Fünf Miniaturen plus Coda (2024/2025)
für Klarinette solo
Dauer: 12 min.
Auftragswerk des internationalen ARD-Musikwettbewerbs
UA: 04.09.2025, internationaler ARD-Musikwettbewerb, Hochschule für Musik und Theater München, Großer KonzertsaalElad Navon
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

Kurze Anmerkungen zum Werk:
Spieltechniken/'Ausdruck':
Die Miniaturen changieren zwischen Rauheit und Zartheit, dabei ist beides einerseits Farbe, führt aber andererseits in unserer Wahrnehmung auch zu einem jeweils ganz anderen Ausdruck. D.h. über die in diesem Stück verlangten Spieltechniken werden Farben und Ausdrucksregister extremer.In gewisser Weise 'expressiver', wenn man so will.
Spieltechniken/Orchestrierung:
Durch die speziellen Spieltechniken kommt aber auch eine weitere Schicht in der Vertikalen hinzu, so dass man im Grunde genommen sogar von Orchestrierung sprechen kann. Der einzelne Ton erweitert sich in der Vertikalen - auf unterschiedliche Weisen. Techniken wie Flatter-Zunge, zusätzlicher Einsatz der Stimme etc. führen im tieferen und mittleren Register zu einer 'mehrschichtigen Rauheit' bestimmter Passagen (wie z. B. streckenweise in der ersten Miniatur), Techniken wie unterschiedliche Kombinationen bestimmter Arten von Bisbigliando, gleichzeitigen Trillern, zum Teil mit Frullato etc. (wie in der 4. Miniatur) zu einer Art Polyphonie /Mehrstimmigkeit in 'der Zartheit'. Die Spieltechniken sind somit kein Selbstzweck, sondern ein Mittel der Orchestrierung, d. h. sie fügen den 'Linien und 'Melodiebögen' des Stückes eine weitere Schicht hinzu. Je genauer diese Spieltechniken ausgeführt werden, desto vielschichtiger wird das Stück, desto mehr Klangschichten in der Vertikalen sind zu hören. Dadurch wird das Prinzip der Einstimmigkeit verlassen.
Polyphonie:
Gleichzeitig sind die Miniaturen voller auskomponierter polyphoner und kontrapunktischer Passagen (wie z. B. in der 5. Miniatur), in denen mehrere Linien/ Stimmen kontrapunktisch gegeneinandergesetzt werden und im Verlauf gleichzeitig erklingen. Auch dadurch wird das Prinzip der Einstimmigkeit verlassen. Aber auch in der Horizontalen gibt es mehrere Linien/Stimme, die sich im Verlauf gleichzeitig weiter entwickeln und sich dabei auf unterschiedliche Weise aufeinander beziehen: sich gegenseitig unterbrechen, bestätigen, widersprechen, komplementieren, etc.. (wie z. B: sehr deutlich in der ersten Miniatur
und der Coda). Diese unterschiedlichen Linien müssen sehr deutlich gestaltet werden, so dass sie in ihrer je Eigenart verstehbar werden. Die Miniaturen sind somit sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen mehrdimensional, bzw. mehrstimmig/ polyphon.
Körperliche Musik:
Der Spieler/die Spielerin muss sich die Miniaturen gänzlich zu eigen machen, die Vielschichtigkeit verstehen und auf seine/ihre Weise gestalten. Zudem muss er den Miniaturen in ihrer Gesamtheit einen gestalterischen Bogen geben, denn auch sie beziehen sich jeweils aufeinander. Je mehr sich der Spieler/die Spielerin das Stück in diesem Sinne zu eigen macht, desto besser. Denn am Ende geht bei den Miniaturen genau darum: eine eigene, gern auch eigenwillige Interpretation des Stückes auf die Bühne zu bringen. Das Grundverständnis ihrer Vielschichtigkeit ist dafür die Voraussetzung.
Es ist darum sehr konkrete bzw. körperliche Musik, die ganz und ganz an den ausführenden (innerlich singenden) Körper des Musikers rück gebunden ist - und nur so erlebbar wird. Es ist somit letztlich performative Musik. (Iris ter Schiphorst, 11.09.2025)
