Alexander Krex
Projekt "Querklang" - Konzert mit Glasperlen, Besen und Boule-Kugel
In der Turnhalle herrscht Stille. Man hört allein die Schritte eines Jungen, der rennend einen Kreis beschreibt. Jedes Mal, wenn er einen Fuß aufsetzt, spürt man eine leise Erschütterung des Hallenbodens.
Nachdem er die sieben Mitschüler umrundet hat, die in der Mitte der Halle sitzen, bleibt er am Rand stehen. Sofort läuft ein weiterer Junge los, langsam, wie einen Fußball rollt er eine Boule-Kugel vor sich her. Ein Donnern erfüllt den Raum. Dann setzen die anderen Kinder, die bis dahin fast reglos gewartet hatten, zum Klang-Konzert an.
Besonders Kindern wird häufig vorgeworfen, sie hörten nie richtig hin. Hier, in der Turnhalle der Kreuzberger Lenau-Grundschule, ist das anders. Die 23 Schüler einer sechsten Klasse haben in den letzten Wochen gelernt, genau zuzuhören, mehr noch, sie haben gelernt zu lauschen. Im Zuge des Projekts "Querklang" haben sich die Elf- und Zwölfjährigen zusammen mit der Komponistin Iris ter Schiphorst mit Klängen, deren Wechselspiel und Wirkung beschäftigt.
Nach zehn Doppelstunden ist eine in Eigenregie erarbeitete, bühnenreife Geräusch-Choreografie entstanden, die am 24. März um 18 Uhr im Radialsystem V in der Holzmarktstraße 33 der Öffentlichkeit präsentiert wird. Die Aufführung in Mitte findet im Rahmen des Festivals "Maerzmusik" statt, der Eintritt ist frei, und Interessierte benötigen keine Karte. "Querklang"-Initiatoren sind die Kulturmanager von K&K und die Universität der Künste (UdK).
Klangforschung im Mittelpunkt
Um Musik geht es dabei nicht - zumindest nicht um das, was man landläufig unter dem Begriff subsumiert. "Viel mehr dreht es sich um Klangforschung", sagt ter Schiphorst. Mit dem Wort Musik würden immer gleich bestimmte Konzepte und Erwartungen assoziiert. Das sei für das "Querklang"-Projekt eher hinderlich. "Wir wollen hier eine andere Fährte legen." Diese Freiheit und die Arbeit mit Kindern sei es, was der studierten Pianistin und Komponistin am meisten Spaß bereite. Hier habe man die Zeit, so ter Schiphorst, für einen klanglichen Forschungsprozess, der in der professionellen Musikwelt allzu oft auf der Strecke bliebe.
Statt herkömmlicher Musikinstrumente geben selbst gebaute Klangerzeuger und zweckentfremdete Gegenstände aus dem Haushalt den Ton an. Eine mit Glasperlen gefüllte Flasche wird über den Boden gerollt, mit Strohhalmen wird ein Blubberkonzert veranstaltet, und ein Geigenbogen schlägt das eigenhändig hergestellte einsaitige Instrument an. Dazu fegt ein Straßenbesen einen immerwährenden Rhythmus.
Natürlich sei die Auseinandersetzung mit zwei Dutzend Sechstklässlern auch anstrengend. "Bis der erste Ton erklingt, kann schon einige Zeit vergehen", erzählt ter Schiphorst. Vor allem, wenn die Kinder ihre Probleme von zu Hause oder aus dem Unterricht mitbrächten. All das sei aber die Mühe wert, denn, "es könnte ja gelingen, bei jemandem die Liebe zum Klang zu wecken", sagt sie, obwohl es ihr eigentlich zu pathetisch klinge.
Der Durchlauf in der Turnhalle ist eine der letzten Proben vor der Aufführung. Dass es dazu überhaupt kommt, war anfänglich noch gar nicht klar. Franziska May, Lehramtstudentin der UdK, sagt: "Nach den ersten drei Terminen mit der Klasse hatten wir das Gefühl, dass wir jedes Mal wieder von vorn anfangen." Vorsorglich hätten sie der Projektleitung daher schon einmal mitgeteilt, sie gingen nicht davon aus, dass die Show am Ende vor Publikum gezeigt werde.
Doch es kam anders. Mit der Frequenz der Übungseinheiten stieg auch die Motivation der Schüler. "Es machen wirklich alle mit", freut sich May. Manche, wie der zwölfjährige Alican Alp, sind besonders ambitioniert. Beim Schlussfanal darf er die gesamte Klasse dirigieren. Dazu haben sich alle Mitschüler aufgereiht. Alican steht ihnen gegenüber und gibt den Takt vor, in dem gestampft, getrippelt und mit den Fingern geschnippt wird. Dann ist es geschafft. Wieder herrscht Stille. Jetzt fehlt nur noch der Applaus des Publikums.