Transformationen III (2022/2023)
für verstärkte Viola und Violoncello
frei nach dem Gedicht ‚Diepe tijd’ (‚Tiefenzeit’) von Dominique de Groen
Dauer: 9 min.
Kompositionsauftrag des Oh-Ton Ensembles, gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung
UA: 26.05.2023, OldenburgOh-Ton Ensemble: Nefeli Galani - Viola, Niklas Seidl - Violoncello
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Inhaltliches:
In ‚Transformationen’ überlagern sich mehrere Zeit-/ und Medien-Schichten:
- das Musik-Zuspiel basiert auf einer alten Aufnahme eines Stückes aus dem Jahr 1989 (seinerzeit eingespielt von der Geigerin Susanne Schulz und mir am Synthesizer/Sampler), die für die ‚Transformationen–Reihe’ aktuell editiert und neu zusammengesetzt wurde. Grundlage für das damalige Stück waren u. a. Field- recordings von Fröschen, die ich in den 80iger Jahren mit einem Sony-Professional an einer Wasserstelle in Spanien aufgenommen und anschließend in einem Casio-Sampler (mit 1MB Speicherkapazität!) editiert hatte. (Heute gibt es dort diese Wasserstelle und die Frösche nicht mehr – und auch der Sampler Casio-FZ1 ist nur noch als Begriff Bestandteil von Geschichten über die Anfänge der Sampler-Technologie.)
- Das Sprachzuspiel gibt die Aufnahme einer Stimme vom März 2022 wieder, die den Text des o.g. Gedichtes liest.
- Die Live-Musiker*innen fügen eine weitere Zeit-und Raumdimension hinzu.
In der ‚Echtzeit’ der Performance vermischen sich somit verschiedenen Zeit- und Raumschichten miteinander: ‚archäologische’ Klänge vom Zuspiel, eine akusmatische Stimme sowie der 'Live'- Klang des Streich-Duos.
Ein solches Vorgehen greift in gewisser Weise Titel und Inhalt des Gedichts ‚Diepe tijd’ (zu Deutsch: Tiefenzeit) der flämischen Schriftstellerin Dominique de Groen auf. Den Begriff hat der Schriftsteller John McPhee 1980/81 eingeführt, um eine Zeitdimension vom Millionen oder gar Milliarden von Jahren zu bezeichnen, die den langsamen evolutionären Prozessen auf der Erde gerecht wird - und für das das menschlichen Bewußtsein nicht faßbar ist.
Technische Hinweise:
Das Zuspiel besteht aus zwei Audio – Files (44.1 khz, 16bit):
1.) dem gesprochenen Text– beginnend mit einer langen Pause
2.) der ‚Musik’ (Stereo) oder gar Milliarden von Jahren zu bezeichnen, die den langsamen evolutionären Prozessen
Beide Files müssen exakt zeitgleich gestartet werden. Dafür ist eine entsprechende Abspielsoftware nötig, sowie ein mehrkanaliges Mischpult.
Verstärkeranlage
Für eine optimale Projektion im Raum sind unterschiedliche Verstärker-Boxen wünschenswert, um Sprache, Musik-Zuspielband und live Musik voneinander trennen zu können.
Das Musik-Zuspielband soll dabei alles andere ‚rahmen’, d.h. über große Leistungsstarke Stereo-Boxen über dem gesamten Bühnenraum abgespielt werden.
Das Sprachband soll möglichst über eine (oder zwei) Extra-Box(en) projiziert werden, die auf der Bühne platziert ist (sind) – und somit einen ‚eigenen’ Raum markieren. Die Texte müssen ganz deutlich zu verstehen sein, sowohl vom Publikum aus, als auch von den Musiker*innen selbst (da es ihre diversen Einsätze strukturiert).
Die Live-Musiker*innen sollten möglichst über lokale Stereo-Boxen verstärkt werden. Die Klänge der Musiker*innen markieren einen eigenen akustischen Raum im Zuspielambiente. Sie müssen sich akustisch vom Musik-Zuspiel abheben, stellen somit akustisch eine Schicht ‚vor’ dem Zuspiel dar. Mit ‚vor’ ist mehr ‚Direktheit’ aber auch etwas mehr Volume gemeint (das Zuspiel selbst enthält deutliche Reverb- Anteile, wirkt also bereits durch die Art seiner Abmischung ‚weiter weg’).
Das Musik-Zuspiel liegt in einer dynamisch abgemischten Version vor. Je nach Raum kann es nötig sein, bestimmte Stellen vom Mischpults aus nach zu regeln.
Verstärkung:
Die Streichinstrumente sollen möglichst mit leistungsstarken Clip-Mikrophone verstärkt werden. Das Cello ggf. zusätzlich mit Stativmikrophon. Je nach Raum kann es nötig sein, den Instrumental-Klängen etwas Reverb hinzuzufügen.
Die Musiker*innen selbst sollen möglichst Head-Sets tragen, um die Stimm-Artikulationen hörbar zu machen und in das akustische Gesamtbild zu integrieren.
Live-Musik:
Der Logik des Gedichts folgend ‚spielt’ das Stück in der Zeit nach den Menschen, gehört damit, wenn man so will, der Gattung ‚Science-Fiktion’ an. Entsprechend gibt es in ‚Transformationen III’ kaum ‚menschlichen’ Ausdruck in Form von Musik, wie wir sie gewohnt sind: Linien, Steigerungen, Phrasen, Bögen etc. Stattdessen hören wir zellenartige, sich zum Teil wiederholende und leicht variierende punktuelle Figuren, die parallel zum Band laufen und sich im Register dem Band angleichen. In ihrem Ausdruck erinnern diese punktuellen Klänge zum Teil an zarte Klage nicht menschlicher Wesen. Die zu findenden Klänge sollen somit in ihrer Zartheit und Unbestimmbarkeit ‚kreatürlich’ erscheinen. Nur ganz am Ende gibt es eine ‚traditionelle’ Musikpassage, die an längst vergangene (menschliche) Zeiten erinnert.
Zeitablauf/Koordinierung mit dem Band:
Das dichte Musik-Zuspiel bestimmt das Stück. Es gibt Klangräume vor (Register, ‚Tonarten’), die auch die Live-Musik beeinflussen. Die Musiker*innen müssen daher das Musik-Zuspiel gut verfolgen können, um in der Lage zu sein, entsprechend ‚mit zu spielen’.
Achtung! - der Verlauf des Zuspiels ist nicht immer ganz exakt notiert! Auch ist das Tempo manchmal schwankender, als verzeichnet (z.B. das der Zuspielgeige der langen Anfangsstrecke).
Entscheidend für die Gesamt-Koordination sind die gesprochenen Worte; sie ermöglichen den Musiker*innen die Zeit-Orientierung und ihnen ist in jedem Fall zu folgen! Ggf. müssen bestimmte Noten-Passagen adaptiert/unterbrochen/ausgefadet etc. werden, sollten sich Zuspiel und Live-Musik auseinander bewegen. Das in der Partitur notierte Material ist somit als Vorschlag zu verstehen. Es kann ggf. davon abgewichen werden, wenn die Grundintention des Stückes beibehalten wird.
Dynamik der Live-Musiker:
Die in der Partitur notierten Lautstärken müssen in jedem Raum neu angepaßt werden. Die Verhältnisse in sich sollen dabei jedoch beibehalten werden. Ggf. müssen bestimmte Stellen als Gesamtes ein oder mehrere Dynamik – Stufen lauter oder leiser gespielt werden.
Tiefen-Zeit
In der nuklearen Zwielichtzone
haben die Tiere, Pflanzen
und Mineralien der Inselnunsichtbare Kräfte erworbenum ein Vielfaches größer als die der Menschen.
Äonen vergehen:
Kaktus-Zän
Birgus-Zän
Limulidae Zän
die Farben ziehen aus aus den Dingen
fließen ineinander verschmelzend in den Sand
der immer intensiver
immer gesättigter strahlt
und all die Märkte
die über Jahrhunderte hinweg
wahllos übereinander gestapelt wurdenbrechen einer nach dem anderen ein
bis die ganze
baufällige Struktur
in sich zusammensackt
und eine harte geometrische Pfütze bildet
in der die Tiere schwimmen
inmitten von totem Geld.
Überall entstehen neue Organismen
in einer Explosion von Leben
Kambrium-artig.
Auf einer uralten Insel
aus Plastik
vermehren Polystyrol-Moose sich
im Schatten
alt-ehrwürdiger Polyesterbäume.
Hier leben die Geister der Menschen.
© Dominique De Groen Übersetzt ins Deutsche mit freundlicher Erlaubnis von Dominique der Groen:; Iris ter Schiphorst
Aus: Sticky Drama
Gent: het balanseer, 2019
