieren sollen. Haben Euch die Geräuschmöglichkeiten des Instruments besonders fasziniert?
UR Ja, schon. Wir haben versucht, im Orchester eine Meta-Kontrabassklarinette entstehen zu lassen. Das ist sicherlich letztlich utopisch, aber wir haben alles Mögliche an Spieltechniken aufgegriffen, um die Kontrabassklarinette auch durch das Orchester zu repräsentieren. Die Idee war, einen einheitlichen Klangraum zu schaffen mit kohärenten Klängen aus dem solistischen und dem orchestralen Bereich.
ITS Was Du da in der Partitur findest, hat ebenfalls mit unserer Verbindung zu Theo zu tun. Im Studio, während unserer Aufnahmen, haben wir bestimmte Dinge, die er von sich aus angeboten hat, auf die Spitze getrieben. Wir haben ihn nach ziemlich genauen Plänen angetrieben, immer noch etwas weiter zu gehen. So entstand schon da ein gemeinsamer Kompositionsprozess – mit großer Lust an der Sache; je verrückter, desto besser, fanden wir alle.
LJ Wahrscheinlich hat der Musiker da auch neue Dinge entdeckt?
ITS Zum Beispiel gibt es eine Passage mit Obertönen, an sich nichts Ungewöhnliches für ein solches Instrument. Allerdings hat uns im Studio besonders die vierte Lage gefallen – eine Lage, von der Theo sagt, dass es eigentlich die schwierigste und seltenste ist, sie ist total zerbrechlich und schwer herzustellen. Aber wir fanden gerade das Zerbrechliche besonders schön und haben sie zur Überraschung des Solisten entsprechend prominent eingesetzt.
LJ Spielen Luft und Atem eine besondere Rolle im Stück? Es beginnt ja schon mit einer „Luftimprovisation“ des Solisten.
ITS Wir fanden gerade die Luftimprovisationen in ihrer Expressivität typisch für Theo. Als Komponistin empfinde ich, wenn ich ihm dabei zuschaue, eine besondere Ausdruckskraft – das ist etwas, das sehr zu ihm als Musiker gehört. Diese expressive Atemwelt haben wir dann ins Orchester übernommen, als eine Art Grundexpressivität sozusagen.
LJ Theo Nabicht ist also jemand, der besonders ausdrucksvoll atmet?
UR Das Instrument bietet das sicher an. Theo hat es aber sehr differenziert. Die Geräusche, die er macht, sind damit gekoppelt, wie man bläst: mit offenem Mund, mit geschlossenem Mund, durch die Nase... kombiniert mit Klappengeräuschen und der Positionen der Hände. Manchmal nimmt er das Mundstück allmählich ab, und bläst z. B. gleichzeitig durch Mundstück und Rohr. Geräusch ist eben nicht einfach Geräusch – es gibt tausend Möglichkeiten, wie es klingen kann. Damit konnten wir gut arbeiten, auch im Orchester.
ITS Genau. Die Kopplung zwischen Theo und seinem Instrument ist das Interessante. Dabei entsteht eine Welt, die weit weg ist von einer irgendwie beliebigen Improvisation, dahinter steckt vielmehr sehr viel Forschung und Wissen.
LJ Uros, Du bist ja selbst Klarinettist. Hast Du mal versucht, Kontrabassklarinette zu spielen? Ist sie sehr weit weg von der „normalen“ Klarinette?
UR (lacht) Leider habe ich ja kein solches Instrument. Und ich habe mich bisher nicht getraut, Theo zu fragen, ob ich mal auf seinem spielen darf. Irgendwann würde ich es gern mal versuchen, noch habe ich es nicht gewagt. Theo hat ja früher Bassklarinette gespielt und sagt selbst, die Kontrabassklarinette sei ein völlig anderes Instrument.
LJ Der Aufbau, der uns im Konzert erwartet, bietet uns den Solisten relativ klassisch links vorn vor dem Orchester, dann aber gibt es zwei Leinwände rechts und hinten, die ebenfalls Theo Nabicht zeigen, wie er spielt und wie er spricht. Warum diese mediale Verdopplung des Solisten?
ITS Je länger man mit Theo arbeitet, desto mehr erkennt man, was für eine verrückte Kombination das ist: Mensch und Kontrabassklarinette. Nochmal im Großformat zu sehen, was es für eine physische Aufgabe ist, dieses Instrument zu spielen, hat uns fasziniert. Mit Andreas Brehmer hatten wir einen kongenialen Partner, der durch die Bildausschnitte und durch die klare Kameraposition ohne Schnickschnack das ins Zentrum setzt, worum es geht: Theo und sein Instrument. Formal gibt es manchmal kanonische Passagen, in denen Theo auf der Bühne mit Theo im Film Duo spielt. Und manchmal sogar mit sich selbst im Trio. Im Interview zeigt sich unserer Meinung nach sehr gut, wie er über Musik und Gesellschaft denkt, darum wollten wir auch diese Ebene unbedingt integrieren.
LJ Es gibt also den sprechenden Solisten, den im Film spielenden und den live auf der Bühne konzertierenden Solisten. Wie kann der Dirigent das koordinieren? Ihr habt ja keinen clicktrack, also keine mechanisch exakte Zeitstruktur vorgegeben.
ITS Wir haben bewusst darauf verzichtet, haben aber die Partitur so eingerichtet, dass das Zusammenspiel möglich ist. Wir wollten das Spannungsmoment des live-Geschehens erhalten. So werden die Filmsequenzen auch live von einem Orchestermusiker, von Christoph Grund am Keyboard, gestartet.
LJ In den Interviewpassagen mit Theo Nabicht, die uns über die hintere Leinwand zugespielt werden, geht es um Grundsätzliches beim Entstehen von Musik. Steuern diese Aussagen bewusst die Musik, die vielleicht auf diese Überlegungen antwortet? Oder geht es eher um eine Parallelwelt?
UR Es ist eher eine Parallelwelt, denke ich.
ITS Für mich ist es tatsächlich eher eine einzige große Erzählung: Was Theo sagt und was gespielt wird, gehört für mich zusammen. Am Ende wird sich zeigen, ob dieses Zusammenspiel funktioniert. Im Entstehungsprozess jedenfalls ist beides eng verwoben, die Auswahl der Texte und die Auswahl der Musik. Wir haben aus dem langen Interview ja extrem viel an Themen und Aspekten rausgeschmissen und uns auf ganz wenige Aussagen konzentriert. Die Hoffnung ist, dass es so eine große Erzählung geworden ist über Musik oder darüber, wie Theo Musik denkt.
UR Was ich mit den Parallelwelten meine, ist, dass das, was Theo sagt, eher allgemeine Bedeutung hat, es sind kleine philosophische Äußerungen darüber, was Musik ist oder kann, ganz allgemein. Was wir hören, ist aber etwas ganz Konkretes. Trotzdem ist beides miteinander verbunden. Ich habe ja zigmal gehört, was Theo sagt, als wir überlegen mussten, wo wir was platzieren. Jedes Mal hat es mich fasziniert: Was er sagt und wie er es sagt. Er spricht mit solcher Wärme, mit Liebe, dass man denken muss: Das ist es, was wichtig ist.
LJ Ist das Stück auch eine Antwort auf die Fragen, die ihr Theo Nabicht gestellt habt? Fragen wie „Warum mache ich das?“ „Wer hört das wie?“ „Was ist meine Aufgabe als Musiker?“
UR Wir hoffen, dass das zum Ausdruck kommt. Wir müssen sehen, ob es gelingt.
ITS Die Klarheit, mit der Theo geantwortet hat, war für uns verblüffend und nebenbei auch sehr konträr zu dem, was in Deutschland sonst so über Musik verhandelt wird. Theo ist jemand, der diesen Begriff von Musik, den er äußert, auch wirklich lebt. Das war für uns als Komponisten sehr berührend – und vor dem Hintergrund dessen, was sonst alles so theoretisiert wird über Musik - zugleich erfrischend. Eigentlich wollten wir mit dem Interview ganz woanders hin, hinein in den philosophischen Diskurs über Gleichheit und Ungleichheit des Menschen. Ausgangspunkt war die Aussage von Christoph Menke, gleich seien Menschen nur im Ästhetischen, in der Kraft der Imagination. Dann hat das Gespräch durch Theos Antworten aber einen ganz anderen Verlauf genommen.
LJ Offenbar seid Ihr aber sehr einverstanden mit dem, was er sagt und worum es ihm geht. Es ist nun, so scheint mir, auch ein Stück über das Musikmachen geworden.
UR Sicher. Theo ist sozusagen ein Vorbild für jemanden, der Musik macht oder komponiert.
ITS Absolut. Und das mit allem Ernst und aller Energie, die dazu nötig ist.