Iris ter Schiphorst

Stimmen von Mitgliedern des Senats der Akademie der Künste zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine (2022)

veröffentlicht auf der Homepage der Akademie der Künste/Berlin 

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Wir stehen in Europa vor einer ganz neuen politischen Realität, die wir anzuerkennen gezwungen sind und in der sich nichts weniger zeigt, als das Gesicht einer grausamen Ordnungsmacht, verkörpert in der Person Putins, eines brutalen Imperialisten, der offenbar von langer Hand seine Großmachtpläne vorbereitet hat und jetzt den historischen Moment gekommen sieht, sie umzusetzen – und dabei vor nichts zurückschreckt. Dabei ist sein Angriffsziel, das wird immer deutlicher, nicht nur die Ukraine, sondern ein Weltbild, das er offenbar zutiefst verachtet: eines, das für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie steht.

Wir, die wir in dieser von ihm verachteten Demokratie leben, müssen hilflos zur Kenntnis nehmen, wie dieser besessene Ideologe für seinen Krieg Menschen in der Ukraine, in Belarus und sogar in Russland ermordet, wegsperrt und zum Verstummen bringt. Wir müssen aushalten, dass dieser Machthaber sich an keine Regeln hält, selbst an die des Krieges nicht. Wir erleben fassungslos, dass dieser Imperialismus von niemandem gestoppt, dass er von niemanden, von keiner (Groß-)Macht aufgehalten werden kann. Und gleichzeitig nehmen wir mit tiefer Bewunderung wahr, wie sich die Menschen in der Ukraine, aber auch zum Teil in Russland selbst oder in Belarus dieser Grausamkeit entgegenstemmen, wie sie ihre – und damit letztlich auch unsere! – Freiheit, dieses von Putin so verhasste Weltbild! – versuchen zu verteidigen.
Aber in unsere Bewunderung mischt sich entsetzliche Verzweiflung, das Gefühl der absoluten Ohnmacht und Hilflosigkeit, nichts tun (außer Geld zu spenden), nur ‚Zuschauer’ dieser willkürlichen Zerstörung eines Landes und seiner Menschen sein zu können. Und erleben zu müssen, dass es auch der Institution NATO so ergeht.

In meiner Naivität träume ich von einem globalen Streik, ausgehend von allen Müttern dieser Erde (wie plump, ich weiß!), einem weltweiten Streik, dem sich letztlich alle anschließen! Um gegen diesen Irrsinn, der ja kein Irrsinn ist, sondern eiskaltes Kalkül! – ein Zeichen zu setzen. Ja, ja – ich weiß, in jeder Hinsicht naiv, und alle politischen Kräfteverhältnisse komplett ignorierend (Stichwort: China).

Was meiner Meinung nach in der Berichterstattung der letzten Tage etwas untergegangen ist: Quasi zeitgleich mit der überraschenden Ankündigung von Bundeskanzler Scholz, als Folge des Angriffskrieges auf die Ukraine 100 Milliarden Euro als Sondervermögen für Investitionen und Rüstungsvorhaben bereitzustellen, mit anderen Worten: Deutschland aufzurüsten, wurde ein Teilbericht des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates IPCC veröffentlicht, in dem, wie üblich (wie man inzwischen leider versucht ist, zu sagen) vor gefährlichen und weitreichenden Zerstörungen der Natur und deren Folgen gewarnt wird, Folgen, die –, und hier unterscheidet sich dieser Bericht von allen früheren, in der nahen Zukunft vor allem Europa überdurchschnittlich hart treffen werden.

Es ist müßig, über diese zeitliche Koinzidenz zu spekulieren – und auch müßig, dem Gedanken Raum zu geben, ob die gigantische Summe von 100 Milliarden Euro je in den Klimaschutz gesteckt worden ist oder wäre..., feststeht, dass Europa ab jetzt in jeder Hinsicht vor extremen Herausforderungen steht, die alle seine Bürger betreffen werden. Ich kann nur hoffen, dass wir diesen Herausforderungen Stand halten und so unverbrüchlich am Wert der Demokratie festhalten, wie es uns zurzeit die Ukrainer und Ukrainerinnen vorleben.

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