Iris ter Schiphorst und Balbina im Gespräch über das Frausein in der Musikindustrie

Wir brauchen weibliche Vorbilder (2019)

in: virtuos 01/2019 DAS MITGLIEDER-MAGAZIN DER GEMA

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In den Schulen hängen Mozart, Bach und Beethoven. Wie sollen da Mädchen, auf die Idee kommen, Komponistinnen zu werden, fragen Iris ter Schiphorst (62) und Balbina (35) in einem Gespräch über das Frausein in der Musikindustrie, für das sie virtuos in Berlin zusammenbrachte

Interview: Christiane Hoschek 

Auszug:
ItS:
...die Statistiken zeigen, dass das Thema nach wie vor auf die Agenda gehört. Denn immer noch werden deutlich weniger Werke von Komponistinnen aufgeführt. Dass jetzt endlich in der Musik-Szene, aber auch in der Gesellschaft ein größeres Bewusstsein über diese Schieflage entsteht, freut mich natürlich sehr – und auch, dass sich die Gema dessen annimmt.
Das Thema an sich ist ja nicht neu. Schon in den späten 70iger und frühen 80iger Jahren wurde es von Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen der sogenannten zweiten ‚Frauenbewegung’ ausgiebig beforscht. Als bahnbrechend kann in diesem Zusammenhang sicher Eva Riegers heiß diskutiertes Buch ‚Frau, Musik und Männerherrschaft’ aus dem Jahr 1981 genannt werden, eine erste musikwissenschaftliche Untersuchung über den „Ausschluss der Frau aus der deutschen Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Musikausübung“.
Aber auch das im gleichen Jahr veröffentlichte erste ‚Komponistinnen – Lexikon’ (‚Komponistinnen aus 500 Jahren’) der Musikwissenschaftlerin und Schriftstellerin Eva Weissweiler sollte hier Erwähnung finden, eine unglaubliche Recherchearbeit!
Aus heutiger Sicht scheint es jedenfalls kaum mehr vorstellbar, dass noch vor knapp 40 Jahren tatsächlich so gut wie keine Literatur und kein Wissen über Komponistinnen und Musikerinnen existierte. Seitdem ist natürlich viel geschehen. Trotzdem – oder gerade deshalb? - blieb das Thema für den ‚Mainstream’ – und nicht nur da -  immer eher ein ‚Reizthema’, bis heute.

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Das Klavierspielen war bei uns zu Hause etwas ganz Selbstverständliches. Meine Mutter hatte einen großen Schülerkreis und so war das Klavier bei uns täglich ‚in Betrieb’. Irgendjemand spielte immer. Klavierspielen lernte ich hauptsächlich nach Gehör.Was mir gefiel, versuchte ich nachzuspielen. Oft machte es mir auch Spaß, Stücke ‚spielend’ zu verändern, z. B.  Teile umzustellen oder etwas dazu zu erfinden. Mit vierzehn konnte ich Beethoven-Sonaten recht gut nach Gehör spielen, lesen konnte ich sie eher schlecht. Zu meiner großen Überraschung hat mich der Pianist Karl-Heinz Schlüter damals trotzdem in seine Klasse für das Vorstudium am Osnabrücker Konservatorium aufgenommen, bei dem mich meine Mutter einfach zur Aufnahmeprüfung angemeldet hatte, um meinem ‚Schlendrian’ ein Ende zu bereiten. Damit begann mein Werdegang als Pianistin...Aber das alles ist ja schon eine gefühlte Ewigkeit her...

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Erst durch Aufführungen wird man zur Komponistin. Durch nichts Anderes. Das klingt ein bisschen einfach, doch genauso ist es. Du kannst noch so gut komponieren und noch so fantastische Stücke geschrieben haben, wenn du nicht die Chance kriegst, aufgeführt zu werden, wirst du einfach nicht wahrgenommen. Dann bis du als Komponistin im öffentlichen Bewusstsein nicht existent.

Iris, was würdest Du sagen, was muss man als Frau mitbringen, um Musikautorin zu werden?

ItS: ...einen starken Willen – und ein dickes Fell. Denn es wird dir möglicherweise in bestimmten Situationen einfach weniger zugetraut werden als einem Mann.
Darüber hinaus ist es gut, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Ich habe Ende der 80iger Jahre zusammen mit tollen Musikerinnen mein elektro-akustisches Ensemble ‚intrors’ gegründet; wir haben fast ausschließlich eigene Kompositionen gespielt und gleichzeitig mit unseren Aufritten immer wieder Aufführungsmöglichkeiten für unsere Werke geschaffen. Natürlich war es enorm viel Arbeit, ich musste Gelder akquirieren, Anträge schreiben, Veranstalter überzeugen etc., aber es hat sich gelohnt; wir alle haben damals unglaublich viel voneinander gelernt. Und wir wurden wahrgenommen. Unser größter Erfolg war der ‚Blaue Brücke’ Preis in Dresden–Hellerau 1997.

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...man gilt als ‚anstrengend’, wenn man als Komponistin weiß, was man will und das durchsetzen möchte. Auch wird einem zum Teil weniger Autorität zugestanden. Aber die Erfahrungen variieren, in manchen Konstellationen läuft es wunderbar, in anderen weniger gut. 
Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass sich all das ändern wird. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren z. B. die Wiener- und Berliner Philharmoniker reine Männer-orchester! Das muss man sich mal vorstellen!
Als ich selbst im Jahr 2000 das erste Mal mit einem großen Orchester arbeitete, war genau 3 Jahre vorher die allererste Musikerin bei den Wiener Philharmonikern eingestellt worden! Und mit diesem Wissen im Nackensollst du dann als junge Frau vor diesen riesigen altehrwürdigen hierarchischen Apparat treten und möglichst entspannt deine Musik erklären, währen du gleichzeitig alle Blicke auf dich gerichtet fühlst: oh - eine KomponistIN!  Aber ich hatte damals Glück, einen super kollaborativen unprätentiösen Dirigenten und zum Teil sehr emphatische und engagierte Musiker. Auch mein Verlag Boosey & Hawkes hat sich immer hinter mich gestellt und mir eine internationale Sichtbarkeit ermöglicht - so bin ich dieses Jahr das zweite Mal bei den Londoner Proms dabei.

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...wir brauchen einfach viel mehr Frauen an den entscheidenden Schaltstellen, viel mehr Frauen in der Lehre, viel mehr Professorinnen an den Hochschulen. Hier herrscht wirklich noch ein eklatantes Missverhältnis. Und: die Lehre muss sich ändern. Denn das Bild eines ‚Komponisten’ entspricht in den allermeisten Fällen immer noch dem des 19. Jahrhunderts. Vor einigen Jahren habe ich in Berliner Schulen Musikkurse gegeben. Da hängt Beethoven, da hängt Mozart, da hängt Bach, da hängt Schubert. Da hängt, wenn es ein Musikgymnasium ist, vielleicht auch noch Schönberg. Wie sollst Du da als Mädchen auf die Idee kommen, dass Komponieren auch für dich denkbar ist? 
Es gibt ja von Judy Butler die Theorie der Anrufung. Und diese Beispiele zeigen:  Wenn du ein Mädchen bist, sagt dir nichts und niemand: Werde Komponistin.

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...vielleicht interessieren sich junge Frauen auch nicht mehr so sehr für ein Berufsbild, das dem 19. Jahrhundert entstammt. Denn durch das Aufkommen neuer Medien und die Digitalisierung sind ja ganz andere Arbeitsweisen möglich geworden – die vielleicht auf Dauer interessanter sind.

(...)

Wie kann es sein, dass heutzutage Musik und Kunst in der Schule zu ‚Abwählfächern’ degradiert oder gleich gar nicht mehr unterrichtet werden. Eine fatale und folgenschwere Entscheidung! Denn viele der herrschenden gesellschaftlichen und politischen Konflikte sind kultureller Natur. Haben – vereinfacht ausgedrückt - damit zu tun, dass sich Gruppen von Menschen oder Individuen nicht verstehen. Insofern eignet den Künsten politische Brisanz: sie schaffen im besten Fall Kommunikations- und Reflektionsräume, und sie bauen Brücken zum Anderen. Wir brauchen viel mehr ‚neue Kunst’ – nicht weniger! Es geht um nichts weniger als das Gelingen des Lebens und des Zusammenlebens.
Aber seien wir auch nicht naiv: In Konflikten geht es immer auch um schnöde Machtinteressen, darum, wer mehr behält, wer mehr bekommt, und darum, wie das ‚mehr’ verwaltet, gehortet und ‚vermehrt’ werden kann; und darum, wie der Anspruch des Anderen möglichst abgewehrt und klein gehalten werden kann. Die Geschlechterdebatte ist ein gutes Beispiel dafür. Nicht jedem ist daran gelegen, wenn Kunst die Selbstermächtigung des Einzelnen befördert.

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