Assange - Fragmente einer Unzeit (2019)
für Frauenstimme, großes Ensemble und Sampler (verstärkt)
Dauer: 20 min.
Kompositionsauftrag des Ensemble modern, gefördert durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien im Rahmen des Förderprogramms Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland
UA: 07.11.2019, Muziekgebouw aan't IJ, AmsterdamSarah Maria Sun, Stimme / Ensemble Modern, Dir. Enno Poppe
genaue Besetzung: 1.1.1.1-1.1.1.0-perc(2)-2pft-strings (1.1.1.2.1)
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Assange: Fragmente einer Unzeit handelt von der Bedrohung unserer Freiheit als Individuen. Es geht um den Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit und auf einer tieferen Ebene um die Gefahr, die uns alle bedroht, wenn das Gesetz plötzlich nicht mehr gilt. Der Fall Julian Assange illustriert am eindringlichsten, was passiert, wenn jemand "unangenehme" Wahrheiten verkündet.

"Erst Assange und dann…?" Artikel über den Fall Assange von Iris ter Schiphorst im ‚Journal der Künste 11’, vom 05.11.2019, S. 21–23
https://issuu.com/journalderkuenste/docs/jdk_11_de_issuu...
(Auszug): Ist Information ein Allgemeingut, das in einer Demokratie jedem zusteht? Wem gehören Daten? Wann wird durch das „Leaken“ von Informationen die „nationale Sicherheit“ gefährdet, wann werden Kriege verhindert? Wer spioniert für wen und warum?
Wir wissen, spätestens seit den großen Leaks von Whistleblower*innen wie Chelsea M. (damals Bradley) Manning oder Edward Snowden und Publikationen auf Plattformen wie WikiLeaks, auf welche Weise westliche Staaten (in unserem Namen) Kriege führen, wie Steuerparadiese funktionieren und welche Summen dem Staat dabei verloren gehen. Wir haben über Guantánamo Informationen erhalten und über Geheimentwürfe umstrittener Handelsabkommen. Haben zu Kenntnis nehmen müssen, wie Geheimdienste und große Unternehmen uns im Verbund mit sozialen Medien überwachen, unsere Daten missbrauchen und wie private Firmen (z. B. Cambridge Analytica) damit nicht nur Geschäfte machen, sondern Wahlen manipulieren (Trump, Brexit).
Aber diese Tatsachen kümmern uns kaum. Eine merkwürdige Lethargie scheint um sich zu greifen. Dabei befinden wir uns mitten in einem Informationskrieg, in dem Daten und Informationen zu entscheidenden politischen Waffen werden, in dem Fake News und Manipulationen die politischen Agenden beherrschen, in dem Whistleblower*innen wie Verbrecher gejagt, Journalist*innen und Publizist*innen eingeschüchtert, verfolgt, bedroht,inhaftiert oder sogar ermordet werden. Und das nicht nur in den arabischen Ländern, China oder Russland, sondern auch in demokratischen Staaten der westlichen Welt.
In diesem Krieg wird Julian Assange zum Exempel, an dem sich zeigen wird, wie sich der Umgang mit der Pressefreiheit, dem Journalismus, mit Whisteblower*innen und Publizist*innen weltweit entwickelt. ...
Iris ter Schiphorst
Programmheft-Text
In ‚Assange: Fragmente einer Unzeit’ geht es um den Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit und die Gefahr, die uns alle bedroht, wenn das Gesetz plötzlich nicht mehr gilt.
Auf einer tieferen Ebene handelt dieses Werk ganz grundsätzlich von der Gefährdung unserer Freiheit als Individuen. Dabei geht es neben der Frage, was wir (durch die Medien) zu sehen und zu hören bekommen, was uns ‚vorgesetzt’ wird, auch darum, was wir überhaupt sehen und hören wollen. Was wir überhaupt ertragen und aushalten können, was wir zulassen...
Formal greift ‚Assange-Fragmente einer Unzeit’ in gewisser Weise auf die Form eines Melodrams zurück und verlangt von der Vokalistin Sarah-Maria Sun, den ‚inneren Prozess’ der Figur eines ‚existentiell bedrohten Individuums’ zu gestalten. Da ihre Partie fast durchgängig ohne Text angelegt ist, kann sie diesen Prozess nur durch eine äußerst differenzierte stimmliche Artikulation der notierten Geräusch- und Vokalpassagen sowie eine besondere ‚Haltung der Aufmerksamkeit’ des Hörens, des Lauschens (auf die sie umtosende Musik) zum Ausdruck bringen.
Zu hören ist Text vor allem aus dem Sampler, live gespielt vom Pianisten Hermann Kreztschmar, der exakt nach Partitur unterschiedliche, den Medien entnommene Meinungen/Stimmen zum Fall Assange in den Raum überträgt. Diese vielen ‚Stimmen’ bilden einen (medialen) Chor, gegen den sich die Haupt-Figur kaum schützen kann.
Die Rolle der (Ensemble-)Musik ist es, sich in die Symbolisierungen einzumischen, die in den unterschiedlichen Meinungen dieser vielen ‚Stimmen’ aufscheinen, und Umdeutungen und Irritationen in Gang zu bringen. Dabei greift sie auch auf musikalische ‚Pathosformeln’ (I) zurück und fragt, ob nicht unter bestimmten Voraussetzungen dem vielgeschmähten Affekt auch ein kritisches Potential innewohnt?
Wo fängt der Kitsch an, wo das Pathos? Die Verdrängung?
Vielleicht ist ja gerade im Pathetischen etwas zu befreien und zu retten, nämlich das, was uns seit je her an seiner Intensität fasziniert und fesselt, was uns aber immer wieder entzogen wird durch die ‚übergroßen’ symbolischen Schablonen (Klischees), in die unsere Gefühle in verschiedenen gesellschaftlichen Prozessen gepresst werden. Das darin Abgekapselte wäre aufzusprengen, um es wieder ambivalent und neu erfahrbar werden zu lassen – sodass unser eigenes individuelles Gefühl gegenüber der von der Gesellschaft ‚verurteilten Hauptfigur’ und dem, was uns an ihr fasziniert und abstößt, eine Chance und einen Raum bekommt. Und damit das Fremde, das Verdrängte in uns selbst.
Iris ter Schiphorst
I Pathosformeln’ sind nach Aby Warburg Bestandteil einer universalen Kulturgeschichte, „Engramme leidenschaftlicher Erfahrung als Gedächtnis-bewahrtes Erbgut“. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem «überhistorischen Leidschatz der Menschheit», einem «Prägewerk der Affekte». Nach Warburg verweisen sowohl Religion als auch Kunst dauerhaft auf dieses vitale Präewerk der Affekte und entwickeln in Auseinandersetzung damit ihre Formen.
s.a. Interview Thea Derks/Iris ter Schiphorst in Contemporary Classical, 05.11.2019: ‘Wikileaks has never been caught on a single error’
Presse
zur Deutschen Erstaufführung in Frankfurt a. M., 11.04.2021, Wiesbadener Kurier, Sylvia Adler, 14.04.2021
Debüt von „Assange – Fragmente einer Unzeit“ per Live-Stream
FRANKFURT. Ein erstickter Schrei hinter vorgehaltener Hand, ein Röcheln, ein Würgen. Die Sopranistin Sarah Maria Sun presst die Hand vor ihren Mund. Der Todeskampf, der in ihrer Kehle tobt, bleibt nahezu stumm und implodiert nach innen. Mit ihrem 2019 entstandenen Werk „Assange – Fragmente eine Unzeit“ für Frauenstimme, Ensemble und Sampler hat die Komponistin Iris ter Schiphorst ein starkes Plädoyer gegen die Bedrohung individueller Freiheitsrechte geschaffen. Am Sonntag erlebte das Stück – gespielt vom Ensemble Modern unter der Leitung von Corinna Niemeyer – in Frankfurt seine Deutsche Erstaufführung per Live-Stream.
Zu dem Werk angeregt wurde die Komponistin durch dem Fall Julian Assange. Seit zwei Jahren sitzt der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks in einem britischen Gefängnis. Zuvor hatte er sich als politisch Verfolgter sieben Jahre lang in die Londoner Botschaft von Ecuador geflüchtet. Er fürchtet die Auslieferung an die USA, wo ihm wegen angeblichen Geheimnisverrats lebenslange Haft, wenn nicht die Todesstrafe droht. 2010 hatte Wikileaks mit der Veröffentlichung interner Dokumente der US-Streitkräfte mutmaßliche Kriegsverbrechen im Irak und in Afghanistan enthüllt. Die Aufführung von Schiporsts knapp 30-minütigem Werk stand im Zentrum einer Matinee, zu der das Ensemble Modern gemeinsam mit der Initiative „Der utopische Raum im globalen Frankfurt“ am Sonntag in den Frankfurter Dachsaal geladen hatte....
Formal spiegelt sich in ihrem streng dualistisch aufgebauten Werk ein dramatisches Ungleichgewicht der Kräfte. Die von der Sopranistin Sarah Maria Sun mit furiosem Vokalspektrum intonierte Gesangstimme symbolisierte das gefährdete Individuum, dem das Ensemble Modern mit seiner geballten Klangmacht als übermächtiges Kollektiv gegenüberstand. In unbarmherzig anschwellenden Crescendi setzte das Orchester der Gesangstimme zu, zwang sie in unnachgiebigen Rhythmen und infernalischen Temposteigerungen in die Knie – bis zur vollkommenen Zerstörung.
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Wie grelle, scharfkantige Splitter waren Einspieler aus Medienberichten und Politiker-Statements von Theresa May bis Hillary Clinton in die Musik miteingestreut. Die Komponistin hatte sie aus einer Flut von O-Tönen herausgegriffen, um die öffentliche Kontroverse schlaglichtartig zu beleuchten. Eine aggressive Kakophonie sich überlagernder Stimmen brachte das Individuum schließlich zum Verstummen. Im Mahlstrom öffentlicher Meinungsäußerungen, die durch das Orchester rauschten, erlitt es einen vollständigen Sprachverlust. Drastischer und verstörender kann man das Mundtotmachen einer kritischen Stimme kaum in Töne fassen.