Dislokationen II (2010)
für Violine, Viola, Violoncello, Klavier/Sampler
Dauer: 25 min.
Kompositionsauftrag des Trio Coriolis
UA: Nov. 2010, München, HörBlicke 21trio coriolis, Christoph Grund
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Dislokationen-2, Trio Coriolis + Christoph Grund, live im BKA in der Reihe Unerhörte Musik am 15.11.2022
Programmheft-Text
Dislokationen bezeichnen Lageveränderungen oder Verschiebungen. Der Begriff findet in ganz unterschiedlichen Kontexten Verwendung: In der Geologie beschreibt er die gestörte Lagerung von Gestein, im Militärwesen die Verteilung von Einheiten, in der Medizin die pathologische Verlagerung von Organen oder Knochen und in der Sprachwissenschaft eine markierte Satzstellung.
In Dislokationen II sind die Wechsel teils hart und überraschend, die Schnitte unvermittelt. Gelegentlich blitzen Elemente der Unterhaltungsmusik auf, wodurch immer wieder der Eindruck entsteht, etwas sei „fehl am Platz".
Der Pianist wechselt beständig zwischen den Klaviaturen von Flügel und Keyboard. Zudem sieht die Partitur Aktionen im Innenraum des Flügels vor – am Ende des Stücks muss der Interpret sogar singen. Die Samples bestehen teils aus Aufnahmen aus dem Klavierinneren, teils aus sogenannten „Found Sounds" – also im Alltag zufällig gefundenen Klängen.
Inspiriert wurde das Werk durch Elfriede Jelineks Roman Lust. Maßgeblich war dabei die Montage von Alltagssprache und Hölderlin-Zitaten, die durch minimale Wortverdrehungen oder Umstellungen ins Groteske mutieren.
Presse
Zur Uraufführung schrieb Klaus Kalchschmid:
Bei Nicolaus A. Hubers Klaviertrio aus dem Jahr 2006 ist man noch etwas abgelenkt, denn der Regen trommelt auf die Dächer der Ausstellungsräume der Lothringer13 und die verschiedenen, vielfach deutbaren Videos von Anna Witt laufen in allen möglichen Ecken weiter. Aber diese Interaktion ist ja Programm der „HörBlicke21“, die unter diesem Titel nicht ohne Grund zum Schauen und Lauschen bereits das dritte Mal einladen. Also ist das Wechselspiel von scharfkantigen, aggressiven Verläufen und plötzlicher Zartheit bei Huber manchmal nur als EIN Parameter neben anderen akustischen und optischen Reizen wahrnehmbar.
Mit Ludwig van Beethovens drittem Streichtrio aus opus 9 wird sich das ändern, denn die ungeteilte Aufmerksamkeit, die der 26-jährige Komponist einfordert, hat sich auch das „Trio Coriolis“ auf die Fahnen geschrieben. Michaela Buchholz (Violine), Klaus-Peter Werani (Viola) und Hanno Simons (Cello) demonstrieren eine Intensität und zugleich Klarheit der Diktion und des Zusammenspiels, die das Hören in jedem Takt, in jeder Phrase auf das klingende Ereignis konzentriert.
Derart innerlich gesammelt, wird die Uraufführung des Abends, Iris ter Schiphorsts „dislokationen-2“ – wieder mit Christoph Grund am Flügel, der nun auch ein Sampling Keyboard „bedient“ – zum Ereignis: „Dislokation“, also in unterschiedlichem Zusammenhang Faltung, Verwerfung, Verlagerung, Verschiebung bedeutend, geht auf das lateinische „dislocare“ zurück und ist aus der Musik immer wieder herauszuhören. Die beginnt ungemein energetisch, um über stehenden bzw. liegenden Klängen in feines Dialogisieren überzugehen. Allmählich erreicht sie wieder eine enorme Intensität, die fast unvermittelt in einen Scherzo-Teil mündet. Mehrfach klingt das Ganze wie Übermalungen bereits bekannten Materials, Leoš Janácek schimmert durch, verschiedene Spieltechniken wie gläserndes Flageolett oder im Kontrast dazu ein brachiales Martellato am Steg erzeugen die vielfältigsten Assoziationen bis das Stück immer reiner und puristischer wird. Und am Ende wünscht man sich wie so oft bei Uraufführungen: das spannende Stück in einer so exzellenten Interpretation gleich noch einmal hören zu dürfen!
