Transformationen (2021/2022)

für verstärktes Streichtrio und Fixed media
frei nach dem Gedicht ‚Diepe tijd’ (‚Tiefenzeit’) von Dominique de Groen

Dauer: 9 min.

Kompositionsauftrag des Trio Coriolis, gefördert von der Ernst-von Siemens Musikstiftung

UA: 03.04.2022, Augsburg

Trio Coriolis: Thomas Hofer - Violine, Klaus-Peter Werani - Viola, Hanno Simons - Violoncello, Iris ter Schiphorst - Klangregie

Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes


Inhaltliches:
In ‚Transformationen’ überlagern sich mehrere Zeit-/ und Medien-Schichten:

· das Musik-Zuspiel basiert auf einer alten Aufnahme eines Stückes (ergo-sum’pf’maschinerie) aus dem Jahr 1989 (seinerzeit eingespielt von der Geigerin Susanne Schulz und mir am Synthesizer/Sampler), die 
  für die ‚Transformationen– Reihe’ editiert und neu zusammengesetzt wurde. Grundlage des damaligen Stückes waren u. a. Field-recordings, die ich in den 80iger Jahren mit einem Sony-Professional in Spanien
  an einer bestimmten Wasserstelle aufgenommen und anschließend in einem Casio-Sampler (mit 1MB Speicherkapazität!) editiert hatte. An dieser Wasserstelle hatten sich allabendlich unendlich viele Frösche
  zu ihrem täglichen Konzert versammelt. Heute gibt es dort weder eine Wasserstelle, noch Frösche mehr – und auch der Sampler Casio-FZ1 ist nur noch als Begriff Bestandteil von Geschichten über die Anfänge
  der Sampler-Technologie.

· Das Sprachzuspiel gibt die Aufnahme einer Stimme vom März 2022 wieder, die den Text des o.g. Gedichtes liest. 

· Die Instrumentalist:innen fügen eine weitere Zeit-und Raumdimension hinzu.

In der ‚Echtzeit’ der Performance vermischen sich somit verschiedenen Zeit- und Raumschichten, längst vergangene, quasi ‚archäologische’ Klänge vom Zuspiel, eine akusmatische Stimme sowie der ‚Jetzt’- Klang der Violine im Konzert.  Dieses Vorgehen greift in gewisser Weise Titel und Inhalt des Gedichts ‚Diepe tijd’ (zu Deutsch: Tiefe Zeit) der flämischen Schriftstellerin Dominique de Groen auf.  Den Begriff hat der Schriftsteller John McPhee 1980/81 eingeführt, um eine Zeitdimension vom Millionen oder gar Milliarden von Jahren zu bezeichnen, die den langsamen evolutionären Prozessen auf der Erde gerecht wird. Eine solche Sicht auf die Zeit und die Evolution übersteigt das Fassungsvermögen des menschlichen Bewußtseins.


Technische Hinweise:
Das Zuspiel besteht aus zwei Audio – Files (44.1 khz, 16bit):
1.) dem gesprochenen Text– beginnend mit einer langen Pause
2.) der ‚Musik’ (Stereo)
Beide Files müssen exakt zeitgleich gestartet werden. Dafür ist eine entsprechende Abspielsoftware nötig, sowie ein mehrkanaliges Mischpult

Verstärkeranlage
Für eine optimale Projektion im Raum sind unterschiedliche Verstärker-Boxen wünschenswert, um Sprache, Musik-Zuspielband und live Musik voneinander trennen zu können.
· Das Musik-Zuspielband soll einen akustischen ‚Rahmen’ bilden und über große Leistungsstarke Stereo-Boxen den gesamten Bühnenraum umfassen.

· Das Sprachband soll möglichst über eine (oder zwei) Extra-Box(en) projiziert werden, die auf der Bühne platziert ist (sind) – und somit einen ‚eigenen’ Raum markieren. Die Texte müssen ganz deutlich zu     verstehen sein, sowohl vom Publikum aus, als auch von den Musiker*innen selbst (da es ihre diversen Einsätze strukturiert).

· Die Violine der Live-Musiker*in sollte möglichst über lokale Stereo-Boxen verstärkt werden. Ihr Klang markiert einen eigenen akustischen Raum im Zuspielambiente. Sie muß sich akustisch vom Musik-Zuspiel      abheben, stellt somit akustisch eine Schicht ‚vor’ dem Zuspiel dar. Mit ‚vor’ ist mehr ‚Direktheit’, aber auch etwas mehr Volume gemeint (das Zuspiel selbst enthält deutliche Reverb-Anteile, wirkt also bereits         durch die Art seiner Abmischung ‚weiter weg’).

Das Musik-Zuspiel liegt in einer dynamisch abgemischten Version vor. Je nach Raum kann es nötig sein, die Zuspiele und die Live-Violine ‚mitzufahren’.


Mikrophonierung:
Die Streichinstrumente sollen möglichst mit leistungsstarken Clip-Mikrophone verstärkt werden. Je nach Raum kann es nötig sein, etwas Reverb hinzuzufügen.
Die Instrumentalist:innen  sollen – sofern vorhanden, möglichst Head-Sets tragen, um die Stimm-Artikulationen hörbar zu machen und in das akustische Gesamtbild zu integrieren. Ggf. reicht aber auch das Clip-Mikrophon an der Geige selbst, um die Stimme zu verstärken.


Live-Musik:
Der Logik des Gedichts folgend ‚spielt’ das Stück in der Zeit nach den Menschen, gehört damit, wenn man so will, der Gattung ‚Science-Fiktion’ an.  Entsprechend gibt es in ‚Transformationen’ kaum ‚menschlichen’ Ausdruck in Form von Musik, wie wir sie gewohnt sind: Linien, Steigerungen, Phrasen, Bögen etc. Stattdessen hören wir zellenartige, sich zum Teil wiederholende und leicht variierende punktuelle Figuren, die parallel zum Band laufen und sich im Register dem Band angleichen. In ihrem Ausdruck erinnern diese punktuellen Klänge zum Teil an zarte Klage nicht menschlicher Wesen. Die zu findenden Klänge sollen somit in ihrer Zartheit und Unbestimmbarkeit ‚kreatürlich’ erscheinen. Nur ganz am Ende gibt es eine ‚traditionelle’ Musikpassage, die an längst vergangene (menschliche) Zeiten erinnert.  


Zeitablauf/Koordinierung mit dem Band:
Das dichte Musik-Zuspiel bestimmt das Stück. Es gibt Klangräume vor (Register, ‚Tonarten’), die auch die Live-Musik beeinflussen. Die Spieler*in muss daher das Musik-Zuspiel gut verfolgen können, um in der Lage zu sein, entsprechend ‚mit zu spielen’.

Achtung! -  der Verlauf des Zuspiels ist nicht immer ganz exakt notiert! Auch ist das Tempo manchmal schwankender, als verzeichnet (z.B. das der Zuspielgeige der langen Anfangsstrecke).Entscheidend für die Gesamt-Koordination sind die gesprochenen Worte; sie ermöglichen die Zeit-Orientierung und ihnen ist in jedem Fall zu folgen! Ggf. müssen bestimmte Noten-Passagen adaptiert/unterbrochen/ausgefadet etc. werden, sollten sich Zuspiel und Live-Musik auseinander bewegen. Das in der Partitur notierte Material ist somit als Vorschlag zu verstehen. Es kann ggf. davon abgewichen werden, wenn die Grundintention des Stückes beibehalten wird.

 

Tiefen-Zeit
In der nuklearen Zwielichtzone
haben die Tiere, Pflanzen
und Mineralien der Inseln
unsichtbare Kräfte erworben
um ein Vielfaches größer als die der Menschen.

Äonen vergehen:
Kaktus-Zän    

Birgus-Zän
Limulidae Zän

die Farben ziehen aus aus Dingen
fließen ineinander verschmelzend in den Sand
der immer intensiver
immer gesättigter strahlt

und all die Märkte
die über Jahrhunderte hinweg
wahllos übereinander gestapelt wurden

brechen einer nach dem anderen ein
bis die ganze
baufällige Struktur  
in sich zusammensackt

und eine harte geometrische Pfütze bildet
in der die Tiere schwimmen
inmitten von totem Geld.

Überall entstehen neue Organismen 
in einer Explosion von Leben
Kambrium-artig.

Auf einer uralten Insel
aus Plastik
vermehren Polystyrol-Moose sich
im Schatten
alt-ehrwürdiger Polyesterbäume.

Hier leben die Geister der Menschen.


© Dominique De Groen Übersetzt ins Deutsche mit freundlicher Erlaubnis von Dominique der Groen:; Iris ter Schiphorst
Aus: Sticky Drama
Gent: het balanseer, 2019

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