Interview in DIABOLO 1991

zum Konzert in Oldenburg, Mai 1991

IRIS TER SCHIPHORST

Offene Ohren sollten sich den Termin für das Konzert mit der Elektronikkomponistin Iris ter Schiphorst dick hinter dieselben schreiben, denn alles spricht für ein spannendes Musik – und Hörereignis.
Die Musik der Berlinerin, ob als Komposition oder Hörstückproduktion hat durchweg experimentellen Charakter. Der ungewöhnlichen Musik wird der Rahmen entsprechen: in einer Spätvorstellung am 7.5. um 23:00 Uhr werden Iris ter Schiphorst und die Geigerin Susanne Schulz auch den letzten Silberstreifen am Horizont vertreiben. Tatort: Ziegelhof – Kino. Friedemann Schmidt – Mechau und Eckhart Beinke hatten für DIABOLO Gelegenheit, nach Hintergründen zu ihrer Musik zu fragen.

Diabolo: Wie wohnst du in Berlin?

Iris: Ich wohne gegenüber von unserem Ex Bürgermeister Momper in Kreuzberg 61, also dem etwas besseren Kreuzberg in einem uralten Haus im vierten Stock, in einer Straße, die wunderschön ist. Dort ist es wie auf einem Dorf. Und ich habe das große Glück, dass die Nachbarin unter mir schwerhörig ist und es neben mir und über mir niemanden gibt. Darum bin ich in der glücklichen Lage, in einer Etagenwohnung ziemlich viel Krach machen zu dürfen.

Diabolo:
Und du machst viel Krach?

Iris:
Ja, ich mache viel Krach! (lacht) Alle Proben finden bei mir im Wohn-Zimmer statt und dabei wird es oft sehr laut.

Diabolo:
Wie entsteht deine Musik?

Iris:
Entweder auf einem spielerischen Weg, indem ich wie ein Kleinkind mit meinen Geräten herumspiele und dabei meistens irgendwann auf etwas stoße, was mir gut gefällt, von dem ich dann aber noch nicht weiß, was ich damit machen werde, nur, dass ich etwas damit machen werde. Manchmal gehe ich aber auch ganz streng strukturell vor, so ausgeprägt, dass es schon an Starrheit grenzt. Ausgangspunkt kann z. B. eine mathematische Form sein, die ich nach und nach mit Klang ausfülle. Was dann am Ende aber tatsächlich klanglich entsteht, hat jedoch wieder viel mit Spielerischem und Zufälligem zu tun.

Diabolo:
Also: assoziatives Reagieren?

Iris:
Ja genau.

Diabolo:
Notierst du dann deine Musik genau oder bleibt das offen?

Iris:
Unterschiedlich. Eigentlich neige ich dazu, alles am Ende akribisch zu notieren, denn wenn ich schon sehr weit bin mit einer Idee, einem Konzept oder einem Stück, fange ich an, es wieder und wieder innerlich zu hören und mich dabei zu fragen: hat das jetzt die richtige Länge, oder: ist es richtig, wie sich das jetzt entwickelt hat? Dabei werde ich immer genauer mit mir selbst, vielleicht auch immer subjektiver. Und diese Details, um die es dann geht, versuche ich, auch wirklich akribisch festzuhalten.
Es kann auch passieren, dass ich eine endgültige Fassung gar nicht finde, dass es also durch dieses Hören einfach gar nicht genauer wird. Das führt dann zu einer Art Unschärfe-Notation. Es bleibt dann oft bei einfachen Anweisung in der Art von Regieanweisungen.

Diabolo:
Spielen deine Duo Partner in diesem Prozess eine Rolle?

Iris: Ja.

Diabolo:
Kommst du durch die gemeinsame Improvisation zu einer Fassung oder ist das noch anders?

Iris:
Mit der Geigerin Christiane Oumard, mit der ich dieses Duo begonnen habe, war es oft so, dass ich ihr gesagt habe: ich habe bestimmte Sounds entwickelt und vorbereitet, lass uns damit einfach erst einmal spielen. Und dann fingen wir an, mit diesen Materialien zu improvisieren. Und sie hat dann auf der Geige ihre erste Reaktion, ihre erste Energie dazu eingebracht, denn sie kannte mein Material ja noch nicht. Das haben wir dann aufgenommen und ich habe anschließend versucht, etwas daraus zu entwickeln, was mir folgerichtig erschien – und es dann zu Papier zu bringen.
Ganz selten war es so, dass ich gleich zu Beginn festlegte, was die Geige auf gar keinen Fall machen sollte, habe also Ausschlußkriterien definiert. Wenn ich nicht mit meinen Maschinen aktiv selbst mitspiele, arbeite ich in einer ersten Phase oft mit Improvisationselementen, biete den Spieler/innen also kleine Konzepte oder Vorgaben an, an die sich halten müssen. Die Vorgaben sind zum Teil sehr streng, aber zunächst in keiner Weise auf die klassischen Parameter Tonhöhe, Rhythmus und so weiter festgelegt. Wenn diese Phase vorbei ist, werde ich genauer mit mir selbst, oder mit dem, was an Möglichkeiten der Spieler/innen und Instrumente vorhanden ist.

Diabolo:
Gibt es irgendwas in deiner Herkunft hier vom platten Land, oder deiner Lebenssituation jetzt in Berlin, was in deine Musik einfließt?

Iris:
Was auf alle Fälle einfließt ist meine komische Biografie in Sachen Musik. Die ist sehr gebrochen und seltsam. Ich habe als Kind und Pubertierende bis hin zu circa 22 Jahren fast ausschließlich Klassik gehört und war so der Schrecken meiner Schwestern (lacht) und Schulkameradinnen. Ich hatte mich total dieser Musik verschrieben, das war meine Welt. Aber aus bestimmten biographischen Gründen habe ich dann mit dieser Musik gebrochen und angefangen, in den wildesten Punkformationen Bass zu spielen. Das ist schon ewig her. Dann fand ich aber diese Musik irgendwann rhythmisch zu langweilig und habe mich auf den Funk gestürzt.
Ich habe lange Rock – Musik gemacht, mit unheimlich viel Spaß, einem absolut körperlichen Vergnügen an dieser Musik. Aber irgendwann hat diese Art von Vergnügen mir nicht mehr gereicht -  und dann fing ich an, mich für die so genannte neue Musik zu interessieren. Ich bin wie besessen in alle mir erreichbaren Konzerte gerast und nahm Kompositions-Unterricht. Oft hatte ich jedoch das Gefühl, dass es mir niemals gelingen würde, diese absolut gegensätzlichen Musiken, die mich geprägt haben, formal zusammenzubringen, dass ich niemals würde sagen können, es ist nicht absurd, dass ich über Jahre meines Lebens Herrn Brahms über alles geliebt habe und dann Material die beste Band fand. Diese Kluft fühle ich immer noch, aber langsam verringert sie sich.

Diabolo: Also, es sind Einflüsse geblieben. Diese Musiken sind nicht aufgegeben, versteckt worden?

Iris:
Ja, ich glaube schon, dass das musikalische Einflüsse sind. Aber ganz viele Einflüsse, die mich anregen, sind außermusikalisch. Zum Beispiel liebe ich die Arbeiten von Achim Freyer. Wenn ich seine Inszenierungen sehe, faszinieren mich vor allem die Details seiner Bilder. Das ist für mich eine solch künstliche, seltsame Welt, die ich gar nicht beschreiben will und kann, in der ich mich aber unwahrscheinlich zu Hause fühle. Ich versuche immer, diese Welt in mir musikalisch noch mal hochleben zu lassen.



 

← back