Polaroids Melodram (1996) (mit Helmut Oehring)
für 1 Taubstumme, 1 Sopranisten, 12 Instrumente und Live-Elektronik
Text: ter Schiphorst/Oehring
Dauer: 22 min.
Auftragskomposition der Donaueschinger Musiktage
UA: 20.10.1996, Donaueschingen/MusiktageChristina Schönfeld, Arno Raunig, Ensemble Modern, Dir. Jürg Wyttenbach
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

CD Deutscher Musikrat – Musik in Deutschland 1950–2000 /
visible music – Experimentelles Musiktheater
darauf ‚Polaroids Melodram’
Christina Schönfeld / Arno Raunig / Ensemble Modern / Jürg Wyttenbach
BMG Classics 74321 73651 2

CD-Dokumentation der Donaueschinger Musiktage 1996
darauf ‚Polaroids Melodram’
col legno WWE 3 CD 20008/BMG/RCA 74321 73651 2
genaue Besetzung:
1 gehörlose Darstellerin, 1 männlichen Sopran, 3 Trompeten, 3 Perc., Sample-Keyboard, E-Gitarre, E-Bass, 3 Violinen, Zuspiele
Zum Werk
Ein Mann und eine Frau. Ein Paar. Eine alte Geschichte.
Ein Sopranist und eine Taubstumme. Eine schöne Geschichte.
(Zumindest dem Anschein nach).
In ihrer ursprünglichen Version: Vernichtung des Anderen und Idealisierung des Lauts.
Gebärdensprache wirkt wie eine Großaufnahme von Sprechen und kommt doch im Aufeinandertreffen mit der sinnlosen Schönheit des Gesangs nicht über ihren Stummfilmcharacter hinaus. Ihre Dramatik verstellt den Blick dafür, dass es sich nicht nur um eine eigenständige Sprache handelt, die sämtliche systemlinguistischen Kriterien erfüllt, sondern um den Ursprung von Sprache schlechthin. Ihr Begriff ist nicht an Laute gebunden, die aus der Kehle kommen.
Ausgangsmaterial von POLAROIDS sind kurze Handlungseinheiten, die in verschiedenen Sprachsystemen erzählt werden. Sie treten jedoch nicht linear in Erscheinung, sondern werden – wie z.B. im Film – zerschnitten und montiert.
Die Entstehungsfrequenz der einzelnen Abschnitte, identisch mit der tatsächlichen Entwicklung eines Polaroids, ist Abbild einer Sprach-Gebärde im Raum und wird – zum Teil asynchron zu Text und Handlung – in unterschiedlichen Perspektiven (wie Normaleinstellung, Nahaufnahme, Totale, Rück- und Vorausblende) flektiert.
In dieser Art der Raumgrammatik prallen Musik und Gebärdensprache nur scheinbar aufeinander.
In Wirklichkeit ist Gebärdensprache, trotz ihrer Lautlosigkeit, dem System der Musik wesentlich ähnlicher als der gesprochenen phonetischen Sprache.
Das Klangbild von POLAROIDS ist über weite Strecken ihre Übertragung in Schrift.
Bab(b)ellogik.
I. ter Schiphorst, H. Oehring