meine-keine lieder/die aufgabe von musik (2014)

für Inge Müller
für verstärkte Frauenstimme/Performance, Bassklarinette und Klavier/Sample-Keyboard (1 Spieler)

Dauer: 17 min.

Kompositionsauftrag der Hugo-Wolf Akademie, Stuttgart für die Reihe "Sind noch Lieder zu singen?"

UA: 14. 03. 2015, Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Konzertsaal

Salome Kammer, Akiko Okabe, Sebastian Manz

Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

meine_keine_lieder.jpg
Link zum Video

meine-keine-lieder/die aufgabe von musik, Eclat-Festival, Stuttgart 2015

DVD Sind noch Lieder zu singen (Cover)

DVD Sind noch Lieder zu singen?
darauf: ‚meine-keine-Lieder’ 
Liedprojekt 2015

Libretto Iris ter Schiphorst: 

mit Texten/Zitaten von Hannah Arendt (1906-1975) (aus: Hannah Arendt und Joachim Fest, Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe, hrsg. von Ursula Ludz und Thomas Wild, München-Zürich: Piper, 2011, S. 36-60),
2 Gedichten von Inge Müller (1925-1966): „Meine Mutter wollt mich nicht haben“ (aus: Inge Müller: 'Wenn ich schon sterben muß“', Gedichte: Aufbau-Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin Copyright Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1985) und „Ich steh mit einem Bein am Grab“ (aus: Inge Müller: ‚Daß ich nicht ersticke am Leisesein', herausgegeben von Sonja Hilzinger, Aufbau-Verlag Berlin 2002),
einem Zitat von Slavoj Zizek (1949) aus ‚Inhärente Überschreitung’ (Lèttre international, Herbst 1997), Gedichtzeilen von Ludwig Rellstab (1799-1860) aus "Leise flehen meine Lieder", sowie Deutschen Volksliedern.

Videokommentar & Interview Liedprojekt 2015

Legende 

Programmhefttext:

"meine-keine-lieder“ für Inge Müller versteht sich als eine wissenschaftlich-künstlerische Auseinandersetzung mit dem „geistigen Klima“ der Lebenszeit von Inge Müller (1925–1966) in Deutschland, mit Schwerpunkt auf der NS-Zeit und ihrer Rezeption in den 60er-Jahren, vor allem durch Hannah Arendt.

Gleichzeitig ist diese Komposition eine Art „Hommage“ an Inge Müller, deren Gedichte („Meine Mutter wollt mich nicht haben“ sowie „Ich steh mit einem Bein am Grab“) vollständig in die Arbeit aufgenommen wurden.

***

Was sich hier als Beschreibung meiner Arbeit recht „einfach“ liest, war ein äußerst komplizierter Prozess, der mich zwischendurch mehrfach an den Rand des Aufgebens gebracht hat. Besondere Schwierigkeiten bereiteten mir die Rahmenbedingungen des Auftrags. Das fing schon mit dem Namen und der Selbstdefinition des Auftraggebers an: Internationale „Hugo Wolf Akademie“ (!), ein Verein, der sich dem „deutschen Kunstlied" verschrieben hat – d. h. dem Inbegriff deutscher romantischer Musik mit allem, was damit zusammenhängt: seinem „Ausdruck“ („Empfindsamkeit“!!), der Verschmelzung von Text und Musik, einer bestimmten Aufführungspraxis, der Expression der singenden Person auf der Bühne, dem „Interpretationskult“ etc. – kurz: dem ganzen „Geschichtsschrott“, der uns Komponisten – so der Schriftsteller Marcel Beyer in einem Interview – in Bezug auf die Gattung Kunstlied im Nacken sitzt.

Eine weitere Schwierigkeit stellte für mich die im Auftrag formulierte zeitliche Zuordnung dar: „nach 1945“. Diese Zuordnung wirft natürlich unweigerlich die Frage nach dem „Davor“ auf und damit auch nach dem Grund dieser zeitlichen Zäsur. Das zieht wiederum die Frage nach sich, wie man es selbst mit diesem Datum halten will und für welchen Bezug man sich entscheidet: Wählt man tatsächlich das „Danach“ – und damit den „Neuanfang“ („Auferstanden aus Ruinen“, wie es später in der Nationalhymne der DDR heißen wird) oder die „Stunde Null“? Von letzterer sprach übrigens auch Karlheinz Stockhausen, als er 1953 formulierte: „Die Städte sind radiert, und man kann von Grund auf neu anfangen ohne Rücksicht auf Ruinen und geschmacklose Überreste“. Es ist eine „Stunde Null“, welche auch die Künstlergruppe ZERO – nomen est omen – 1959 als eine Art Programm ausrufen wird … „als könne ein Volk mit einer zweitausendjährigen Geschichte seine Uhren einfach zurücksetzen, die Ärmel hochkrempeln und so tun, als sei das Material, aus dem man sich anschickte, das Neue zu bauen, etwas anderes als die Trümmer der eigenen Vergangenheit“, wie Thea Dorn zornig 2011 in einem Artikel in der ZEIT schrieb. Oder entscheidet man sich doch – quasi eigenmächtig – für das „Davor“, das dann auch die Erinnerung an die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg mit einschließen würde?

(Fußnote: Natürlich war mir klar, dass die Frage, ob nach 1945 noch Lieder zu singen seien, vor allem musikwissenschaftlich, aber auch ein bisschen „adornisch“ gemeint war – im Sinne von: Ist es möglich, nach 1945 überhaupt noch zu singen? – und als Frage natürlich auch ein Stück weit rhetorisch.)

...

Eine weitere Hürde stellte für mich die Festlegung auf die deutsche Sprache dar – und zwar aus rein musikalischen Gründen. Das Deutsche ist für mich persönlich in seiner Diktion eigentlich unsingbar. In den Kunstliedern der Romantik funktioniert diese Sprache wunderbar, auch in vielen Eisler-Liedern, die ich sehr mag, aber darüber hinaus? Es gibt wunderbare deutsche zeitgenössische Lyrik, aber sie „ver-komponieren“? Vertonen? In ein Lied zwängen? Die meisten Versuche der letzten Jahrzehnte sprechen für mich eher dagegen. (Ganz anders geht es mir mit dem Englischen oder Französischen, das ich schon oft in Liedern verwendet habe.)

Aus all diesen Gründen erwies sich auch die Textsuche als schwieriger und langwieriger Prozess. Obwohl ich recht schnell auf die Gedichte von Inge Müller stieß, die mich sofort faszinierten und mir für dieses Festivalthema sehr passend erschienen, konnte ich mir zunächst überhaupt nicht vorstellen, wie dazu Musik zu komponieren sei, und legte sie deshalb immer wieder beiseite. Was mir bei diesem Auftrag zusätzlich zu schaffen machte, war die extrem traditionelle bzw. traditionsbeladene Besetzung (Klavier und Stimme), aber auch das Wissen um den Aufführungsort (eine Hochschule – mithin ein durch und durch akademischer Rahmen) und nicht zuletzt der Gedanke an die Art der Veranstaltung, auf die letztendlich alles hinauslaufen würde: das „bürgerliche“ Konzert mit all seinen Ritualen, Erwartungshaltungen und Benimmregeln.

Verhältnismäßig sicher war ich mir nur darin, was ich nicht wollte: Keine Parodie à la Schwitters, Jandl, Kagel und Co. (obwohl ich zwischendurch aus Verzweiflung auch damit geliebäugelt hatte – wohl wissend, dass diese Form der Absurdität und Sinnverweigerung stets goutiert wird), kein Zerlegen der Textsemantik in kleinste Lautbestandteile und auch keine reinen Klangexperimente. Ich wollte mit erkennbarem Text, mit „Inhalt“ arbeiten. Und ich wollte all das in die Arbeit aufnehmen, was mir an diesem Auftrag so schwer schien.

Die „Rettung“ brachte schließlich der Gedanke, mich vom Lied – also von der für das Lied konstitutiven Einheit von Text und Musik – zu verabschieden und mit verschiedenen Texten und unterschiedlichen Textgenres zu arbeiten (inklusive einiger Volksliedtexte). Das eröffnete mir die Möglichkeit, theatraler zu denken und erzählerische Bezüge zwischen Texten, Musik und Szene herzustellen: Manchmal kommentiert die Musik den Text, manchmal konterkariert oder hinterfragt sie ihn – und umgekehrt.

Zudem fasste ich im Verlauf der Arbeit den Entschluss, die meisten Texte nur sprechen zu lassen; gesungen wird fast nur auf Vokalisen. Das gab mir die Freiheit, die gesungenen Partien wie einen Kommentar, wie eine zusätzliche Sprache zu gestalten. In meiner Komposition hat die Stimme, dadurch dass sie einer „Figur“ zugeordnet ist, anders als im Kunstlied ein Geschlecht. Damit meine ich nicht die Tonlage, ich meine den Körper. Meine Komposition ist explizit für eine weibliche Darstellerin geschrieben, und selbst die sie begleitenden Musiker sollten im Idealfall männlich sein; die „ausführenden Körper“ sind also mitgedacht.


Meine Darstellerin muss daher in theatraler Körperarbeit geschult sein und gelernt haben, auf der Bühne mit Text umzugehen, sich Text „einzuverleiben“. Sie muss die Fähigkeit besitzen, auch Texte, die eigentlich aus einem ganz anderen Kontext stammen (wie z. B. die politischen Essays von Hannah Arendt, die reine Schrifttexte sind), zu „verkörperlichen“. Das ist eine Fähigkeit, die nur wenige Sängerinnen besitzen, da sie nicht dafür ausgebildet werden. Zudem muss sie blitzschnell von einem sprechenden Körper zu einem singenden Körper werden können.

Zu guter Letzt, als ich schon fast fertig war, fragte ich mich, ob mein Stück nicht möglicherweise zu „didaktisch“, zu „aufklärerisch“ oder vernunftgelenkt geworden sei – und damit in gewisser Weise zu „bürgerlich-altmodisch“ bzw. zu sehr dem Geist der Moderne verhaftet (die doch bekanntlich hinter uns liegt, obwohl hier und da schon von einer „zweiten Moderne“ die Rede ist). Dieser Gedanke begleitete mich durch die gesamte Endphase. Noch kurz vor Schluss wollte ich in einem Akt des Unwillens meine ganze Textzusammenstellung (Arendt, Müller, Žižek etc.) streichen und durch ein Anagramm von Unica Zürn ersetzen. Doch dann siegte das „Sagen-Wollen“, und ich entschied mich dieses Mal gegen die Rätselhaftigkeit.

copyright Iris ter Schiphorst, 2014

Presse

Auszüge des Pressespiegels 2015 zur UA

Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.03.2015, Gerhard R.Koch

Sind noch Lieder zu singen? fragte die Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart - und Iris ter Schiphorst antwortete...
"... die suggestivsten Uraufführungen erwuchsen gerade aus der dezidierten Ferne zur deutschen zur deutschen Tradition der 'Gefühlsreproduktion'. Kein 'erhabener' Text, keine musikalische Vergangenheits-Prothese: stattdessen verstörende Fremdartigkeit. Die Komponistin Iris ter Schiphorst legte ihrem Stück 'meine-keine-lieder/Die Aufgabe von Musik' eine Text-Collage zugrunde, die die deutsche Geschichte der Geschichtsverdrängung thematisiert: Eichmann liebte Schubert. Musikalisch geschieht dies als grandiose Doppel-Performance von Salome Kammer, die am Tisch sitzend spricht, Klagelaute addiert und Vokalisen singt, kontrapunktiert von Klavier und Bassklarinette."

nmz online, 16.03.2015, Dietrich Heißenbüttel

"Lieder sind Lyrik. Im 'noch' des Festival-Mottos steckt auch Adornos Dikutm, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch. ...Iris ter Schiphorst ging dem Unbehagen mit Hannah Arendt auf den Grund. Die gesprochenen Zitate zum Eichmann Prozess wechseln mit unartikulierten, tremolierenden Schreien - vielleicht die beste Art, die Inkommensurabilität der Aussagen musikalisch sinnfällig zu machen...."

← back