Egbert Hiller

„… meine Gedanken in Klang verwandeln…“

über die Komponistin Iris ter Schiphorst

in Raue Zeiten - Neue Musik in/als Reibung  (Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, 
Darmstadt, Band 63.) Einzelausgabe - Herausgeber:innen: Chirsta Brüstle, Marie-Anne Kohl, Karolin Schmitt-Weidkamp


Auszug
... Rau sind die Zeiten in ihrer Wahrnehmung allerdings schon länger, wie sie anlässlich der Verleihung des Heidelberger Künstlerinnenpreises an sie im Jahr 2015 unterstrich:

„Was kann Musik überhaupt noch in dieser Zeit, die so gewalttätig und korrupt ist und geprägt wird von einem entsetzlichen Neoliberalismus, der überall herrscht, der auch Musik vom Tisch fegt wie nichts Gutes. Die Utopie, die Musik – eigentlich bedeutet – hörend, ausübend an einem Klangerlebnis teil zu haben, das im besten Falle sogar etwas aussagt – gerät unter wachsenden Druck. Aber manchmal denke ich auch, dass unsere wunderbare Musik oder Musik überhaupt vielleicht tatsächlich zu wenig sagt. Im Grunde müsste man einfach aufstehen und viel mehr auch das Wort ergreifen, aber dann beschäftigt mich im Gegenzug wieder die Frage, wie kann ich vielleicht meine Gedanken, die ich dazu habe, doch in Kunst, in Klang verwandeln?“ 

Dieses ebenso fruchtbare wie aufreibende Spannungsfeld zwingt Iris ter Schiphorst immer wieder dazu, auch vor sich selbst, Position zu beziehen: „Wenn ich etwas sagen will, und ich bin in der Lage, es klipp und klar in Sprache zu sagen, dann sollte ich das tun, aber dann brauche ich keine Musik dazu zu machen.“

Gleichwohl betont sie die ureigenen Qualitäten von Musik, die sich der Vermittlung bestimmter Inhalte oder eindeutiger Botschaften entzieht: „Musik ist ein anderes Ausdrucksmedium mit eigener Kraft und eigenen Möglichkeiten. Das, um was es in der Musik geht, lässt sich nicht einfach auf einen Nenner bringen und klar definieren. Der Klang hat sein eigenes Leben und seine eigene Ausdruckskapazität, und dieses Eigenleben ist auch für uns Komponierende nicht vollständig kontrollierbar, auch bereits im schöpferischen Prozess selbst.“

Mit diesen Worten greift Iris ter Schiphorst die Dichotomie zwischen inhaltlichen Dimensionen und abstrahierender Gestaltung auf, oder auf gesellschaftspolitische Phänomene übertragen, die Dichotomie zwischen politischer Stellungnahme im Sinne von Aufbegehren gegen herrschende Verhältnisse einerseits und künstlerischer Abstraktion andererseits.

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Kennzeichnend für sie ist, dass sie sich nicht auf ein Genre oder eine bestimmte ästhetische Richtung festlegen lässt. Ihre stilistische Offenheit und Vielseitigkeit ist ein zentrales Kriterium ihrer schöpferischen Identität und wurzelt in frühen musikalischen Erfahrungen.

„Ich glaube, es spielt eine Rolle, dass ich nicht so sehr über die Noten, sondern eher übers Gehör zum Klavier gekommen bin. Meine Mutter war Pianistin, und so war es selbstverständlich, dass ich zu Hause immer am Klavier herumfummelte. Ich habe versucht zu imitieren, was ich hörte, und meine Mutter sagte manchmal: ‚Mensch, nun spiel doch endlich mal was Anständiges‘. Die klassischen Werke habe ich über das Ohr verinnerlicht, sodass ich sie ohne Noten auf der Tastatur irgendwie nachspielen konnte. Die Liebe zum Hören oder der Genuss, etwas über das Ohr zu finden, der hat sich bei mir unglaublich früh ausgeprägt. Ich habe mich früher immer als Expertin für das Dazwischen bezeichnet. Ich habe zwar mit großer Leidenschaft klassisches Klavier gespielt und bin mit dieser ganzen Tradition groß geworden. Trotzdem bin ich durch vielerlei Umstände auch mit vielen anderen Musikstilen in Berührung gekommen und habe mich mit großem Spaß auch darin als Musikerin betätigt.“ (ItS)

Iris ter Schiphorst war Bassgitarristin, Schlagzeugerin und Keyboarderin in Rock- und Popformationen. Dennoch fand sie zur Neuen Musik, was alles andere als ein Zufall war. Vielmehr verknüpfte sich ihr breit gestreutes Interesse an aktuellen künstlerischen und wissenschaftlichen Strömungen mit ihrer tiefen Neigung zur Musik.

„Ich bin über den Umweg der Philosophie zur zeitgenössischen Musik gekommen, denn als ich nach Berlin kam, eigentlich um Romane zu schreiben, brachte mich ein Uni-Seminar auf die Spur, mich intensiv mit den Poststrukturalisten zu beschäftigen. Ich habe sehr viel Jacques Derrida gelesen, dessen Texte in den 1980er-Jahren noch brandneu waren, und irgendwann tauchte in mir die Frage auf, was denkt man heutzutage über Musik oder was ist heute Musik, was ist überhaupt zeitgenössische Musik?“

Angeregt, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, wurde Iris ter Schiphorst auch von Luigi Nono, dessen Kurse sie besuchte, und Dieter Schnebel. Immer stärker rückten für sie die politisch-gesellschaftlichen Dimensionen von Musik in den Fokus. Beispielhaft zeichnen sie sich in ihrem Werk Zerstören für Ensemble und CD-Zuspielung von 2005/2006 ab – samt Zwiespalt zwischen unmittelbaren Ausdrucksbedürfnissen und künstlerischer Abstraktion.

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Mit dem Faktor „Zerstörung“ geht Iris ter Schiphorst indes sehr sensibel um. Martialische Ausdrucksintensität entfacht sie nur phasenweise. Vielmehr spielt sie subtil mit klanglichen Brüchigkeiten und Schwebezuständen – als würde ein vermeintlich stabiles System von innen ausgehöhlt, bis es krachend einstürzt. Experimentelle Spieltechniken bereichern das vielschichtige Klangbild, in das auch das gesprochene Wort einbezogen ist. 

„Es gibt nur Textfragmente, Worte, die auftauchen, ein kurzer Text von Marguerite Duras aus ihrem Roman ‚Détruire dit-elle‘. An diesen Roman musste ich beim Komponieren immer wieder denken; er kreist um den Gedanken, wie sich eine andere Gesellschaftsordnung erreichen lässt. Duras ging es um die Zerschlagung der symbolischen Ordnung: In dem Roman gibt es eine Alissa, die durch Passivität und Nichtstun versucht, die Dinge zu verändern, sie aus dem Lot zu bringen. Ich finde, das ist ein spannender Ansatz.“ ...

In der Partitur vermerkte Iris ter Schiphorst: „Es gibt in -‚Zerstören‘- drei extrem dichte Teile, die aus ineinander verwobenen cross-fades verschiedener Schichten bestehen.“[1] Damit nahm sie Wesentliches über die Konstruktionsprinzipien des Werks vorweg, wobei dessen strukturelle Identität eng mit dem außermusikalischen Anliegen korrespondiert. In ihrem Werkkommentar charakterisierte sie Zerstören als „Klangprotokoll einer psychosomatischen Reaktion auf die globale Allgegenwart von Gewalt“. Jedenfalls seien die Bilder, „die derzeit um den Globus gehen, recht eindrücklich und ich merke, dass sie etwas mit mir machen, dass sie mich verändern.“

Seit der Uraufführung von Zerstören bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik 2006 hat sich die Situation der Menschheit nicht verbessert; die Zeiten sind vielmehr durch Pandemie und Ukraine-Krieg noch rauer geworden. An Aktualität mangelt es dem Werk mithin nicht – und die Frage, welche Rolle die Musik im gesellschaftlichen Kontext spielen kann, treibt ter Schiphorst mehr denn je um.  Schon Zerstören bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Die Musik „sagt“ viel, bleibt aber im Mehrdeutigen und Abstrakten.

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Beides, der musikalische Gehalt beziehungsweise die Auseinandersetzung mit politisch-gesellschaftlichen Fragen samt deren Relevanz in der Musik und die pure Freude am Klang, bedingen sich für Iris ter Schiphorst, obwohl das Verhältnis zwischen beiden Sphären komplex ist und immer wieder neu definiert werden muss:

„Das beschäftigt mich sehr. Wenn wir über Gesellschaft, über Politik etc. reden oder nachdenken, dann sind wir kognitiv mit der Semantik der Sprache beschäftigt. Aber in der Musik spielt diese Art der Semantik ab irgendeinem Zeitpunkt keine Rolle mehr. Klänge sprechen zu mir in einer Sprache jenseits von Semantik.“

Eine andere Perspektive offenbart ihr Stück aus kindertagen verloren für E-Gitarre, präpariertes Klavier, Sampler, Violine, Viola, Streichquartett und zwei CD-Player. Das Stück entstand 2004/2005...Die Instrumentalklänge werden in aus kindertagen verloren durchgängig verstärkt und durch Zuspielbänder angereichert und aufgeladen, wobei Kinderverse und Romanzitate eingestreut werden, was in anderer Form – mit dem Text von Marguerite Duras – auch in Zerstören präsent ist. Die Besetzung ist ungewöhnlich und erschließt ganz eigene Klangpotenziale, die auf höherer Ebene mit der Motivation für das Werk korrespondieren:
„Es geht mir in dieser Arbeit um eine spezielle Energie, die gespeist ist durch Neugier auf Leben, die Suche nach Abenteuer, Wildheit, nach Ungebändigtsein. Eine Energie, die sich nicht schert um Regeln, Verbindlichkeiten, Formen. Als Kind liebte ich es, Kasperletheater zu spielen. Mit einer Kinderfreundin haben wir aus dem Stehgreif die verrücktesten Geschichten erfunden, uns berauscht an den Charakteren und unseren fremden Stimmen, die wir den jeweiligen Puppen gegeben haben – berauscht an der Energie und Wachheit des Hier und Jetzt.“

Diese Energie suchte Iris ter Schiphorst in aus kindertagen verloren einzufangen, wodurch diese Musik fast den Charakter eines Selbstporträts erhält. Im Zusammenhang mit ihrem Werk Zerstören erscheinen in den beiden Werken zwei Seiten ihrer Sicht auf die Welt, die aber eng aufeinander bezogen sind: zum einen die Rückblende auf die Kinderseele, auf die verlorene Kindheit, die indes durch Zitate aus dem Roman Emilia gerät in die Kriegswirren oder O der neue Tag von Karin Spielhofer keineswegs nur unbeschwert anmutet. Zum anderen die Vergegenwärtigung einer brutalen Wirklichkeit, die sich in Zerstören manifestiert. Traum und Realität, Utopie und Gegenwart durchdringen sich und bilden in der Gegenüberstellung ein markantes Gegensatzpaar.

Zu einer Form der Synthese zwischen Traum und Realität fand Iris ter Schiphorst dann in ihrer Kurzoper Undine geht, eine Art Monodram nach dem gleichnamigen Text von Ingeborg Bachmann für eine Schauspielerin, eine*n singende*n Cellist*in, eine Sängerin, gemischtes Ensemble und Zuspiele, komponiert 2020/2021 für das Salzburger Taschenopernfestival 2021. Sie schrieb das Libretto, nach besagtem Text von Ingeborg Bachmann, selbst. ...

Als inhaltliche Ausgangspunkte für schöpferische Reflexionen über Undine im Rahmen des Taschenopernfestivals dienten zwei Texte: Friedrich de la Motte Fouqués Undine von 1811 und Ingeborg Bachmanns Undine geht von 1961. Iris ter Schiphorst konzentrierte sich auf Bachmanns Text, den für die Thematik einzubeziehen sie bei Regisseur Thierry Bruehl selbst anregte und den sie in ihrer gleichnamigen Taschenoper auf seine Relevanz für die Gegenwart und Zukunft abklopfte.

„Für mich lag der Fokus darauf, mich noch mal an den Utopien, die in Bachmanns Text anklingen und die für mich auch zum Teil mehrdeutig sind, abzuarbeiten. Die Oper fängt märchenhaft an, mit Oberton-Martellato-Gesängen und einem Cello-Gezwitscher, was einen Raum eröffnet, der noch alles, auch die Möglichkeit einer Märchenoper, offenlässt.“

Die geheimnisvolle Stimmung vom Anfang schlägt rasch um in harsche Bitterkeit, schrägen Charme und bohrende Schärfe. Schrille Revue-Anklänge verschmelzen mit gleichermaßen reflexiven wie politisierten Betrachtungen zum Verhältnis der Geschlechter, und Schlaglichter aus der Operntradition prallen auf Klangfratzen aus der Pop-Kultur, die zudem einen Einbruch der Subkultur in die Sphäre der sogenannten Hochkultur symbolisieren – was auf Iris ter Schiphorsts Verbindungen zur Popkultur, auf „die verrauchten Clubs und Übungskeller“, zurückverweist.

Undine ist in ihrer Kurzoper gespalten in ein Naturwesen und eine Frau von heute, die ihren großen Auftritt als sprechende Undine hat – als eine Frau, die das Wort ergreift. Der oben skizzierte Gegensatz zwischen dem konkreten Wortergreifen einerseits und musikalischer Abstrahierung andererseits ist hier aufgelöst. Beides steht nebeneinander, wobei es Iris ter Schiphorst wichtig war, die Geschichte von Bachmanns Undine von hinten aufzurollen, denn die Figur spricht Text, der in Bachmanns Undine geht ganz am Ende steht: „Die Welt ist immer noch finster", auch 60 Jahre nach der Niederschrift ihres Textes ist noch immer keine Lichtung in Sicht.

Iris ter Schiphorsts 'Undine geht' bezieht Operntradition und Popkultur ein, Elemente aus dem Sprechtheater und einen hochvirtuosen Solocellisten, der zugleich die Figur des Hans aus Bachmanns Text verkörpert. Auch an das Ensemble einschließlich Sampler und Elektronik stellt das Werk spezielle Anforderungen, die sich mit Grenzüberschreitungen zum Singen, Schreien oder Flüstern von konventioneller Interpretation mitunter weit entfernen. ...

Die „Neugier auf Leben“, die in aus Kindertagen verloren thematisiert wurde, gilt auch für Undine geht. Sie verkörpert sich in der Figur der Undine selbst, die als Naturwesen den Menschen mit eben dieser Neugier begegnet, aber an ihnen scheitern muss – eingedenk eines Zustands der Welt, in der sich in den 60 Jahren seit Ingeborg Bachmanns gleichnamigem Text im Hinblick auf die Machtverhältnisse wenig Grundlegendes verändert hat – obwohl sich aus feministischem Blickwinkel, der für Iris ter Schiphorst auch ein wesentlicher ist, immerhin einiges getan hat.

Die Kurzoper Undine geht deutet auf eine Märchenwelt, die aber gebrochen wird, und hart mit der Realität zusammenprallt. Auch in diesem Werk greifen Aufbegehren und Abstraktion ineinander, aber auf eine sehr spezifische, nämlich überraschend konkrete Weise, zumal was die schauspielerische Darstellung des Textes angeht – wenngleich die Sprache, die selbst Klang ist, auch als eine rein klangliche Schicht funktioniert. Das Werk bleibt in seiner Komplexität und der Durchdringung verschiedener Ebenen, darin wie Iris ter Schiphorst ihre Gedanken in Klang verwandelt, vielschichtig und mehrdeutig. Und die Verklammerung vermeintlich gegensätzlicher Sphären kann als strukturelle Rauheit in der großformalen Konzeption betrachtet werden.

Aus der Befragung der mythischen Undine erwächst die Erkenntnis, dass die Natur- und Märchenwelt endgültig passé ist, dass sie nur mehr als imaginärer Rückzugsort, als Traumgebilde, taugt – denn die Flucht in verheißungsvolle (Natur-)Paradiese ist so gut wie unmöglich geworden: Alles ist erschlossen und durchökonomisiert, vieles bereits zerstört. Undine geht, sie muss gehen, zurück bleibt die raue Wirklichkeit, die seit der Entstehung dieser Kurzoper 2021 vor zwei Jahren noch rauer geworden ist. Stellvertretend für die Komponistin selbst, aber auch für die Rezipient*innen ihrer Musik, scheinen Träume und Hoffnungen zu zerplatzen, doch nicht so ganz – ein Rest von Utopie bleibt, auch für Undine, die als Verkörperung des Utopischen rauen Zeiten entgegengeht.

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Die Zitate entstammen  Gesprächen zwischen Komponistin und Autor 2015 und 2021

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