DISLOKATIONEN (2008-2009)

für Orchester, Solo-Klavier und Sampler

Dauer: 22 min.

Kompositionsauftrag der musica viva

UA: 03.07.2009, Herkulessaal, München

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks; Dir. Martyn Brabbins
Solist: Christoph Grund (dem das Stück gewidmet ist)

Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

dislokationen.jpg
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DISKOLATIONEN (2009)
für Orchester, Solo-Klavier + Sampler

Im Finale von 'Rostrum of composers' 2012, in mehr als 32 Ländern gesendet.

Aus: ...auf der Suche nach dem Erhabenen.
„…Denn in den Epochen historischer Dislokation, wenn wir des Ortes vertrieben werden, entwickelt sich diese strukturalistische Leidenschaft, die in einem eine Art experimentellen Überschwangs und ein überhand nehmender Schematismus ist, um ihrer selbst willen.“

(Derrida, Die Schrift und die Differenz, S. 14)

‚Dislokation’ bezeichnet im Allgemeinen eine Lageveränderung (s. im Lateinischen ‚dislocare’ = verschieben).
Des Weiteren wird der Begriff in verschiedenen Disziplinen verwendet: In der Geologie bezeichnet er eine durch Faltung, Überschiebung oder Verwerfung gestörte Lagerung eines Gesteins,
im Militärwesen die Einteilung von Truppen, bzw. die Verteilung von Einheiten, in der Medizin eine pathologische Verlagerung von Organen, oder eine Verlagerung, Verschiebung oder Verdrehung von Knochen oder Knochenteilen gegeneinande und in der Sprachwissenschaft eine markierte Satzstellung…

Zum Kompositionsverfahren s. a.  "Dialogisches Komponieren"/ am Beispiel 'Dislokationen'


BESETZUNG:

4 Flöten (1+2 auch Piccolo),3 Oboen (1 auch Englisch –Horn),2 Klar. in B, 2 Baßklar., 2 Fagotte1 Kontrafagott, 6 Hörner4 Trompeten in B, 4 Posaunen,1 Tuba, 3 Schlagzeuge, 1 Pauke, 1 Harfe, Solo-Klavier+Keyboard, Orchesterklavier, Streicher: 14, 12, 10, 8, 6

ORCHESTERAUFSTELLUNG:
1. Klavier/Solo-Klavier mit Sampler vorn, vor dem Orchester, Klavierdeckel geöffnet bzw. ganz ab; Keyboard und Sampler müssen so platziert werden, dass der Pianist auch bei ‚inside-Aktionen’ genug Platz hat. Eine Monitor-Box zum Hören der Samples am Platz des Pianisten wird benötigt.
2. Klavier/Orchesterklavier hinten im Orchester, oder aber irgendwo an der Seite, (Flügeldeckel zur Rückwand hin geöffnet, bzw. weg von anderen Instrumenten - es darf so wenig Schall wie möglich von anderen Instrumenten in das Flügelinnere gelangen…).
Harfe nicht zu weit weg von den Klavieren…Violinen I und II  links/ rechts im Raum verteilt (deutsche Aufstellung); sollte es mehr als 6 Kontrabässe geben, auch diese links/rechts im Raum verteilen.
Erste Violine I, erste Violine II, erste Viola und erstes Violoncello möglichst dicht beieinander und dem Soloklavier zugeordnet (Selbst wenn sie auf ihrem Platz bleiben, bilden sie im ersten Teil zusammen mit dem Soloklavier an manchen Stellen eine kleine ‚Extra-Gruppe’).


ALLGEMEINE HINWEISE

Zur Kadenz:  Sie soll weniger virtuoses Zurschaustellen der Fähigkeiten des Solopianisten sein, als vielmehr einen tatsächlichen ‚Raumklang’ evozieren;  den Raum eines Konzertes quasi überschreiten.
Die beiden Klaviere müssen in diesem Teil extrem verstärkt werden; ihr ‚Sound’ (die pedalisierten Tremoli auf den tiefen Flügelsaiten einerseits, und die dichten rhythmischen Oktaven andererseits – beides im ff) soll sich so im Raum verteilen und  so ‚vergrößern’, dass der Raum selbst ins Spiel kommt, dass Zentrum und Bühne, vorne und hinten ‚überschrieben’ werden und kein zentralperspektivisches Hören mehr möglich ist.  
Die dichten Röhrenglockenklänge im Verbund mit den tiefen Kontrabaßglissandi sollen zu dieser ‚Diffusion’ beitragen. Für einen Moment – den Moment der Kadenz – ist man nicht mehr in einem Konzert, sondern ‚woanders’. Die Verstärkung und Wahl der Boxen soll diesen Eindruck unterstützen.  
Die Länge der Kadenz muss der Gesamtdramaturgie des Stückes Rechnung tragen, d.h. dieser Teil darf nicht zu lang werden.

Zum Singen/Summen ab Takt 243 werden bestimmte Streicher des Orchesters gebeten, sehr sehr leise auf fis1 zu summen (Vokal ‚a’ oder ‚o’, bzw. etwas dazwischen). Der Mund soll dabei ein ganz kleines bisschen geöffnet sein (die Lippen wirklich nur einen Spalt geöffnet!). Es wäre schön und für das Stück hilfreich, wenn die Musiker, für die diese Lage unproblematisch ist, tatsächlich sehr leise diesen Ton summen würden. Bei männlichen Musikern ist auch Kopfstimme denkbar, sofern möglich. Dieses Summen soll sich mischen mit dem Summen auf Band, was zu diesem Teil eingespielt werden wird. Atmen nach Bedarf und möglichst unauffällig, d.h. nach dem Atemholen leise weiter summen.

Zum Gesang des Solopianisten am Ende des Stückes:  Dieser kurze Part muss sehr expressiv-existentiell klingen, eher ‚verzweifelt-rufend’ als tatsächlich ‚gesungen’. Sollte die Stimme dabei zwischendurch weg brechen, macht es nichts, es geht hier eher um einen bestimmten (verzweifelten) individuellen Ausdruck, als um wirklichen ‚Gesang’.



VERSTÄRKUNG

Hinter dem Pult des Dirigenten (vom Publikum aus gesehen) ist ein Kugelkopfmikrophon auf zustellen. Dies hat sich für den Gesamtklang sehr gut bewährt.
Die Klaviere müssen sehr gut mikrophoniert werden, möglichst mit mehreren Mikrophonen, z. B: einem ‚Standard-Klavier-Mikrophon’ (Vorschlag: Earthworks PianoMic System, oder auch Shettler-Mikrophone), sowie einem B&K-accelerometer im Baßbereich, das den Vorteil besitzt, einen sehr hohen Lautstärke-Pegel einstellen zu können, ohne zu feed-backen. Auch werden die Geräusche und Töne der anderen Instrumente, die ja immer im Resonanzraum des Klaviers mitschwingen mit dem B&K-accelerometer kaum mit verstärkt – es ist also für dieses Stück in mehrerer Hinsicht ideal.

Es gibt mehrere Verstärkungsebenen der Klaviere:z. B.  sollen alle ‚Inside-Klänge’ (wie  Saitenratschen, Saitenglissandi, geschlagene Saiten,  pedalisierte Attacken auf Holz/Metall o.ä.) ‚voluminös’ und mächtig von hinten (quasi hinter dem Orchester, bzw. das Orchester ‚einrahmend’) im ganzen Raum erklingen und den Eindruck erwecken, das Orchester säße und spiele ‚im Klavier’, bzw. im Klangraum/Resonanzraum des Klaviers…
Für das solistische Klavier gibt es ‚vorn’ (l, rechts, center ) eine weitere Ebene der Verstärkung, sodaß virtuose Passagen etc. vor dem Orchester zu hören sind.
Diese verschiedenen Ebenen sollen u. a. auch durch Lautstärkeregelung der verschiedenen Mikrophone nach Partitur erstellt werden. Ob es entsprechend zwei große Boxen oben hinter dem Orchester und weitere (z. B: l, r, center) vorn am Bühnenrand gibt, womöglich noch weitere im Raum selbst, oder ob man diese Ebenen durch verschiedene Delay-Zeiten simuliert muss mit dem entsprechenden Tonmeister /Tontechniker im Detail besprochen werden (z. B.  die Gefahr von Feed-back etc.).
Der Sampler (z. B. Akai 3000 oder 6000) wird mit 6 outputs belegt (jeweils l+r), unterteilt in gesampelte ‚inside-Klavierklänge’, die  - wie die ‚echten’ Inside-Klänge von  ganz hinten/ quasi hinter dem Orchester, bzw. dieses einrahmend  erklingen, sowie andere, z. B. Sprachklänge, die ‚vorn’ zu hören sein sollen.
Per DI- Box werden die Ausgänge geroutet…(Inwieweit man klangliche Übergänge zwischen vorn und hinten schaffen muss, ist ebenfalls mit dem Tonmeister/Tontechniker zu klären.)
FÜr den Gesang am Ende benötigt der Solopianist ein Head-Set Mikrophon. Der Gesang soll deutlich zu hören sein und gut durch Verstärkung unterstützt werden.

Violine 1/I, Violine 1/II, Viola 1, Cello 1 und Cello 2 werden mit Winkler-Mikrophonen o. äh. sehr nah und sehr direkt am Instrument selbst abgenommen, sodaß auch die Streich- und Bogengeräusche gut vernehmbar sind.  Diese 4 Streicher sind klanglich dem solistischen Klavier zugeordnet und sollen ‚vorn’= l./r./center, also vor dem Orchester lokalisiert werden.
Die Klarinetten müssen ggf.verstärkt werden, die Kontrabässe für die Kadenz in jedem Fall.
Alle anderen Orchesterinstrumente sollen eine einfache Stützbeschallung erhalten (ev. Pultweise oder sogar nur Gruppenweise). Beim Blech kann u. U. ganz auf Verstärkung verzichtet werden.
DIe Streicher sollen – je nach Raumsituation – einen leichten Halleffekt bekommen.



HINWEISE ZU EINZELNEN INSTRUMENTEN

Streicher: Cello 1 benötigt ein Plektrum (der Klang des pizzicatos mit Plektrum muss sehr hart, präzise und ‚knackig’ klingen)

Trompeten: Benötigen Harmon-mute, ev. cup-mute

Pauken: Basspauke (D-Pauke), Große Pauke (G-Pauke), Kleine Pauke (C-Pauke), hohe Pauke (A-Pauke)
Diverse Schlägel: Neben den üblichen auch ein Vibraphonschlägel, Superball und ein Stück Styropor (o.ä.) Hinweis zu Pauken: In Takt 53 ff (Kreuze anstelle von Notenköpfen) wird ein tonloses Wischen gefordert, obwohl Tonhöhen angedeutet sind, wenn möglich das Wischgeräusch einfach entsprechend ein klein wenig verändern (höher oder tiefer); in den Takten 70ff werden Intervalle gefordert, sollten diese nicht möglich sein, bitte nur einen der Töne (möglichst den unteren) spielen.Takt 121+143 notfalls eine Oktave höher.

Soloklavier + Keyboard:  Es wird entweder ein software - Sampler (Helion) oder ein Akai 3000 oder 6000 mit ca. 72 MB benötigt, der von einem Masterkeyboard getriggert wird. Ferner ein Volume- und ein Holdpedal. Die Sounds liegen auf CD vor und sind Bestandteil des Aufführungsaterials (s. auch ‚Verstärkung’). Sie sind editiert für den für den software - sampler Helion und müssen, sofern der Pianist einen anderen Sampler verwendet ggf. von dem Pianisten entsprechend eingerichtet werden. Der Pianist benötigt ferner ein schnurloses Head-Set, einen Kunststoffhammer, eine Triangel, einen Gummischlauch, ein Stück Kolophonium und ein dickwandiges (Grappa-)Glas.

Klavier 2: der Pianist benötigt einen Kunstoffhammer (aus einem Baumarkt)  und eine Triangel.

 

SCHLAGZEUGBESETZUNG

Schlagzeug 1: mittleres Tamtam, Crash-Becken, Kleines (hohes) , mittleres Becken, großes (tiefes)  Becken, Snare (kleine Trommel), tiefe Tom, Röhrenglockenspiel mit Pedal  (von c1- h1), Glockenspiel, Crotales c4, es 4, c5,
diverse Schlägel: Filz, Vibraphonschlägel, Hartholz-bzw. Kunststoff mit Leder überzogen (für Röhrenglocken) ein Stück Styropor, Holzstick, Bogen, Bürste, Besen, (ev. Metallschuhdose statt Holzstick für Tamtam an den Stellen ‚zum Kreischen bringen’)

Schlagzeug 2: Mittleres Tamtam, Crashbecken, kleines (hohes), mittleres Becken, großes (tiefes)  Becken, 3 extrem abgedämpfte Becken, Metallblock, Snare (kleine Trommel), tiefe Tom, große Trommel,  Röhrenglockenspiel mit Pedal  (von c1-h1, um notfalls die anderen beiden Schlagzeuge in der Kadenz zu unterstützen, falls notwendig),
diverse Schlägel: Filz, Vibraphonschlägel, Hartholz-bzw. Kunststoff mit Leder überzogen (für Röhrenglocken), ein Stück Styropor, Bürste, Stricknadel o.ä., Superball, Holzstick, (ev. Metallschuhdose statt Holzstick für Tamtam an den Stellen ‚zum Kreischen bringen’), Hammer, Bogen

Schlagzeug 3: Mittleres-großes Tamtam, kleines (hohes), mittleres Becken, großes (tiefes) Becken,  4 extr. abgedämpfte Becken, Snare, Röhrenglockenspiel mit Pedal (von c1-c2), Vibraphon,
diverse Schlägel: (Filz, Vibraphonschlägel, Hartholz-bzw. Kunstoff mit Leder überzogen (für Röhrenglocken), ein Stück Styropor, Besen, Bogen, Stricknadel o.ä. Holzstick, (ev. Metallschuhdose statt Holzstick für Tamtam an den Stellen ‚zum Kreischen bringen’)

Programmhefttexte

Torsten Möller: Subtile Klarheit?

Rainer Pöllmann zur Berliner Erstaufführung beim Ultraschallfestival 2011

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