Vergiss Salome (2012)
für Sängerin/Performerin, Zuspiele und Licht,
Text: Karin Spielhofer nach einer Idee von Iris ter Schiphorst
Dauer: 7 Min. min.
Sarah Maria Sun
Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes
Programm-Notiz:
In "Vergiß Salome!" wird ein psychogrammartiges Porträt weibliches Begehren entworfen, das sich bewußt von der traditionellen, männlich geprägten Sichtweise auf die Salome-Figur abhebt. Das Werk entstand als Auftragskomposition des NDR für die Sopranistin Sarah Maria Sun und verbindet hoch-virtuosen Gesang mit theatraler Performance.
Das klangliche Fundament bildet ein Zuspielband mit der Stimme der großartigen Almut Zichler. Der eigens hierfür verfaßte Text der Schriftstellerin Karin Spielhofer nutzt die Metapher einer Pirouetten drehenden Eiskunstläuferin und dient gleichzeitig der Live-Sängerin als 'Zeit-Gerüst' für ihre auswendig vorzutragende Performance: Entlang einer am Boden markierten Linie muss sie ihre vokalen Aktionen sowie eine präzise Choreographie aus Schritten und dem Ablegen von Kleidungsstücken koordinieren.
In der vielschichtigen Begegnung zwischen der rezitierenden Stimme vom Band und dem reagierenden Live-Sopran entsteht ein Spannungsfeld, das den Prozess des Suchens und Beschwörens hörbar macht. Ein zentraler Moment der Stille - eine Generalpause bei der Textstelle "als würde alles von vorn beginnen" - öffnet für einen ganz kurzen Moment den Raum für eine mögliche Utopie eines Neuanfangs, bevor das Werk in unerbittlicher Steigerung auf sein Ende zuläuft.
copyright 2025 Iris ter Schiphorst
Hinweise zum Stück
Von der Bühnendecke hängt ein Mikrophon, allerdings für die Performerin ‘ zu hoch’, d.h. sie kann nur halbwegs hinreichen, wenn sie genau darunter und auf Zehenspitzen steht (zur Position s.u.). ’Salome’ kommt auf die Bühne, sie trägt eine unauffällige Perücke, einen (etwas) zu großen Anzug (Frieda Kahlo - ähnlich), in dem sie ein klein wenig verloren aussieht, mit einer dazugehörenden Weste, einem weissen (Männer-)hemd, einer Krawatte, Männerschuhe und dunklen Socken. Die etwas zu große Hose wird sowohl von Hosenträgern, als auch mit einem Gürtel festgehalten. Salomes ‘Outfit’ ist eher androgyn, obwohl sie geschminkt ist. Die Ärmel des Anzugs sind ein wenig zu lang.
Sie hält - für das Publikum nicht sichtbar - ein Stück Kreide in der Hand. Zügig geht sie bis ca 2 m vor den Bühnenrand (mittig) schaut über das Publikum, bückt sich dann und zieht ohne abzusetzen innerhalb von ca 6 sec. einen Strich mit ihrer Kreide von ihrer Position aus ca 2,50 mnach hinten, ohne sich jedoch dabei nach hinten zu drehen. (Der Kreidestrich bezieht das Mikrophon mit ein, d.h. er muss unter dem Mikrophon entlang gezogen werden und zwar so, dass er ca 50 cm vor dem aufgehängten Mikrophon beginnt und ca. 2 m dahinter endet (=2,50m Strichlänge).
Wenn sie den Strich gezogen hat legt sie die Kreide weg, richtet sie sich auf, stellt sich mit geschlossenen Beinen auf den von ihr gezeichneten Strich (der zwischen ihren Füssen ‘beginnt’), wartet einen ganz kurzen Moment und beginnt dann ihre Schrittchoreographie auf dem Strich; die Schritte sind auf einer eigenen Linie auf einem Strich durch Pfeile aufwärts (= vorwärts)und abwärts (=rückwärts) markiert. Doppelte Pfeile heißt ‘auf Zehenspitzen’; die Pfeile sind zusätzlich mit Buchstaben versehen:r = rechter Fuss (Bein) vorwärts (Gewicht auf rechten Fuss)R = rechter Fuss rückwärts ! (Gewicht auf rechten Fuss)l = linker Fuss (Bein) (Gewicht auf linkem Fuss)L = linker Fuss rückwärts! (Gewicht auf linkem Fuss)b = Gewicht auf beide Füsse (Beine).
Die Schrittchoreographie geht also folgendermaßen: die Sängerin setzt auf dem Strich einen Fuss vor den anderen, das Gewicht wird dabei jeweils auf dem Schrittfuss verlagert/gehalten:Die Körperrichtung zeigt ununterbrochen nach vorn zum Publikum. Rückwärts heisst also, ohne die Richtung zu verändern und sich umzudrehen, einen Fuss auf dem Strich nach hinten setzen. Wird nach einem Schritt in einer Position verharrt, soll das Gewicht vom Schrittfuss auf beide Füsse verlagert werden = b!’Salome’ geht bei den anfänglichen schnelleren Rhythmen kleinere Schritte (quasi Fuss vor Fuss), bei den langsameren Rhythmen größere Schritte (sowohl rückwärts als vorwärts). Die Größe der Schritte ist so zu wählen, dass die letzte Position (auf Zehenspitzen) quasi genau unter dem Mikrophon landet (d.h. ca 2 m von hinteren Ende des Striches bzw. 50 cm vom vorderen Beginndes Striches aus gerechnet). Es gibt in dem Stück 7 ‘Reihen’ mit je 7 Schritten, die von Reihe zu Reihe langsamer und größer werden.
Die Schritte sollen mit voller Konzentration auf dem mit Kreide gezogenen Strich gegangen werden, und überflüssige Bewegungen sind zu vermeiden. Je langsamer die Schritte werden, desto schwieriger ist es vermutlich, die Balance zu halten. Das ist intendiert; d.h. es ist durchaus gewollt, wenn die Balance nicht immer gelingt, es soll aber niemals absichtlich ‘gezappelt’ werden.Während des ‘auf-dem-Strich-gehens’ wird in bestimmten Momenten ein Kleidungsstück ausgezogen (s. Partitur). Nach dem Ausziehen wird es einfach fallen gelassen. In bestimmten Momenten muss ‘Salome’ zusätzlich auf die Zehenspitzen, auch hier macht es nichts, wenn die Balance nicht gehalten werden kann.
s.a. das Interview anläßlich der Dänischen Erstaufführung beim Spor-Festival 2015 (Motto "Staging the Sound")
Presse
Kritiken der Wieder-Aufführung beim Stuttgarter Sommer 2013
Eßlinger Zeitung, Martin Mezger
Weit soghafter und faszinierender als diese Uraufführung zeigte sich der zweite Musiktheater-Beitrag beim Neue-Musik-Festival „Der Sommer in Stuttgart“ im Theaterhaus. In Iris ter Schiphorst’s „Vergiss Salome“ klebt die Sopranistin Sarah Maria Sun zunächst einen Streifen auf den Boden, und der wird zum imaginären Schwebebalken vokaler Artistik. Die legendäre Titelfigur mit ihrem siebenfachen Schleiertanz verschlingt sich in Karin Spielhofer’s Text in der eigenen Pirouette, löst sich auf im bewegten Ornament ihrer selbst. Ingeniös spiegelt das Schiphorst’s Komposition im Koloraturengeflecht, das Sarah Maria Sun wahrhaft glorios in den anschwellenden Wirbel des elektronischen Stimmengewirrs hinein singt: als rage nur noch die Spitze des Kunstgesangs, ambivalent zwischen Dressur und Expressivität, aus dem Mahlstrom der flutenden Entfremdung.
Kulturmagazin, Susanne Benda, 24. 6. 2013
Rätselhafte Künstlichkeit
Dass die Inszenierung von „Kolik“ vielleicht ein bisschen zu realistisch ausfiel, spürte man beim zweiten szenischen Stück des Eröffnungskonzertes: Iris ter Schiphorsts „Vergiss Salome“ belässt Titus Selge auf zwingende Weise in rätselhafter Künstlichkeit. Mit selbstverständlicher Virtuosität umtänzelt die Sopranistin Sarah Maria Sun auf einer weißen Linie mit weiten Intervallsprüngen und hohen Koloraturen das Motiv von Salomes Schleiertanz, entkleidet singend das verkleidete Mannweib, bis zuletzt sogar die Perücke fällt. Bei Iris ter Schiphorst passen Inhalt und Dauer des Stücks gut zusammen. Aber wer zum Teufel ist Salome?
