Silence moves (1997) (mit Helmut Oehring)
eine Art Kammeroper für Stimme, Violine, Cello, E-Bass, präp. Klavier/Sampler, Zuspielbänder, Videoinstallation und Live-Elektronik
Dauer: 60 min.
Ensemble intrors:
Stimme - Anna Clementi, Violine - Susanne Schulz, Cello - Marika Gejrot,
E-Bass - Maria Rothfuchs, präp. Klavier/Sample-Keyboard - Iris ter Schiphorst
Choreographie - Christian Kesten
Videoinstallation - Susu Grunenberg, Sharron Sawyer
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Erster Preis beim Internationalen Kompositions- und Interpretenwettbewerb BLAUE BRÜCKE, Dresden-Hellerau
Fotos: Susu Grunenberg
Programmheft
Silence moves ist eine Art Kammeroper für 5 Musikerinnen in Bewegung, Live-Elektronic, Lichtanlage, Zuspielband und Videoprojektionen, die mit den vielschichtigen Ver-Bindungen von Sehen und Hören und Zeichen und Klängen spielt.
Das ist jedoch keineswegs eine harmlose Geschichte. Eher eine der Schrift, der Abwesenheit und des Todes.
Und eine der Verwirrung. In der man manchmal nicht mehr so genau weiß, an welchem Ort man sich eigentlich befindet….; ob man ein Hörspiel sieht oder einen Film hört, ob dort Musiker agieren oder Darsteller konzertieren.
In Silence moves geht es weder darum, Bilder musikalisch zu untermalen, noch darum, Musik zu 'illustrieren', sondern um eine Komposition, die Auge und Ohr für das 'Verstehen' benötigt. Also genau jene Sinne, die in 'unserer' alphabetischen, phonetischen Schrift ohnehin auf das Engste zusammenwirken - auch wenn der Anteil des Ohres beim Lesen oder Schreiben gern übersehen wird (die Schrift gehört immer auch einer unsichtbaren Stimme - als heimliche Herrscherin der Szene…).
Das heißt, es geht nicht so sehr um den Zusammenhang von Bild und Musik, eher um den Zusammenhang von Schrift und Klang; um eine 'Inszenierung'der (Geschichte der) Schrift, die auch (Geschichte der) Sprache ist. (copyright Iris ter Schiphorst 1996)
Anmerkungen der Komponistin:
In Silence moves möchte ich dem sehr speziellen Verhältnis von Schrift und Klang, bzw. von Sehen und Hören in der "abendländischen Musik" nachgehen und "musikalisch" in Szene setzen: als "hörbare Schrift" und "sichtbarer Klang". In diesem Zusammenhang bin ich der Ansicht, daß "abendländische Musik" nicht ohne "Verschriftung" der Körper zu denken ist (Ausbildung spezifischer Körperfunktionen und Körperrhythmen auf Kosten anderer etc...). Diese "Einschreibungen", die eine ganz andere Geschichte "abendländischer Musik" erzählen, möchte ich lesbar machen, re-präsentieren.
Iris ter Schiphorst
s.a. Interview mit Iris ter Schiphorst zu 'Silence Moves' anlässlich einer Werkpräsentation beim Spor-Festival 2015 (Motto: „STAGING THE SOUND")
Presse
Sächsische Zeitung vom 6. 10. 1997 (Friedich Streller)
Szenische Phantasien/Perfekte Performance zu den zeitgenössischen Musiktagen
Im Rahmen des alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerbs „Blaue Brücke“ gastierte am Sonnabend das Ensemble „intrors“ bei den 11. Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik im Kleinen Haus. …Zu erleben war die Uraufführung einer Raumperformance für Stimme, Instrumente, Zuspielband, Videoprojektionen und Live-Elektronik. Für mich gestaltete sich das musikalisch-szenische Geschehen als eine Art Kammeroper zu einem Gesamtkunstwerk neuer Art. Die Szenenfolge aus ‚Stille‘ von Tod, Einsamkeit, Erstarrung, Wort- und Sprachsuche war spannend – nicht verbal-logisch, sondern künstlerisch verschlüsselt in Bildern erzählt. Fünf Teile verriet das Programm. Acht Sätze schienen es mir, kammersinfonisch durchgestaltet, verschiedene Perspektiven beleuchtend und am Ende zurückkehrend in den Anfang jener bewegten Stille, deren erstes Wort der Tod ist. Und die Suche nach Sprache, nach sprechendem Ausdruck prägte das Ende…. Es war eine perfekte Show, beeindruckend, wenn auch nicht unmittelbar versteh-, aber erahnbar
Die Sprachsuche war spannend – nicht verbal-logisch, sondern künstlerisch verschlüsselt in Bildern erzählt. Fünf Teile verriet das Programm. Acht Sätze schienen es mir, kammersinfonisch durchgestaltet, verschiedene Perspektiven beleuchtend und am Ende zurückkehrend in den Anfang jener bewegten Stille, deren erstes Wort der Tod ist. Und die Suche nach Sprache, nach sprechendem Ausdruck prägte das Ende…. Es war eine perfekte Show, beeindruckend, wenn auch nicht unmittelbar versteh-, aber erahnbar.
TAZ vom 14. 10. 1997 (Waltraud Schwab)
„Silence moves“ – Kompositionen von Iris ter Schiphorst
… Zu Beginn ihres Stückes „Silence moves“, das im Podewil aufgeführt wurde, werden auf eine transparente Leinwand rhythmisierte Striche, Linien und fragmentarische Bilder projiziert. Eine verwirrende Dynamik entsteht, die von einer Geräuschkulisse begleitet wird: Ist das verwunschenes Schlurfen durch Regen und herabfallende Blätter in einer synthetischen Stadt? Ist das Autolärm im verblassenden Licht? Die sichtbar hinter der Leinwand agierenden Musikerinnen der elektroakustischen Formation „intrors“ nehmen die Anfangseindrücke auf und fügen sie in eine eigenwillige Ordnung zwischen Sich-Ausdrücken und Verstummen ein. „Jemand ist tot“, so die sparsame Mitteilung, hinter der sich ein Motiv verbirgt, um das „Silence moves“ kreist. Es geht um Anfang und Ende von Sprache und Wahrnehmung.
Im Verlauf des Bilder Musik ersetzen und Musik Bilder. … Für diese „Art Kammeroper“ hat Iris ter Schiphorst letzte Woche den Dresdner Kompositionspreis „Blaue Brücke“ für spartenübergreifende Projekte erhalten. In früheren Werken hat sie den musikalischen Raum zerschlagen, nun rekonstruiert sie ihn eher. Versatzstücke von Bekanntem werden wie Anker gesetzt. … Da das Wiedererkannte jedoch keinen Sinn mehr ergibt, wird klar, daß es um etwas anderes geht. Um Verlust von Kommunikation, Verlust von Kohärenz, Verlust von Sprache. „Warum ein so trauriges Stück?“ wird sie oft gefragt. „Es ist in einem traurigen Jahr entstanden“ ist die Antwort.
Berliner Tagesspiegel 12. 10. 1997 (Volker Straebel)
Autorin mit Sampler/Bühnen-Hörspiel: Iris ter Schiphorsts ‚SIlence moves’ im Podewil
…Iris ter Schiphorst hat in ihren „Silence moves“ eine Oberfläche geschaffen, in der Elemente von Hörspiel, Film und Theater schlüssig ineinandergreifen. In sauberem Circle-Surround-Klang eröffnet die Ouvertüre mit wechselnden Soundscapes, verrauschten Radiotexten und der Projektion eines absichtsvoll zerkratzen Films auf einen Gaze-Vorhang – Elemente, die als Zwischenaktmusik wieder Verwendung finden. Eine Sprecherin aus dem Off deutet den weiten Assoziationsraum des Stückes an, der in den folgenden Szenen zu individueller Isolation und sprachlichem Ausdruckswillen präzisiert wird.
Dies geschieht in beklemmenden Bildern, die einer schlüssigen, temporeichen Dramaturgie folgen. … Das Ensemble „intrors“ mit E-Violine und E-Baß, Cello und der Autorin am Klavier und Sampler sekundiert der trotz spröder Umgebung stimmlich brillierenden Anna Clementi mit Pop und Rock verpflichteten Ostinati. Jede Szene erhält so ihr charakteristisches, durchaus kohärentes musikalisches Material. Ihre Kurzweiligkeit gewinnen die rund einstündigen „Silence moves“ jedoch aus der Vielschichtigkeit ihrer multimedialen Bezüge.
