NOISE (2014)
NOISE - Versuch einer Begegnung mongolischer und europäischer Musiker als »Be-fremdung« – nach Konzepten von Iris ter Schiphorst und Uros Rojko
Dauer: ca 50 min.
Aufführungsmaterial erhältlich bei der Komponistin
Excerpt des NOISE-Konzertes 2014 im Rahmen des Projekts „Urban Nomads“ (im Radialsystem)
Im Jahr 2013 gaben die Komponistin Iris ter Schiphorst und der Experimental/Elektronik Spezialist und Gründer des Independent Labels »Noise Asia« Dickson Dee in Ulan Bator einen Workshop für Studenten der Mongolian State University of Arts and Culture sowie Gaststudenten der Berliner Universität der Künste. Ausgehend von den unterschiedlichen asiatischen und europäischen Hörkulturen wurde eine gemeinsame Komposition erarbeitet.
Im Berliner Folgeprojekt ist der Rahmen »experimenteller«: Auf der Grundlage von Konzepten der Komponisten Iris ter Schiphorst und Uros Rojko begegnen sich mongolische und europäische Profi-Musiker, um in unterschiedlichen Formationen miteinander zu musizieren. Dabei treffen traditionelle mongolische Spielweisen auf avantgardistische europäische Spieltechniken. Es geht um den Versuch einer Berührung durch Fremdes, darum, »Ansteckungsprozesse« unter den Beteiligten in Gang zu setzen, einen prekären Zustands also, den man auch als »Entfachen einer Krise« beschreiben könnte, die eine Transformation des Eigenen auszulösen verspricht ...
Mit Musikern der mongolischen Gruppe HOSOO & Transmongolia (Kehlkopfgesang, traditionelle mongolische Instrumente), den Berliner Musikern Theo Nabicht (verstärkte Kontrabassklarinette, Bassklarinette), Jörg Wilkendorf (E-Gitarre, liveElektronik), Ute Wassermann (Stimme), Johanna Krumin (Sopran), Torsten Ottersberg/Iris ter Schiphorst (Sounds, Klangregie), dem slowenischen Komponisten und Musiker Uros Rojko (verstärkte Klarinette, Halbklarinette) Dashtsermaa Tserenpil (Long Song) und anderen.
Das Konzept der „Be-fremdung“
Im Kern des Projekts steht nicht die Verschmelzung (Fusion), sondern die bewusste Reibung. Ter Schiphorst nutzt den Begriff der „Be-fremdung“, um zu beschreiben, wie vertraute kulturelle Klänge durch einen Kontextwechsel fremd wirken können. Das Ziel war es, die mongolische Tradition nicht museal auszustellen, sondern sie als lebendige, widerständige Kraft in der globalisierten Moderne zu zeigen.
Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Ein wichtiger Hintergrund ist die Arbeitsweise. Anstatt den mongolischen Musikern fertige Partituren vorzulegen, basierte vieles auf Improvisation und gegenseitigem Lernen. Ter Schiphorst betonte oft, wie sehr die physische Präsenz und die Atemtechnik des Khöömii-Gesangs ihre eigene Kompositionsweise beeinflusst haben.
Das Projekt war Teil von Crossing Identities – Urban Nomads, einer Initiative der Schering Stiftung in Kooperation mit dem Radialsystem und dem Internationalen Theaterinstitut (ITI). Es sollte zeigen, wie Künstler in einer vernetzten Welt neue, hybride Identitäten schaffen, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen.
Presse
Die Kritiken zum Projekt NOISE im Rahmen von Urban Nomads hoben vor allem die Spannung zwischen Archaischem und Modernem hervor. Hier sind die zentralen Punkte der Reaktionen:
- Klangliche Konfrontation: Rezensenten beschrieben das Konzert oft als „radikale Begegnung“. Die Kritik fokussierte sich darauf, wie Iris ter Schiphorst die traditionellen mongolischen Gesänge (Khöömii) eben nicht als bloße Folklore „missbrauchte“, sondern sie mit aggressiven elektronischen Sounds konfrontierte.
- Thema der Entfremdung: Das Fachpublikum und Journalisten schätzten die Umsetzung des Themas „Be-fremdung“. Es wurde gelobt, dass das Projekt die Zerstörung von Identität in der globalisierten Welt hörbar machte, anstatt ein harmonisches „Weltmusik-Idyll“ vorzugaukeln.
- Wahrnehmung im Radialsystem: Bei Aufführungen im Radialsystem wurde oft die physische Intensität des Klangs betont. Die Kombination aus dem meditativen Unterton der Pferdekopfgeige und den harten digitalen Schnitten erzeugte laut Berichten eine fast „beklemmende, aber faszinierende Dichte“.
- Authentizität vs. Avantgarde: Besonders die Leistung der Sängerin Dasderma und von Hosoo wurde hervorgehoben, da sie sich mutig auf das Experiment einließen, ihre jahrhundertealte Tradition in einen völlig neuen, urbanen Kontext zu stellen.
- Keine Exotisierung: Ein zentraler positiver Kritikpunkt war der Verzicht auf Exotisierung. Anstatt die mongolischen Klänge als dekoratives Element zu nutzen, wurden sie als gleichberechtigte strukturelle Bestandteile einer neuen, hybriden Klangsprache behandelt.
Das Projekt wird heute oft als Musterbeispiel für eine gelungene transkulturelle Kooperation zitiert, die ohne die üblichen Klischees von "Weltmusik" auskommt.
