BROKEN oder „Why don’t you say a word…“ (2001/2002)
eine Art 'Orchester-Lovesong' für Orchester und Sample-Keyboard
Dauer: 9 min.
Auftragswerk der „Kammerakademie Potsdam“
UA: Mai 2002, PotsdamKammermusikakademie Potsdam, Leitung: Sian Edward
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

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genaue Besetzung:
1 Fl, 1 Ob, 1 Klar in B,1 Baßklar, 1 Fag,1 Trpt, 2 Hrn in F, 1 Pos, 2 Perc, präp. Klav,/ Sample-Keyb (1 Spieler), 6 I Vln, 5 II Vln, 4 Vla, 4 Vc, 2 Kb.
Text (vom Sampler):
Listen
This
Is a true story
About a woman and a man
And the loss of love how they called it in their fucking notabene.
Ha, you don't want to listen' ?
You don't want to hear that?
You don't want to listen to me?
It's love, so you told me and 'only you...only you...' in the kind of 'you are my destiny...'
I mean, we still look good together, also without love...
But we have nothing to say to each other... or too much...
Even our music is not a sure thing anymore. Maybe because it's not a real language...
Just only a kind of breathing.
The breath of two astmatics,
whose breath sobs in and out
all their live long...
in and out
through a small fuzzy pipe...
Why are you gone away
without to say
just one word?
Why?
aus dem Programmheft der Aufführung in Chemnitz 2014:
Die Komposition BROKEN oder „Why don’t you say a word …“ entstand 2001/2002 als Auftragskomposition der Kammermusikakademie Potsdam. Iris ter Schiphorst schrieb darüber, es sei „… eine Art skurriler kleiner ‚Popsong’ über Liebe, ein ‚Orchester-Lovesong’, wenn man so will…“ Die Uraufführung fand im Mai 2002 in Potsdam mit der Dirigentin Sian Edwards statt.
Das Werk ist dreiteilig angelegt, wobei nur der erste vom zweiten Teil durch eine Generalpause deutlich getrennt ist, während der Übergang in den dritten Teil attaca erfolgt. Iris ter Schiphorst hat eine nicht zu große Orchesterbesetzung gewählt. Dem klassischen Sinfonieorchester mit einfacher Bläserbesetzung (lediglich die Hörner sind zu zweit), Streichern und Schlagwerk sind ein Klavier und ein Sample-Keyboard beigesellt.
Worte spielen in vielen Kompositionen von Iris ter Schiphorst eine Rolle. Hier sind es vorproduzierte Texte, die in der Aufführung vom Keyboard aus gesteuert werden. Es geht darin um eine verlorene Liebe und die Frage Why are you gone away without to say just one word? – Warum bist du gegangen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen?
Zu Beginn sind es einzelne Worte, die flüsternd zwischen den Lautfetzen der Instrumente, nicht wirklich wahrnehmbar sind. Sprachlosigkeit, Mühe, sich auszudrücken bestimmen das Geschehen im Orchester, stöhnende Streicherglissandi, verzerrte Klänge in den Bläsern, keine zusammenhängende Melodie. Dann folgt ein gequälter „Song“ im Keyboard, bald unterstützt von der Trompete. Etwas wird in Gang gesetzt: die hohen Streicher singen über einem treibenden Begleitmotiv des übrigens Orchesters. Immer lauter und heftiger wird die marschartige Bewegung, bis nach einem chromatisch abwärts führenden Tuttilauf zwei einsame Klaviertöne den ersten Teil beenden.
Nach einer Generalpause beginnt der mit „sehr langsam“ überschriebene zweite Teil. Während die tiefen Instrumente eine choralartige Melodie intonieren, ist wie von Ferne der leise Gesang einer hohen Frauenstimme zu erahnen. Oboe, Violine und Cello treten mit kurzen motivischen Einwürfen hervor. Der dritte Teil wird von einem Tuttiakkord im dreifachen Forte eröffnet. Es folgt ein synkopisch verzerrter Marsch, der wirkt, als ob er immer mehr ins Hinken kommt und schließlich in schnelles Laufen – Fliehen vielleicht –übergeht. Danach gewinnt das gleichmäßige Schreiten aus dem ersten Teil wieder die Oberhand; ostinate Bewegungen in Bassklarinette, Fagott, Marimbaphon, Celli und Kontrabässen geben das Tempo vor, welches zum Ende hin immer mehr Fahrt aufnimmt, um schließlich abrupt zu stoppen.
Iris ter Schiphorst möchte die Zuhörer mit ihrer Musik berühren, möchte Emotionen wecken, etwas von sich selbst und ihren Empfindungen weitergebem: „Musik ist für mich Sprache, ob ich will oder nicht. Es geht mir in ganz ursprünglichem Sinne darum, etwas auszudrücken, etwas mitzuteilen. Ausgangspunkt ist dabei immer mein Körper. Wenn mich etwas sehr bewegt, wird in mir eine Art innerer Monolog in Gang gesetzt, der auf ganz verschiedenen Ebenen, ja über ganz verschiedene Sinne den ganzen Körper erfasst.“
Presse
Das Glück mit den 3 Frauen , 16.01.2014 Aus den Häusern
Iris ter Schiphorst ist 58. Aber jung und froh im Kopf und der Komponierhand. Ihre Musik ist – Chemnitzer werden das verstehen – wie klingender Osmar Osten. Skurril bisweilen, alle Techniken durcheinanderwürfelnd, wortfetzend, ästhettupfend und dickspachtelig. So kommt auch das Anfangswerk des Sinfoniekonzerts daher: Iris ter Schiphorsts für das Potsdamer Kammerorchester geschriebenes (und von ihr selbst mit Sample-Technik aufgeputztes) Stück „Broken, oder ‚Why don’t you say a word…‘“
Orchestermanagerin Susanne Fohr und die Tontechniker des Theaters hatten sich an genaue Angaben der Komponistin zu halten: welcher Sampler zu verwenden sei, welche Stecker vonnöten, wie die Lautsprecher zu platzieren seien. Klappte alles. Elektronische Klänge und verzerrte Wortfetzen waberten um das Orchestertutto (auch hier genaue Vorschriften: sechs erste, fünf zweite Geigen …). Schon die Regie-Anweisungen sind ein witziges Kunstwerk für sich.
Ter Schiphorst ist in Chemnitz bekannt. Einige Werke wurden hier schon von ihr aufgeführt. Eins sogar uraufgeführt, „Eden Cinema“ 2005 durch das Ensemble 01 um Andreas Winkler. Ihm hat’s einen Stich gegeben, als der Dirigent beim freundlichen Applaus immer wieder die Partitur ins Publikum zeigte: „Ich kann nichts dafür“ (stimmt, dazu später mehr), „diese Frau hat das gemacht“, wollte er uns wohl damit sagen. Die Frau wäre gern in Chemnitz gewesen, wo sie viele Freunde hat, und wo ihr dieses Jahr einige Porträtkonzerte gewidmet sind. Doch die Arme lag mit schwerer Bronchitis in Berlin im Bett. Hoffentlich kommt sie im März zum Sinfoniekonzert, wenn ihr „Hundert Komma Null“ (damit hat sie sich weltweit einen Namen als Komponistin gemacht) aufgeführt wird.
Die Musiker der Robert-Schumann-Philharmonie lieben diese Frau, sie hängen sich für jeden verqueren Rhythmus, für jede synkopische Note, auch für (bisweilen zu) lange stinknormale angeswingte Passagen rein. Hat eigentlich nur noch gefehlt, dass Iris ter Schiphorst selbst mit einer E-Gitarre auf der Bühne gestanden und den Bass markiert hätte wie damals, als die studierte Pianistin nebenbei in einer Band rockte.