AUNG (2010/2011)

für inszenierte Sängerin/Performerin, Ensemble und Live-Elektronik
Text: Helga Utz

Dauer: 25 min.

Kompositionsauftrag von BIT 20 (Norwegen) und Integra/Birmingham in Zusammenarbeit mit NOTAM (Norwegen)

UA: 01.10.2011, The Royal Danish Academy of Music, Studio Hall, Kopenhagen

Anna Clementi / BIT 20 / Baldur Brönnigmann,
Programmierung der live-Elektronik: Dag Henning Kalvoy

Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

genaue Besetzung:
1.1.1.1-1.1.1.0-perc(2)-harp-pft-strings-electronics

AUNG, eine Art konzertante Kammeroper über das Leben und die Motive der im Hausarrest festgesetzte Oppositionsführerin AUNG San Suu Kyi ist das zweite gemeinsame Projekt der Komponistin Iris ter Schiphorst und der Librettistin und Regisseurin Helga Utz. (Ihr erstes gemeinsames Projekt, die Kinderoper „Die Gänsemagd“, wurde vor zwei Jahren mit großem Erfolg im Wiener Dschungel als Inszenierung der Taschenoper uraufgeführt und hat seitdem zahlreiche Wiederaufführungen erlebt.)

AUNG wird von der Sänger-Performerin Anna Clementi auf die Bühne gebracht, die bereits zahlreiche Werke von Iris ter Schiphorst uraufgeführt hat, u.a. die 3D-Oper Annas Wake, die Kammeroper Euridice sowie das Multimediale Musiktheater Silence Moves (Preisträgerwerk des BLAUE BRÜCKE-Kompositionswettbewerbs 1997). Ab Anfang der 1990er Jahre war sie Mitglied bei intrors, einem von Iris ter Schiphorst gegründeten Ensemble, das vor allem elektroakustische Kompositionen aufführte.

Aktueller politischer Hintergrund (2011)

Die Zustände unter der Militärregierung in Burma (Myanmar) sind unmenschlich.
Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsarbeit, Zwangsräumung von Dörfern, Folter, Vergewaltigung und der Einsatz von Kindersoldaten sowie willkürliche Festnahmen und Misshandlung von Gefangenen sind an der Tagesordnung. Trotz reichlich vorhandener natürlicher Ressourcen ist die Bevölkerung sehr arm. Über die Hälfte des Staatshaushalts wird für Militär, Geheimdienste und Polizei ausgegeben.
Aufgrund der katastrophalen Lage hat das Internationale Komitee des Roten Kreuzes der Regierung öffentlich schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.
Die bekanntesten Oppositionsführer sind der Komiker Zarganar, der ein Arbeitsverbot erhielt und derzeit im Gefängnis sitzt, sowie Aung San Suu Kyi, die seit vielen Jahren unter Hausarrest steht.

Historischer Hintergrund

Aung San Suu Kyis Vater, General Aung San, kämpfte erfolgreich für die Unabhängigkeit Burmas von der englischen Kolonialherrschaft, wurde jedoch kurz vor Erreichen seines Ziels ermordet. Er wäre Burmas erster gewählter Präsident geworden und wollte in Burma eine Demokratie etablieren. Für AUNG ist er darum ein großes Vorbild und repräsentiert eine mögliche Welt ohne Gewalt. Die heutige Junta sieht in ihm jedoch einen Vertreter ihrer eigenen Interessen und bezeichnet ihn daher als „Vater“, da er für ein unabhängiges Burma und gegen die Briten und Japaner gekämpft hatte. So nutzen beide Seiten sein Gedächtnis für ihre Ziele. Dass AUNG nicht längst einem Attentat durch die Militärjunta zum Opfer fiel, hat mit dem hohen Ansehen ihres Vaters zu tun, das er in der Militärjunta auf Grund seiner historischen Verdienste genießt.

Aung San Suu Kyi erhielt ihre formelle Ausbildung in Indien, wo ihre Mutter, die stets das Andenken an Aung San Suu Kyis Vater hochhielt, als Burmas erste weibliche Botschafterin tätig war. Dort besuchte Aung San Suu Kyi die besten Schulen und freundete sich mit Indira Gandhi und ihren Söhnen Rajiv und Sanjay an. Sie studierte zunächst Politikwissenschaften in Delhi, später Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Oxford. Sie arbeitete in New York bei den Vereinten Nationen und mit ihrem Mann Michael Aris, einem Tibeter-Gelehrten, in Bhutan. Das Paar hat zwei Söhne. Während Aung San Suu Kyi in Kyoto und in Indien lehrte und forschte – auch über die jüngere burmesische Geschichte und die Rolle ihres Vaters darin – war Burma unter dem brutalen Diktator Ne Win vom Rest der Welt abgeschottet.

Aung San Suu Kyis Leben veränderte sich völlig, als sie 1988 zu ihrer todkranken Mutter nach Burma zurückkehrte – mitten in politischen Unruhen: Die Menschen demonstrierten auf der Straße für demokratische Reformen. Burmas „zweiter Unabhängigkeitskampf“ (Aung San Suu Kyi) begann. Als Tochter ihres Vaters konnte die Bürgerrechtlerin, wie sie sagte, nicht gleichgültig zusehen, engagierte sich politisch und wurde bald zur Symbolfigur. Trotz Androhung von Waffengewalt und einem Verbot öffentlicher Versammlungen reiste sie im Rahmen eines Wahlkampfs für die National League for Democracy (NLD), deren Mitbegründerin sie war, durch das Land und trat unerschrocken für zivilen Ungehorsam ein. Das Regime ignorierte jedoch ihren grandiosen Wahlsieg im Frühjahr 1990 und verhaftete, folterte und tötete zahlreiche Oppositionelle; Aung San Suu Kyi wurde unter Hausarrest gestellt. Doch so leicht ließ sie sich nicht zum Schweigen bringen. Mit einem zehntägigen Hungerstreik erkämpfte sie sich die Zusicherung, dass ihre Mitstreiter im Gefängnis gut behandelt würden. Im Juli 1990 verlieh ihr das Europäische Parlament den Sacharow-Preis für geistige Freiheit, ein Jahr später erhielt sie den Friedensnobelpreis „für ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte“ – die Welt wurde sich ihres Schicksals bewusst – und das ihres Landes. Nach sechs Jahren wurde ihre Haft erstmals unter strengen Auflagen ausgesetzt und sie konnte ausländische Journalisten empfangen. Zwei Jahre später saß sie erneut in Untersuchungshaft, die bis November letzten Jahres andauerte. Sie ließ ihre beiden Söhne als Heranwachsende zurück und sah ihren Mann, der 1999 in London an Krebs starb, nie wieder.

s.a. https://integra.io/portfolio-items/iris-ter-schiphorst/

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