KLANGRÄTSEL (2010)

für Jugend- oder Laien-Streichorchester

Dauer: 4 min.

Preisträgerstück des ad-libitum Wettbewerbs 2011, der vom Stuttgarter Förderverein Musik der Jahrhunderte zusammen mit der Winfried Böhler Kultur Stiftung vergeben wird und zur Erweiterung des Repertoires zeitgenössischer Musik für Kinder beiträgt.

„StreichHölzer“ der Städtischen Musikschule Chemnitz, Leitung: Andreas Winkler

Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

Kurzbeschreibung auf der Datenbank Neue Musik

Die SpielerInnen werden in Iris ter Schiphorsts „Klangrätsel“ herausgefordert zu instrumentalen und (zum Teil gleichzeitig) gesprochenen/gesungenen musikalischen und/oder theatralischen Aktionen. Spannend wird sicher für die Zuhörerenden die Lokalisierung der meist tonlosen Aktionen auf dem Instrument und den dazugehörenden gleichzeitigen Vokalaktionen. Humorvolle, spannungsvolle und stimmungsvolle Augenblicke sind hier sicher zu erwarten und es wird ein Vergnügen sein, mit experimentierfreudigen Ensembles dieses Stück zu erarbeiten, zu spielen und zu erleben.

Notation

Notationstechnisch ist das Werk sehr übersichtlich und gut lesbar. Im Vorwort sind alle Spieltechniken deutlich erklärt, zudem enthält es sehr gut nachvollziehbar alle nötigen Hinweise für die Realisierung des Werks.

Anforderungen

  • Instrumentaltechnisch ist dieses Werk elementar.
  • Erweiterte Spieltechniken sind Grundlage des Werkes. Klassische Spieltechniken spielen kaum eine Rolle.
  • Vokaltechnisch erfordert das Werk einen mutigen Zugang zum experimentellen Umgang mit der Stimme und die Fähigkeit selbstbewusst außergewöhnliche und klar definierte Geräusche und abstrakte Silbenfolgen seriös mit der Stimme zu formen und auf der Bühne vor Publikum abrufbar zu halten.
  • Theatralisch fordert es Aktionen, die aus den „klassischen Bewegungen“ in der Handhabung des Instruments abgeleitet sind.
  • Metrisch ist das Werk einfach, übersichtlich und schnell erfassbar.
  • Rhythmisch gibt es klares, deutlich nachvollziehbares und sofort eingängiges Material.
  • Dynamisch fordert das Werk beim Gebrauch der Stimme Mut zu Extremen, sowie Feinheit und Farbigkeit in den leisen Passagen.
  • Für das Zusammenspiel ist ein gut eingespieltes Ensemble nötig bzw. ausreichend Probenzeit und ein/e DirigentIn mit guter Übersicht und klarer Zeichengebung (siehe didaktische Hinweise).


Didaktische Hinweise und Empfehlungen

  • Die Zielgruppen für dieses Stück sind Kinder- und Laienorchester. Auch Streicherklassen könnten sehr davon profitieren, sich damit zu beschäftigen.
  • Die Verwendung von sehr elementaren Aktionen am Instrument erlaubt, die Konzentration auf die Genauigkeit im Zusammenspiel in rhythmischer und dynamischer Hinsicht und somit ein Hauptaugenmerk auf die Ausdrucksfähigkeit der SpielerInnen durch die ebenfalls sehr elementaren (und daher leicht zugänglichen) Aktionen mit der Stimme zu lenken.
  • Erfahrungsgemäß erleichtern stimmliche und/oder theatralische Aktionen die Erarbeitung und die Koordination von komplexeren, sich ergänzenden, rhythmischen Mustern in Ensembles. Die ersten Proben sollten sich vermutlich der Notation der erweiterten Spieltechniken widmen. Da diese im ganzen Orchester gleich sind, kann das sehr gut auch mit dem gesamten Orchester ohne Stimmproben am Anfang geleistet werden.
  • Sehr gut wäre sicher, alle Aktionen immer in der Gruppe auszuführen, so dass auch weniger mutige SpielerInnen immer durch die Gruppe motiviert und aufgefangen sind.
  • Vorsicht ist bei einigen Aktionen mit dem Bogen (durch die Luft schlagen) angesagt, dass bei etwas wilderen Kindern und Jugendlichen nichts zu Bruch geht.
  • Intensiv den disziplinierten Umgang mit scheinbar spielerischem Material zu üben, wird wohl für manche Ausübende eine echte Herausforderung sein. Doch sowohl der klangliche Ausdruck, als auch der Eindruck beim Publikum wird sehr stark sein und kann daher als ein lohnendes Ziel für die investierte Arbeit in Aussicht gestellt werden.
  • Das Orchester ist bei diesem Stück sehr auf eine/n DirigentIn angewiesen, die bzw. der deutliche Einsätze und klare Impulse geben kann, sowie dynamisch und energetisch suggestiv zu agieren und zu motivieren versteht.

 

Aus der Legende

Bei diesem Stück geht es um das Sehen und Hören. Wer spielt den Klang, den ich sehe? Welches Instrument? Wer hört das Geräusch, das ich spiele?

In "Klangrätsel" wird fast nie ‚richtig’ gespielt. Fast alle Geräusche und Klänge werden von der Stimme oder anderen Gegenständen ausgelöst, jedoch fast nie von den Streichinstrumenten selbst.

Die Streichbewegungen der Streicher erklingen somit nie, sie werden nur vorgetäuscht. Diese Täuschung muss aber ganz echt aussehen. Dazu werden mit der linken Hand alle Saiten komplett abgedämpft; die Finger fassen dazu über alle Saiten sehr nah am Griffbrettende. Mit der rechten = Bogenhand wird auf den Fingern der linken Hand gestrichen, sodaß überhaupt kein Ton oder Geräusch zu hören ist, es aber für Zuschauer so aussieht, als würde ‚wirklich’, also auf den Saiten gestrichen werden.
Die Auf- und Abstrichzeichen beziehen sich entsprechend auf die rechte Hand= die Bogenhand, die auf den Fingern der linken Hand streicht. Es gibt somit nur sichtbare aber keine hörbaren Bogenbewegungen (Bogenstriche).

Fast alle Geräusche werden mit der Stimme gemacht. Manchmal streicht eine Gruppe und eine andere Gruppe macht ein Geräusch mit der Stimme dazu. Manchmal  müssen die Spieler beides machen, also zu den Stimm-Geräuschen gleichzeitig unhörbare Streichbewegungen ausführen.

Die Geräusche mit der Stimme sollten optisch kaum wahrnehmbar sein, sodaß nicht eindeutig ist, woher sie kommen (also nicht zu deutlich den Mund aufreißen!).
Alle Geräusche mit der Stimme werden tonlos fabriziert, also ohne Tonhöhe. Es handelt sich häufig um geflüsterte Zischlaute. Manchmal werden neben den Konsonanten auch Vokale angegeben, die aber ebenfalls ganz und gar tonlos, also nur hauchig geflüstert erklingen dürfen. 

Die drei Linien der Partitur beziehen sich auf 'Register' der notierten Stimm-Geräusche, denn alle die Flüster- und Zischlaute sollen grob unterschieden werden in ‚eher hoch’, ‚mittel’ und ‚eher tief’.
Manchmal sollen die Stimmengeräusche von einem eher hohen Register zu einem eher tiefen glissandieren, natürlich nur angedeutet, weil alles tonlos ist. (Das Stück soll sehr leise und sehr geheimnisvoll klingen!!)

Die Stimm-Geräusche sind in der Partitur mit roter Farbe markiert. Dort, woe die Spieler gleichzeitig Streichbewegungen als auch Flüster-Zischlaute auszuführen haben, sind die Notenköpfe der Auf- oder Abstriche schwarz und die Flüster-Laute in rot darunter notiert. 

Die Dynamik bezieht sich selbstverständlich nur auf die Stimmengeräusche, denn das Streichen auf den Fingern hört man ja sowieso nicht.

- Die Viola braucht einen Bleistift.
- Das Cello braucht ein Handy. Mit diesem Handy wurde in der Probezeit ein längeres Geräusch aufgenommen, das zu dem Stück passt und an der an der entsprechenden Stelle der Partitur sehr sehr leise 
   abgespielt. (Das kann z. B. Verkehrslärm sein, oder das Auf- und Zuziehen eines Reißverschlusses, Regen, ein Popsong etc. ).
- Der Kontrabassist braucht einen dünnen Bleistift und vier Murmeln. Er hat einen Wassereimer neben seinem Platz stehen. Mit dem Bleistift soll zwischen den Saiten hinter dem Steg tremoliert werden.

Folgende ‚echte’ Geräusche gibt es zusätzlich:
- ‚echtes’ pizz (Kontrabass);
- pizz hinterm Steg (auf der Saite, auf der es am besten klingt);
- pizz mit dem Fingernagel am Steg (ein ‚Ratschgeräusch’);
- arco auf Saitenhalter (Cello), solange ausprobieren, bis ein lauter stöhnender Ton erklingt;
- mit dem Bogen schnell von oben nach unten durch die Luft schlagen = Luftgeräusch;
- mit dem Bleistift auf das Holz des Instrumentes klopfen (natürlich nicht mit der Spitze!);
- Handygeräusch (s. o);
- einmal wird ‚gepfiffen’ (als würde man seinen Hund herbeirufen wollen).

s. a. dazu Datenbank Neue Musik

sowie Vorschau der Noten

u.a. zu beziehen bei: alle-noten.de

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