Effi Briest (2000) (mit Helmut Oehring)
Musik-Theater-Psychogramm in 4 Akten
für 2 Stimmen, 1 männlichen Sopran, 1 gehörlose Darstellerin, 18 Instrumente, Live-Elektronik
Libretto: Iris ter Schiphorst + Helmut Oehring
Dauer: 90 min.
Auftragswerk des Theaters der Bundesstadt Bonn
UA: 2001, BonnChristina Schönfeld-Gebärdensolistin, Ingrid Caven – Stimme, Salome Kammer – Stimme, Arno Raunig – Sopran, Jens Seidenpfad – Akkordeon, Jörg Wilkendorf – E-Gitarre, Daniel Göritz – E-Bass, Ensemble der musikFabrik Nordrhein –Westfalen; Dirigent: Wolfgang Ott,
Regie und Ausstattung: Ulrike Ottinger; Kostüme: Gisela Storch-Pestalozza
genaue Besetzung:
solo trp-3cl-2tpt-perc(2)-acc-pft(=sampler kbd)-elec.gtr-elec.bass gtr-2vlc.3db-live electronics
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
genaue Besetzung:
1 Gebärdensolistin, 2 Frauenstimmen, 1 männlichen Sopran, Klar in B, Bassklar. in B, Kontrabassklar. in B, 2 Trompeten in B, 3 Posaunen, E-Git., E-Bass, Sample-Keyboard, Piano, 2 Schlagzeuge, 2 Violoncelli, 3 Kontrabässe, Zuspiele und Elektronik

Synopsis
Wenn ein Komponist, der in seinen Werken Kommunikation und Sprache thematisiert, mit einer für ihre Multimedia-Opern bekannten Künstlerin Fontanes Effi Briest auf die Bühne bringt, ist die Spannung zwischen Interpretation und Dekonstruktion vorgezeichnet. Es überrascht beinahe, dass das Werk dem narrativen Verlauf der literarischen Vorlage fast bruchlos folgt. Mithin hegen beide Komponisten seit jeher ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Anspruch der Sprache, Kommunikation zwischen Menschen herzustellen. Hier geht es vielmehr um die Möglichkeiten und die Verhinderung von Kommunikation; Klang, Sprache, Gebärde, Bewegung und Bild greifen ineinander und aneinander vorbei. Das komplexe Gewebe wechselnder Ebenen lässt den tiefenpsychologischen Subtext des Konfliktes zwischen Wunsch und Konvention hindurchscheinen, wobei die Zuordnung von Stimme, Figur und Darsteller bewusst mehrdeutig ist. Die Musik drückt die Verstrickungen der Sprache in überlieferte Ausdrucksformen aus: Die schicksalhaft-tragische Dimension des Geschehens wird in einer Spanne vom Chanson zur Barockarie ausgemessen.
Effi Briest Oper von Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring
Inszenierung und Bühne: Ulrike Ottinger
Iris ter Schiphorst und Helmut Oehrings Oper Effi Briest ist nach dem Prinzip der Parallel-Montage komponiert. Diese Form ermöglicht, alle Handlungen, Gefühle, Äußerungen, auch das Gefangensein in gesellschaftlichen Konventionen, gleichzeitig nebeneinander zu stellen, ohne sie zunächst miteinander zu verknüpfen. So werden Fontanes - trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe noch in einem gemeinsamen Wertesystem handelnde - Figuren radikal voneinander getrennt. Sie kreisen auf ihrer eigenen Bahn und jede Berührung bedeutet Kollision.
Es ist genau diese Konstellation, die mich interessiert. Die Bühne steht modellartig für die aristokratisch-großbürgerlichen Häuser der Zeit mit ihren zahlreichen Innen- und Außentreppen. Diese Architektur war ganz auf die große Bedeutung der "Visiten" abgestellt und verschaffte den Besuchern theatralisch wirksame Auftritte. Die Protagonisten der Oper sind wie auf einem Laufsteg exponiert und bewegen sich auf einer Plattform, in der die kräftigen Farben Rot und Blau miteinander kämpfen. Wie in den alten viragierten Filmen stehen die Farben für Tag und Nacht, Liebe und Leidenschaft, Kälte und Tod. Da die Musik im Zentrum der Inszenierung steht, habe ich das Orchester als sichtbaren Akteur in die Mitte der Bühne platziert. Die Figuren sind besetzt mit vier sehr unterschiedlichen Sängerpersönlichkeiten, deren individuellen und einmaligen Fähigkeiten sowohl in der Musik wie auch der Darstellung Raum gegeben wird. Ihr Spiel ist nicht von psychologischen Motivationen geprägt, sondern von einer Dramaturgie, die die Konflikte strukturell an die Oberfläche trägt.
Salome Kammer bringt mit ihrem spektakulären Tonumfang eine Stimme ins Spiel, die auch die schwierigsten Partien mit äußerster Präzision bewältigt. Sie vermag so nicht nur die widersprüchlichsten Figuren zu verkörpern, sondern ihre Stimme selbst wird zum perfekten Instrument der Kollision. Arno Raunig ist weltweit einer der ganz wenigen Sopranisten. Durch seine vielgerühmte, glockenreine Stimme, mit der er brillant zwischen Barockoper und experimenteller Musik wechseln kann, artikuliert er auch die zartesten Gemütslagen seiner facettenreichen Bühnenfiguren. Christina Schönfeld ist eine gehörlose Gebärdensolistin. Sie führt die Sprache auf den Grund ihrer Zeichenhaftigkeit zurück. Sie ist das graphische Element. Mal wehmütig-zärtlich oder in strengen Konturen schreibt sie ihre Piktogramme in die Luft. Ingrid Caven schließlich ist eine der eigenwilligsten und intellektuellsten europäischen Chansonsängerinnen. Mit scharfem Witz und melancholischer Verletzlichkeit ist sie auf der Bühne die perfekte Inkarnation all jener brüchigen Figuren, die von ihrer Zerrissenheit wissen und diese dennoch bis zur Neige ausleben. Die Inszenierung der vier Protagonisten setzt so eine ebenso vielschichtige Stimm-, Sprach- und Gebärdendramaturgie in Szene, wie sie auch in der komplexen Farb-, Raum- und Lichtdramaturgie angelegt ist. Zusammen fügen sie sich zum ästhetischen Äquivalent einer experimentellen Musik, die nicht nur auf Harmonien, sondern auch Diskontinuitäten gründet.
Auszug aus: Ulrike Ottinger, Parallel-Texte
Presse
NZfM, 3/2001, Frank Kämpfer
“Die berühmte Geschichte der adeligen Tochter, die verheiratet wird und einen Liebhaber hat, ist im Familienkreis der Briests ein Wiederholungsfall. Kaum zufällig stellt bereits die Eingangsszene eindeutig klar, dass die Tochter zum Zwecke des sozialen Aufstiegs den einstigen Verehrer der Mutter, Ministerialrat von Instetten, heiraten soll. Beider Hoffnungen scheitern, die Mutter verfällt, Instetten steigt auf, Effi stirbt an der Lieblosigkeit. Ein weibliches Schicksal wird also weitervererbt.
Um dies in größerer Allgemeingültigkeit zu erzählen, trennen die beiden Autoren bewusst Rolle und Text. Zugleich bekennen sich sowohl Iris ter Shiphorst, die von multimedialen Arbeiten herkommt, als auch Helmut Oehring, der Kommunikationsprobleme thematisiert, weitgehend zum linearen, narrativen Verlauf. Fontanes Originaltext erzählt dabei nicht mehr aus der Distanz des Romans, vielmehr ist er auf Sequenzen persönlichen Sprechens hin komprimiert. Dem liegt ein tiefenpsychologischer Subtext zugrunde, der sich in einem komplexen Gewebe wechselnder Ebenen bewusst a-logisch zu vermitteln versucht. Das Theater der Stimmen wird von akustischen Klängen grundiert, die weniger ein Drama als vielmehr eine Stimmung, ein Ambiente vermitteln. Im Instrumentarium, das ein Ensemble Neuer Musik, Rock-Gitarre, Schifferklavier und Bigband vereint, herrscht Reduktion. Klänge, oft im Pianissimo angelegt, wirken gefiltert, tendieren zum verschmutzten Geräusch. Radiosignale, Rauschen und filmhafte Stimmen treten flächig hinzu; sie suggerieren Leere und Perspektivlosigkeit.”
Die Welt, 13.03.2001, Stefan Keim
“Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring haben eine genuine Theatermusik geschrieben, die Geisteszustände schattenreich ausmalt. Bis kurz vor Schluss bleibt der Deckel auf dem Topf, das Espressivo gezügelt. Man braucht einen langen Atem für diese Musik, … aber es lohnt sich, … ihre Feinheiten zu erspüren.”
Susanne Kunckel, 04.03.2001 - Akkordeon für Effis Sehnsucht
Gleich vier Avantgarde-Komponisten haben literarische Meisterwerke vertont. Der Beweis, dass Oper nicht von gestern ist
Ein Auslaufmodell? Oder ist sie noch zu retten? Verschlankt, fusioniert, abgewickelt wird an vielen Musiktheatern der Republik, Sparzwang drückt. Doch Oper ist, nach 400 Jahren, noch lange nicht am Ende. Und von gestern schon gar nicht. Im Gegenteil. Zeitgenössische Komponisten erliegen ihrer Magie, haben neue Töne für die Weltliteratur. Die Literatur-Oper boomt, die Richard Strauss vor rund 100 Jahren mit Oscar Wildes “Salome” musiktheatertauglich machte. Das weite Feld literarischer Meisterwerke beackern die Neutöner. Gerade wurde in Krefeld Thomas Blomenkamps Dostojewski-Oper “Der Idiot” uraufgeführt. In Dresdens Semperoper stellt Komponist Peter Ruzicka, designierter Chef der Salzburger Festspiele, noch in diesem Monat “Celan”, sein “Musiktheater in sieben Entwürfen” um den berühmtesten Nachkriegs-Lyriker zur Diskussion.Und in Bonn kommt nächsten Freitag der berühmteste deutsche Gesellschaftsroman, Fontanes “Effi Briest”, auf die Opernbühne. Ein mit Spannung erwartetes Gemeinschaftswerk von Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst, seit fünf Jahren das Erfolgsduo der Avantgarde. Beide verbindet ihre Sprachskepsis. Sie komponieren, “weil Sprache so begrenzt ist, das Verletzlichste, was es gibt”. Helmut Oehring, Sohn gehörloser Eltern mit absolutem Gehör, Autodidakt und Hindemith-Preisträger, komponiert in seiner Muttersprache, denkt, träumt und fühlt in Gebärden. Erst mit vier Jahren lernte er die Lautsprache. Ihn interessiert die “Bilderkraft hinter den Klängen, die einem das Leben retten kann”. Sein Name steht für grenzüberschreitenden Austausch zwischen Neuer Musik, Free Jazz, experimentellem Rock mit Anklängen von Dada und Bruitismus. Seine Werke tragen so bizarre Titel wie “Schaukeln-Essen-Saft”, “Irrenoffensive” oder “Verlorenwasser”. Iris ter Schiphorst brach ihre Pianisten-Karriere ab, suchte auf Reisen außereuropäische Klangerlebnisse, spielte Punk in verschiedenen Bands, experimentierte mit elektronischer Musik und Tonbandkompositionen: “So bin ich ins richtige Komponieren reingerutscht”, erinnert sie sich und beurteilt “Mischwesen” als eine der wichtigen Gemeinschaftsproduktionen mit Helmut Oehring: Musiktheater um die US-Dichterin Anne Sexton, die - an der Sprache zerbrochen - mit 46 Selbstmord beging … Und jetzt kommt “Effi Briest”, die tragische Fontane-Heldin, die am strikten Moralkodex ihrer Zeit zu Grunde geht. “Verletzung schwebt durch diesen Roman unter funktionierenden bürgerlichen Ritualen. Ein weites Feld”, meint Oehring. Und Iris ter Schiphorst fährt fort: “Es gibt keinen Täter. In Fontanes Roman sind alle Opfer.”
"Eine stille, farblose Musik, die Seelenlandschaften ausleuchtet”, haben sie komponiert, als Klima für Effis beklemmende Welt. Wie das klingen soll? Dezent musiziert vom Avantgarde-versierten Ensemble Musikfabrik Nordrheinwestfalen, mit E-Gitarre, E-Bass, nur sparsam eingesetzter Elektronik und Akkordeon, dem Instrument für Effis Sehnsucht. Ihren Untergang hatte Fontane kommentiert: “Arme Effi, du hattest zu den Himmelswundern zu lange hinaufgesehen …” Vervierfacht kommt sie auf die Bonner Bühne, denn an durchgängige, in sich geschlossene Figuren, an einen ästhetisch ganzheitlichen Weltentwurf, wollen die Komponisten nicht mehr glauben. Ingrid Caven leiht Effis Sehnsucht ihre Stimme, ein männlicher Sopran, eine Sopranistin und eine Gebärdensolistin vervollständigen das Zwei-Stunden-Psychogramm in vier Akten.Ein Beispiel für spannendes Musiktheater und Gegenwartstauglichkeit der Oper. Doch der gegenwärtige Boom von Literatur-Opern setzt nur den Trend der vergangenen Jahrzehnte fort. Ob Gottfried von Einem oder Wolfgang Rihm, Adriana Hölszky, Manfred Trojahn, Aribert Reimann oder Matthias Pintscher - die Neutöner haben sich an Meisterwerken von Shakespeare über Büchner bis Kafka entzündet, ihre Avantgardekunst längst aus dem Elfenbeinturm in die Opernhäuser umgesiedelt.