Dead Wire. Psychotechnics of Keyboards/a dissociative fugue (2011)
für Solo-Klavier, Sampler und Live-Elektronik
Dauer: 16 min.
Kompositionsauftrag des Eclat-Festivals Stuttgart 2012
UA: Februar 2012, Theaterhaus Stuttgart, Festival éclatChristoph Grund, Experimentalstudio-Freiburg
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Setting:
Konzertflügel, darauf 2 Keyboards:
MIDI-keyboard 88 Tasten, MIDI-Keybaord ca 44 Tasten,
sustain-Pedal, Volumenpedal
MacBook mit Interface (8IO)
Max5/msp und Lexicon-PCM-Hall Lizenzen
2. TFT-Monitor für Pianisten
Videoverlängerung
AKAI-Sampler
3 Mikrofone, 6 Lautsprecher
Der Spieler ist in diesem Stück Pianist, Keyboarder, Auslöser der live-Elektronik und der Samples zugleich, kurz: ‚Herr über alle Tasten und Effekte’. Das heißt, er hat neben den ‚üblichen’ Klaviertasten noch zwei weitere Keyboards zu bedienen, eines zum Triggern der Samples, das andere zum Steuern der live-Elektronik. Mich hatte bei letzterer seinerzeit interessiert, eine Spielweise nach zu bilden, die eigentlich mit dem Klavier (dem Hammerklavier) nicht möglich ist, nämlich den Klang durch Tastendruck zu beeinflussen. Bei Clavichorden (einem Vorläufer des Hammerklaviers) war das in gewissem Rahmen möglich (Stichwort: Beben). Die live-Elektronik (das Patch) ist daher so gestaltet, dass der Pianist den angeschlagenen Klavierklang durch gleichzeitigen Tastendruck auf dem entsprechenden Keyboard im mikrotonalen Bereich verändern kann. Zarte winzige Glissandi sind ebenso möglich, wie das Clavichord-typisches ‚Beben’ und mikrotonale quasi stufenlose auf- und abwärts-Bewegungen. Darüber hinaus kann der Pianist den transformierten Piano-Klang mit Hilfe eines Volume-Pedals lauter werden lassen (und je nach Raum Feed-backs erzeugen), sowie mit Hilfe eines Sustain-Pedals in Echtzeit sein eigenes Spielen aufnehmen und zu einem späteren Zeitpunkt via Tastendruck vorwärts oder rückwärts wieder abspielen. Er ist in diesem Setting somit Spieler eines ‚Hyper-Klaviers’, dem seine Geschichte und die Historizität der verschiedenen Klaviaturen (‚Keyboards’) mit eingeschrieben ist. Dies erfordert nicht nur ein völlig anderes pianistisches Denken, sondern ist letztlich eine absichtsvoll komponierte Überforderung des Pianisten, die dazu führt, dass jede Aufführung ‚anders’ ist.
Programmhefttext von Reiner Pöllmann zur Berliner Aufführung 2013 bei Ultraschall
Dislokationen heißt ein Klavierkonzert von Iris ter Schiphorst, das vor zwei Jahren beim Festival Ultraschall von Christoph Grund und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Peter Rundel aufgeführt wurde. Ein energiegeladenes Werk, das musikalische Partikel ganz unterschiedlicher Provenienz »disloziert«, also in einen neuen, ungewohnten Zusammenhang stellt. Einige Ausschnitte aus dieser Aufführung – die beim International Rostrum of Composers überragenden Erfolg hatte und in mehr als 30 Ländern gesendet wurde – wurden nun ihrerseits »disloziert«.
Iris ter Schiphorst verwendete sie für ein weiteres Klavierstück, "dead wire", das sie ebenfalls für den Pianisten Christoph Grund schrieb und das im Februar 2012 beim Festival ECLAT uraufgeführt wurde.
Allerdings ist »Klavierstück« ein unzureichender Begriff für ein Werk, das den ebenso ungewöhnlichen wie vielversprechenden Untertitel »Psychotechnics for keyboard« trägt. Und auch der »Pianist« ist keineswegs nur an einem Instrument tätig, er spielt neben dem Konzertflügel noch zwei weitere Keyboards, mit denen er die Zuspielung der Samples und die Live-Elektronik steuert. Ein Stück also, in dem die Multitasking-Kapazitäten von Christoph Grund in hohem Maß gefordert werden.»Herr über alle Tasten« nennt ihn die Komponistin.
Zwar werden die live-elektronischen Ereignisse während der Aufführung vom Pianisten selbst gesteuert, entwickelt wurde diese Live-Elektronik aber im Experimentalstudio des SWR. Mit elektronischen Mitteln sollte ermöglicht werden, was bei einem heutigen Konzertflügel (im Gegensatz zum Clavichord) technisch nicht möglich ist, nämlich, den Klang und die Tonhöhe durch den Tastendruck zu beeinflussen.
Mit Hilfe der Live-Elektronik lassen sich nun mikrotonale Glissandi erzielen. Aber nicht nur im Mikrobereich des einzelnen Tons wirkt die Live-Elektronik. Ganze Passagen lassen sich aufnehmen und später gezielt vorwärts oder rückwärts wieder zuspielen. Nicht zuletzt darauf bezieht sich wohl der Untertitel des Werks, das Iris ter Schiphorst eine »dissoziative Fuge« nennt. Der Pianist ist mit sich selbst in einem hochkomplexen Dialog, er ist Agierender und Reagierender in Personalunion und oft zur gleichen Zeit, die durch gezielt erzeugte Rückkopplungen stärker verschachtelt wird.
Schon Dislokationen war ein ebenso kraftvoll-mitreißendes wie schroffes Werk. In dead wire wird der Energie-Level noch einmal deutlich gesteigert, das gesamte musikalische Geschehen auf den einen Solisten konzentriert, der kein Orchester mehr als Mitspieler hat, sondern ganz auf sich gestellt ist. "dead wire" ist ein hochvirtuoses Stück, das den Interpreten keineswegs nur manuell fordert. Zu hören, aber auch zu sehen ist der »Herr über alle Tasten« in einem heroischen Kampf, der ihn immer wieder auch zu vokalen Entäußerungen treibt.
Insofern ist »Psychotechnics« sicher ein treffender Untertitel. Der Titel selbst, "dead wire", wirkt allerdings wie eine bewusste Irreführung, angesichts der erforderlichen Hochspannung.
Presse
Kritiken zur Uraufführung:
Stuttgarter Nachrichten vom 14. 2. 2012
Geradezu spektakulär geriet Christoph Grunds Interpretation von Iris ter Schiphorsts “Dead wire”, in dem der Pianist nicht nur den Flügel traktieren, sondern gleichzeitig auch ein Keyboard bedienen und Bildschirm und Noten im Blick behalten muss. Das Streichen der Flügelsaiten setzte das elektronische Eigenleben in Gang, virtuose Skalen brachten rhythmisch-metrische Entwicklungen in Gang wie eine Dampflokomotive, hohe Tonrepetitionen standen explosiven Donnerwettern und ihrem Nachhall gegenüber. Und das alles begleitete zuweilen noch das Schreien des Musikers. Furios!
Südkurier
..In den übrigen Konzerten des Festival-Wochenendes bildeten das Klavier als traditionsbeladenes Instrument und die menschliche Stimme die roten Fäden, deren Potenzial von den Komponisten und Komponistinnen erwartungsgemäß sehr unterschiedlich ausgelotet wurde. Voller Poesie und aparten Klangspielen zeigte sich das Klavierstück „réfractions“ von Madeleine Ruggli (interpretiert von Florian Hölscher). Den denkbar größten Gegensatz dazu bildete Iris ter Schiphorsts „dead wire“ für Klavier und Elektronik, ein aufrüttelndes Stück Bruitismus, das Christoph Grund urgewaltig auf die Tasten und ins klangmodellierende Keybord setzte und sich dabei auch noch die Seele aus dem Leib schrie. Das Publikum war begeistert …
NMZ Gerd Rohde
...Da griff Iris ter Schiphorst in ihrem „dead wire“ für Klavier und Elektronik energischer zu. Der Pianist muss neben dem Klavier noch zwei Keybords traktieren, von denen das eine die Elektronik steuert. Die klangliche Erweiterung zwischen „zartesten Glissandi“ (Schiphorst) und wuchtigen Klang-eruptionen ist beeindruckend. Auch das Verändern des angeschlagenen Keybord-Tones durch anhaltenden Tastendruck sorgt für klangfarbliche Bereicherungen. Iris ter Schiphorst interessiert natürlich auch und vor allem das technische Verfahren. Aber ihr „dead wire“ ist auch ein interessantes, kraftvolles Musikstück.
