Musik als Dialog
Iris ter Schiphorst im Gespräch mit Haino Rindler | Chorzeit
Chorzeit, N° 102, März 2023

Von der klassisch ausgebildeten Pianistin über die Rockmusikerin bis zur Innovatorin elektronischer Musik. Iris ter Schiphorst hat einen langen und aufregenden Weg hinter sich. Die heute emeritierte Musikprofessorin und Komponistin ist eine feste Größe in der zeitgenössischen Musikszene. Politische Haltung war und ist ihr wichtig. Was sie künstlerisch bewegt und warum ihr die menschliche Stimme dabei so nahe ist, darüber hat sie mit Haino Rindler gesprochen.
HR: Wir leben in einer Zeit der Krisen: Krieg in Europa, Klimawandel, Energiekrise und die Angst, dass das irgendwann mal nicht mehr zu bewältigen sein könnte. Lähmt Sie die Situation oder ist sie stimulierend?
ItSch: Das sind Fragen, die mich sehr umtreiben. Fangen wir mal beim Klima an. Das beschäftigt mich immens. In einem Arbeitskreis in der Akademie der Künste Berlin versuchen wir uns heranzutasten, was wir als Künstler*innen dazu beitragen können. Unter anderem habe ich ein Symposium mitorganisiert, das im Oktober stattgefunden hat: „Time to listen“, wo diese Fragen diskutiert wurden. Ich habe schon vor einigen Jahren ein Werk für Mädchenchor geschrieben, das ich als ein Ermächtigungsstück gedacht habe: „No Sir, we will not...“, nach Texten von Greta Thunberg. Und im letzten Jahr habe ich das Stück ‚Transformationen’ für Streichtrio und Zuspiel komponiert, nach dem Gedicht ‚Tiefenzeit’ der jungen flämischen Lyrikerin Dominique de Groen, in dem eine Welt nach einem worst-case-Szenario geschildert wird. Ich bin da einerseits als Künstlerin präsent, andererseits über die Kunst hinausgehend als Aktivistin.
Und als Professorin wurde ich mit diesen Themen natürlich auch konfrontiert. An der Universität in Wien waren auch Student*innen aus Russland und der Ukraine eingeschrieben. Als der Krieg in der Ukraine losging, hat mich diese höchst dramatische Situation auch unmittelbar betroffen gemacht und nochmal ganz andere Fähigkeiten von mir verlangt als nur die reine Lehrtätigkeit. Es hat mich auch in gewisser Weise hilflos gemacht – ein Gefühl, das bis heute anhält.
HR: Sie haben die Friedensbewegung der 1980er Jahre miterlebt. War das etwas, was Sie künstlerisch geformt hat?
ItSch: In den 80ern bis in die 90er hinein hatte man den Eindruck, dass man tatsächlich etwas bewirken kann: Friedensbewegung, Frauenbewegung, Anti-Atomkraft. All diese Bewegungen haben sich seit den 70er Jahren formiert und mich in meiner ganzen Sozialisation sehr beeinflusst. Und man hatte damals als junge Frau in Berlin den Eindruck, dass die kämpferischen Diskussionen zu einer besseren Gesellschaft führen. Leider hat sich das – nicht nur aus meiner Sicht – nicht bewahrheitet. Wir müssen vielleicht noch einmal zurückgehen und nachdenken, was da im Laufe der Zeit schiefgegangen ist. Das war auch der künstlerische Ansatz in meinem Werk ‚Hyper-Dub’ für großes Ensemble, Elektronik und Stimme, das ich mit Dirk von Lowtzow von Tocotronic für die Donaueschinger Musiktage (2022) gemacht habe. Kann man an bestimmte Utopien von damals erneut anknüpfen, aber vielleicht jetzt andere Wege gehen?
HR: Fühlen Sie sich als Komponistin in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft?
ItSch: Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist unser Verständnis in der westlichen Moderne, dass Kunst einen geschützten Eigenraum hat als Spielwiese außerhalb gesellschaftlicher Normen, dass sie erfindet und kreiert, unabhängig von sozialen Bindungen, dass sie sich nicht hereinreden lässt. Aber andererseits stellt sich die Frage, ob man als Künstler*in diese Haltung in Anbetracht der Lage der Welt noch akzeptieren kann. Das muss jede*r für sich selbst entscheiden. Ich denke, ich kann nicht anders: Für mich hat Kunst auch immer etwas mit Notwehr zu tun, mit dem Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Status quo. Ich will etwas in der Kunst zum Ausdruck bringen, was sich so schwer zum Ausdruck bringen lässt. Aber es ist eben ein zweischneidiges Schwert, weil man dabei das Verständnis von Kunst hinterfragt, das in der westlichen Moderne als verabredet gilt. Ich habe für Julian Assange ein Stück geschrieben, „Fragmente einer Unzeit“. Das war 2019 politisch brisant, weil er noch nicht so rehabilitiert war, wie das jetzt den Anschein hat. Ich habe auch über den Rechtsruck gearbeitet, z. b. in „meine-keine-lieder“ für Stimme, Bassklarinette, Klavier und Sampler und für Wien modern 2017 ein großes Orchesterstück über die Verschleierung von Frauen und deren Wahrnehmung komponiert: “Das Imaginäre nach Lacan“. Das sind alles Stücke, die mit großem Risiko verbunden sind, weil ich natürlich weiß, wie der Kunstmarkt funktioniert, und der ist in der Neuen Musik immer noch viel orthodoxer als in anderen Künsten. Aber so bin ich, und so mache ich es.
HR: Auf Ihrer Werkliste finde ich viele Werke für Stimme. Woher kommt die Nähe zu diesem Instrument?
ItSch: Wie in vielen Familien wurde bei uns ununterbrochen gesungen. Singen war für mich als Kind etwas ganz Wunderbares. Ich meine damit wirklich das Vor-sich-hin-singen, oder wenn wir Küchendienst hatten, dann haben wir gemeinsam gesungen. Wir sind oft umgezogen, und wenn wir dann zu einem anderen Ort kamen, dann haben wir im Auto gesungen, vielleicht auch, um uns die Angst vor der Ungewissheit des Neuen weg zu singen. Das heißt, Singen ist für mich etwas ganz Fundamentales. Und auch jetzt merke ich, dass ich in bestimmten Situationen einfach singe, manchmal auch innerlich. Insofern habe ich zur Stimme und zum Singen ein ganz enges Verhältnis. Ich liebe es daher, für die Stimme zu schreiben, und ich liebe es besonders, einfache Dinge für die Stimme zu schreiben, zum Beispiel für Kinder. Ich glaube, Kinder sollten singen. Wenn sie ans Singen herangeführt werden, dann ist das ein Schatz, der nicht zu nehmen ist, egal was im Leben noch passiert. Kinder müssen und sollen singen. Das ist eine Ausdrucksform, die unglaublich bereichernd und heilend ist.
HR: Worin liegt für Sie der Reiz, wenn Sie für Stimme komponieren?
ItSch: Im Gegensatz zu allen anderen Instrumenten ist die Stimme im Körper. Jede Befindlichkeit schlägt sich sofort auf die Stimme. Das ist das Faszinierende: diese Verschränkung mit der Körperlichkeit. Dazu kommt, dass mich das Performative auch unglaublich reizt, besonders, wenn ich mit professionellen Sänger*innen arbeite. Dass der Körper bestimmte Bewegungen vollziehen muss, oder dass das Gesicht einen besonderen Ausdruck hat, wenn bestimmte Töne gesungen werden. Dieser performative Moment ist sehr interessant.
HR: Als Sie in die Neue Musikszene eintauchten, waren Sie eine der ganz wenigen Frauen. Das hat sich glücklicherweise sehr verändert. Sehen Sie sich als eine Art Pionierin?
ItSch: Ich bin ja mit Musik großgeworden. Sehr früh habe ich schon ziemlich gut Klavier gespielt, was mir gar nicht bewusst war. Mit 14, als ich meinen ersten Klavierunterricht bekam, konnte ich Beethoven-Sonaten nach dem Gehör spielen. Ich galt als große Begabung auf dem Klavier. Das heißt, die Musikwelt als solche ist mir von Anfang an sehr vertraut gewesen. Ich habe dann klassisches Klavier studiert. Das war ein altertümliches Studium, natürlich völlig Männer-geprägt. Das alles konnte ich plötzlich nicht mehr ertragen und habe zum Entsetzen aller meiner Förderer mit 23 Jahren allem den Rücken gekehrt. Ich bin erstmal durch die Welt gezogen und wollte mit Musik eigentlich nichts mehr zu tun haben, bis ich das Bassspielen für mich entdeckt habe. Ich habe dann viel in Bands gespielt und bin darüber zum Komponieren gekommen, habe mein eigenes Ensemble „intrors“ in Berlin gegründet. Wir haben meine eigenen Sachen gespielt, viel Improvisation gemacht. Dadurch ist die so genannte „Neue-Musik-Szene“ überhaupt erst auf mich aufmerksam geworden und hat mich ins Boot geholt. Das hätte ich mir nie vorgestellt.
HR: Waren Sie skeptisch gegenüber dieser von Männern dominierten Szene?
ItSch: Eigentlich nicht. Ich bin so eine Macherin. Die Skepsis kam vielleicht erst später, als ich dachte, Mensch diese Szene nennt sich „Avantgarde“ und ist gerade in Bezug auf Geschlechterproblematik eine der rückständigsten, die ich kenne. Ich spreche jetzt über die Musik. In der Bildenden Kunst ist man damals schon etwas offener gewesen. Also diese Orthodoxie, die hätte ich mir nicht vorstellen können - was gut ist, sonst hätte ich wahrscheinlich von Anfang einen großen Bogen um diese Szene gemacht.
HR Sie haben sich als Komponistin immer auch für ein dialogisches Prinzip eingesetzt. Was ist damit gemeint?
ItSch: Dass ich es spannend finde, mich auf etwas zu beziehen. Ich hocke nicht gerne vor einem weißen Blatt Papier (was meiner Meinung nach sowieso ein patriarchaler Mythos von Kunst ist), ich bin jemand, der gerne reagiert. Ich habe vorhin mein eigenes Ensemble „intrors“ erwähnt. Da hat man eine bestimmte Besetzung, auf die man reagiert. Dialogisch heißt, sich auf etwas zu beziehen. Das kann ein Text sein, aber es kann auch die enge Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen bedeuten. Ich habe auch mit anderen Komponisten gearbeitet, zusammen Werke geschrieben, was damals völlig verpönt war, weil es den Originalbegriff des Werkes in Frage stellt. Aber das Miteinander ist etwas, was mir am meisten Spaß macht.
HR: Chormusik erlebt seit Jahren einen Boom in Deutschland. Wohin kann sie sich entwickeln?
ItSch: Chor ist dann lebendig, wenn Menschen zusammenkommen, um etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Und allein in diesem Zusammenkommen von Menschen, die ein gemeinsames Ziel haben, liegt eine unglaubliche Kraft. Solche Räume braucht die Gesellschaft mehr denn je. Denn die Vereinzelung oder die Gefahr, sich eine Gemeinschaft durch soziale Medien zurecht zu imaginieren – Stichwort Digitalisierung –, führt zu einer Erosion von Demokratie. Dieser Gefahr kann nur ein gemeinsames Tun entgegengesetzt werden, und ein Chor ist eine fantastische Gemeinschaft des Gemeinsamen.