REQUIEM (1998) (mit Helmut Oehring)
für 3 Countertenöre, 12 Instrumente und Live-Elektronik
frei nach den 9 Psalmen ‚ O Ye Tongues’ aus den ‚Death Note Books’ von Anne Sexton
Dauer: 55 min.
Auftragswerk der Donaueschinger Musiktage in Koproduktion mit dem Festival d’ Automne à Paris, Kaaitheater, Brussels, Philharmonic Society of Brussels, Ictus
UA: Opera National, Paris, Festival d’AutomneDavid Newman / Arno Raunig / Jean Nirouet / Ensemble Ictus / Georges-Elie Octors
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

CD-Dokumentation der Donaueschinger Musiktage 1998
darauf ‚Requiem’
col legno WWE 4 CD 20050)
genaue Besetzung:
3 Countertenöre, Bassetthorn, Kontrabassklarinette, 3 Trompeten, 2 Posaunen, 2 Perc, präp. Klavier/Sampler/Harmonium, E-Gitarre, E-Bass, Violine, Viola, Cello, Zuspiele
DE: 18.10.1998 Donaueschingen, Donaueschinger Musiktage
Presse
Süddeutsche Zeitung, 21. 10. 1998, Ulrich Schreiber
Alles Mögliche ist wahr
Die Donaueschinger Musiktage mit Neuem, Verstiegenem und Gewohntem…Und hier in Donaueschingen natürlich auch für Stücke von Matthias Spahlinger und Wolfgang Rihm, Klaus Huber und Christian Wolf, Toshio Hosokawa und dem noch jungen Paar Helmut Oehring / Iris ter Schiphorst, um nur die wichtigsten Komponisten im diesjährigen Programm zu nennen.
Das große einstündige „Requiem“, jetzt in der Donauhalle in Deutscher Erstaufführung präsentiert, ist schon die siebente Gemeinschaftsarbeit von Oehring und ter Schiphorst, die in den vergangenen Jahren mit so riskant schwierigen wie eindrucksvollen Kompositionen hervorgetreten sind. Sicher ist es gewagt, das Mozart-Requiem als „pragmatischen Ausgangspunkt“ für eine neue Komposition zu wählen und genauso gewagt ist es, vor dem erklärten großen alten „Vorbild“ mit einer exzessiven Material-Collage bestehen zu wollen. Dabei spielt der Text von Anne Sexton („Nine Psalms“ in einer Sprache „am Rande der Existenz geschrieben“, wie Oehring meint) wohl eine ziemlich untergeordnete Rolle.
Vorherrschend bei diesem „Requiem“ ist jedenfalls das Klangprinzip einer so exakten wie entfesselten Montage heterogener musikalischer Elemente. Wobei die Gliederung nach dem traditionellen lateinischen Requiem-Schema, die dem Werk formalen Halt geben soll, zum Teil wüst überwuchert wird von den abenteuerlichsten Klängen und Klangüberlagerungen:Musik abwechselnd in Stille- und Lärmzonen angesiedelt, orgiastisch aufgetürmt oder in madrigalesker Linearität (von drei Countertenören) ausgesponnen. Das Solo-Klavier, die E-Gitarre und die Live-Instrumente (Ensemble Ictus), Klassisches und Rockiges erklingen natürlich oder elektronisch verfremdet durch Zuspiel- und Samplingtechnik, das ganze wird zusammengehalten und virtuos gesteuert von den beiden Komponisten am gigantischen Mischpult in der Mitte des Saales. Das Erlebnis des avanciert Heutigen, präzise Zersplitterten, vital Zerrissenen, des mit selbstgewiß starkem, nie larmoyantem Pathos Hingewuchteten überwiegt den Einwand, es könne genau solch ein Stück gemeint sein mit dem Verdikt der reinen „Festivalsmusik“ – die nur in stolzen Werkverzeichnissen überleben kann.
Le Monde, 18.10.1998, Pierre Gervasorri (Übersetzung aus dem Französchen durch den Verlag Boosey & Hawkes)
AUFLÖSUNG DER WERTE
Die Wahl eines Requiems als Antwort auf den Auftrag des Festival d´ Automne ist nicht überraschend. Seine Ausführung ist es umso mehr. 15 Instrumentalisten (einige mit einer ausgeklügelten elektronischen Ausrüstung versehen) und drei Sänger liefern sich energisch der verrücktesten Auflösung musikalischer Werte dieses Jahrhunderts aus. Totengräber einer Kultur des Werkes, behalten die Komponisten von der Musik nur die Manifestierung durch Schwingungen (Wellen?), wenig moduliert, nicht systematisiert (in Reihenfolge), vollständig befreit. Schwingung (?) des Trauermarschs, von zwei Posaunen intoniert (Original Mozart) über einem alp-traumhaften Pulsieren des Tutti; Schwin-gung eines Volkszugs (pathetische Fanfaren) und allgemeine Zeichen (Sirenen, Larsen-Effekte,woraus ein einsamer Gitarrist auftaucht) Schwingungen des Grauens (zusammengestellt mit Tönen verwandt einer Menge von Bösen Geistern); Schwingungen der religiösen Verzerrungen (Synthesizer mit Eigenschaften eines Harmoniums.)
Vom Anfang bis zum Ende konfliktreich – man wird´s verstanden haben – wird diese Requiem nicht zum Seelenfrieden verhelfen. Dennoch verschafft es einen moralischen Trost, wo sich doch mehr und mehr für die zeitgenössische Musik die Frage der Bezuglosigkeit der Sprache stellt.
