Iris ter Schiphorst

Dankesrede Heidelberger Künstlerinnen Preis 2015

bei der Entgegennahme der Preis-Skulptur durch Frau Dr. Sperber in Heidelberg

Liebe Frau Sperber, sehr geehrter Herr Dr. Würzner, sehr geehrter Herr Dr. Gerner, sehr geehrter Herr Schulze, sehr geehrter Herr Holm, sehr geehrte Damen und Herren,

Ich möchte mich auch in diesem Rahmen noch einmal ganz herzlich bedanken für die Ehre, die mir mit diesem Preis zuteil wurde. Es ist ein großer Moment für mich, hier zu stehen, und mich in diesem Zusammenhang an Sie wenden zu dürfen. Ein Moment, der mich sehr rührt und mich sehr bewegt.

Wie Sie vielleicht wissen, war mein Weg hin zum Komponieren nicht so gradlinig, wie bei manch einem meiner Kollegen. Das hat viele Gründe, die auszubreiten hier nicht der Ort ist. Eines hat mich jedoch von Anbeginn meines Lebens begleitet, meine Liebe zur Musik und meine Faszination, meine Begeisterung für alles, was klingt. Und ohne diese Liebe zur Musik, ohne den Glauben – ja das Wissen um die ihr ureigene Kraft, die Kraft, bewegen zu können, berühren zu können, hätte ich niemals Komponistin werden können.

Dieser Preis ist für mich aber nicht nur eine Ehre, sondern auch eine Bestärkung. Denn, glauben Sie mir, mein Leben als Komponistin ist immer wieder auch geprägt von Zweifeln – Zweifel in Bezug auf das eigene Tun, in Bezug auf die künstlerischen Entscheidungen, die – in jedem Stück auf’s Neue – zu treffen sind. Zweifel aber auch in Bezug auf die Möglichkeit des Komponierens selbst, dieser merkwürdigen Tätigkeit, die doch zur Voraussetzung hat, daran zuglauben, dass das, was man da täglich tut, dass die Utopie, die man selber mit diesem Tun verbindet, sich irgendwann ereignen wird:  dass es ‚Musik’ wird.
Und das in einer Zeit, in der Musik sich mehr und mehr dem Diktat von Profit und einer absurden Quote unterzuordnen hat (erinnert sei z. B. an das Einstellen von Sendungen oder gar Sendern mit Neuer Musik), oder zur reinen Verhandlungsmasse irgendwelcher Handelsabkommen verkommt (wie es derzeitig bei TTIP der Fall zu sein scheint). 

Wir Komponisten sitzen bei jedem Stück, das wir beginnen – immer wieder (meist buchstäblich...) vor einem weißen Blatt, vor einem Nichts, wenn man so will (egal, wie wir arbeiten, ob mit Klängen, ob mit Sounds etc.) – nur getragen von einer Vorstellung, einer Idee, einer Ahnung dessen, was wir irgendwann zu hören hoffen. Und wir wissen nicht, ob wir diese ‚Vorstellung’ je in Zeichen zu fassen im Stande sein werden.  Wir müssen einfach daran glauben - und eben NICHT zweifeln, denn sonst würden wir gar nicht erst anfangen zu komponieren. Und wir müssen auch daran glauben- dass unsere Zeichen, die hoffentlich irgendwann auf Papier stehen werden, danach auch ‚über’-springen, zu leben anfangen, zu Musik werden. 
Durch bereitwillige und emphatische Musiker, die sich mit ganzer Kraft und ihrem ganzen Können ihrer annehmen.  Durch bereitwillige und emphatische Zuhörer, die sich mit ganzer Offenheit ihnen hingeben. Denn das ‚zu Musik werden’, meine Damen und Herren - das liegt ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr nur in der Hand der Komponistin. Dazu gehören viele.

Dieser Abend ist dafür ein hervorragendes Beispiel: dass dieses Konzert, das sicherlich aus dem Rahmen eines ‚normalen’ Programmes fällt (erinnert sei z.B. an die technischen Herausforderungen, den Sampler etc.) auf diese Weise überhaupt so gelingen konnte, lag vor allem auch an den phantastischen enthusiastischen Musikern und dem wunderbaren Dirigenten. Aber auch an den vielen Helfern im Hintergrund, den Tonmeistern, Tontechnikern, den Organisatoren etc. Und er zeigt sehr gut, dass erst ab dem Moment, in dem es tatsächlich zu einer Bündelung von Glauben, von positiver Energie kommt, eine Komposition überhaupt ‚Musik’ werden kann. Überhaupt erst ein Funke überspringen kann. Und selbst wenn es nur ein Funke ist, der vielleicht Fremdheit auslöst oder Irritation. Unsere Zeichen, unsere Kompositionen, sind lediglich der Ausgang dafür, dass sich das ereignen kann, was wir als Musik zu bezeichnen gewohnt sind.

Sie sehen, Komponieren und Musikmachen hat so viel mit dieser speziellen Art von Glauben, mit dem Glauben an die Utopie Musik zu tun... Und nun stellen Sie sich bitte vor, wie es ist, wenn man diesen Glauben untergräbt, z. B. dadurch, dass man einen dieser Schritte hin zur Musik erschwert oder unmöglich macht, wie es für KomponistINNEN in der Geschichte der Fall war und leider zum Teil auch heute noch ist, einfach, weil man sie nicht aufführt, einfach, weil man ihnen nicht die Möglichkeit gibt, ihre Stücke mit professionellen Musikern vor Publikum zu Gehör zu bringen...   Damit zerstört man etwas Grundsätzliches, nämlich die Bereitschaft, überhaupt komponieren zu wollen. Und dann darf man sich in der Folge auch nicht wundern, dass dieser Beruf immer noch von deutlich weniger jungen Frauen als jungen Männern angestrebt wird, wie Studien dazu zeigen. An der Liebe zur Musik kann es jedenfalls nicht liegen, denn in allen anderen Musikstudiengängen, wie z. B: den Instrumentalfächern gibt es überall fast mehr BewerberInnen als Bewerber.

Und darum ist dieser Preis nach wie vor ein ganz wichtiges Symbol, nicht nur der Ehre und Ermutigung, sondern auch des Glaubens an die Musik, an die Musik von KomponistINNEN.

Ich danke Ihnen.

Heidelberg, März 2015

 

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