WAS WIRD HIER EIGENTLICH GESPIELT?!?! (2022/2023)

Doppelbiographie des 21sten Jahrhunderts
für Sänger-Performerin, Stimme, Ensemble (alle verstärkt), 2 Donnerbleche/Elektronik und Samples
Text: Felicitas Hoppe

Dauer: 45 min.

Kompositionsauftrag von Klangverein Stuttgart, gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung

UA: 21.10.2023, Donaueschinger Musiktage, Donauhallen, Mozart-Saal; Motto: Zusammenarbeit

Felicitas Hoppe / Salome Kammer / Ensemble Ascolta, Dir. Catherine Larsen-Maguiere


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Aufführungsmaterial erhältlich bei Boosey & Hawkes

genaue Besetzung:
female singer-performer, female reader, trpt, trbn, vlc, e-gtr, pft/kbd, 2 perc

 

Werkkommentar

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde. (Brüder Grimm)

Was ist ein Leben, was ist ein Werk? Wie vertont und vertextet man Träume, Erinnerungen und Wünsche? Warum kommt dabei immer wieder dieses lästige Ärmchen hervor? Wie liest sich das, wie hört sich das an? Und: Wie entkommt man dabei dem autobiographischen Mythos und dem Gefängnis der scheinbar vertrauten eigenen Mittel? Die Antwort ist einfach: Indem man sein Gegenüber anschaut.

Genau das haben Iris ter Schiphorst und Felicitas Hoppe getan. 'Endlich spielen statt schreiben', wünscht sich die Schriftstellerin, und die Komponistin entgegnet: 'Erst wenn man schreibt, wird es hell!' Im Echoraum zwischen Literatur und Musik haben sie sich über Jahre in Briefen, auf Spaziergängen und am Telefon gegenseitig ihr Leben erzählt, über die Möglichkeiten und Grenzen einer Selbstbestimmung zwischen Text und Ton befragt und sind dabei auf das so provozierende wie erhellende Märchen vom Eigensinnigen Kind gestoßen, in dem sich auf überraschende Weise die Zwänge einer Gegenwart spiegeln, die Leben und Werk gleichermaßen in Haftung nimmt.

In der künstlerischen Umsetzung ist daraus eine so ernsthafte wie selbstironische Standortbestimmung geworden, eine Selbstverständigung zwischen Schreibmaschine und Taktstock, die nicht nur Eurydike zurück aus der Unterwelt holt, sondern, mit Orpheus, ein Votum für das gefahrvolle Umdrehen ins Hier und Jetzt ist: 'Sing - damit ich dich besser lese! Schreib, damit ich dich hören kann!'

Wie sehr es dabei zur Sache ging, beweist das Ergebnis: ein Stück, in dem Text und Musik zwischen Widerstand und Ergebung abwechselnd um ihre Plätze kämpfen, um am Ende, im 'Leichentuch der Revolution' in einem gemeinsamen Plädoyer zueinander zu finden: Geht doch!

Aber was wird hier eigentlich wirklich gespielt, wenn mit Pomp und Posaune, zwischen Musikvirtuosen und Kunstpolizisten, ein Werk in Szene gesetzt wird, das mit den Liedern der Kindheit den Homo ludens in den Vordergrund stellt und, von Salome Kammer performativ in Szene gesetzt, die Arena einer scheinbar vergänglichen Kunst bespielt, die nur kurzfristig in einem Feuerwerk untergeht, um am Ende durch Witz und Widerstand wie Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen.

Iris ter Schiphorst/Felicitas Hoppe

Presse

FAZ, 25.10.2023, Max Nyffeler

„...Als besonders anregend erwies sich einmal mehr die Verbindung von Wort und Musik. ... Iris ter Schiphorst verarbeitete den in Zusammenarbeit mit Felicitas Hoppe entstandenen Text zu einem klingenden Essay voller Widerhaken. Künstlerische Selbstreflexion und Kritik am männlich dominierten Musikbetrieb mischen sich darin mit grundsätzlichen ästhetischen Fragen: Was kann das Wort, was kann die Musik uns mitteilen? Was ist stärker, Singen oder Reden? Als „das doppelt eigensinnige Kind, das auf die Pauke der Gegenwart haut“, zieht die Komponistin alle Register, lässt mit dem Ensemble Ascolta ihre polystilistischen Fantasien von der Leine und Salome Kammer als verrückte Performerin in Protestschreie ausbrechen. Ein wirrer Knäuel von Problemen und Einfällen, unterhaltsam, gedankenscharf ... Als Notausgang aus dem Irrgarten der Paradoxien bietet sich die Selbstironie an...“

VAN-Magazin, 25.10.2023, Eleonore Büning

„… Halb handelt es sich um ein Melodram, halb um eine Zeitoper. Nur eben konzertant, ohne Kostüme. Iris ter Schiphorst hat es für zwei Stimmen komponiert, für das Ascolta Ensemble und Elektronik. Felicitas Hoppe schrieb ihr, im ständigen Zwiegespräch, den Text dazu. Verhandelt wird, wer von beiden zuerst da war, was wichtiger ist: Henne oder Ei? Sprache oder Musik? Dichter oder Komponist? Prima la musica, poi le parole? Selbstverständlich hat die Story autobiographische Züge. Es wimmelt nur so von Zitaten und Selbstzitaten. Um die Spuren zurück zu Richard Strauss oder Antonio Salieri zu verwischen, haben die beiden ihr Werk nicht Capriccio genannt, sondern: Was wird hier eigentlich gespielt? – Doppelbiographie des 21sten Jahrhunderts.
Hoppe spricht ihren Part selbst, mit Ironie, aber auch tieferer Bedeutung. Sie singt sogar ab und zu. Ter Schiphorst lässt sich beim Sprechen und Singen vertreten von der unübertrefflichen Salome Kammer, die außerdem kreischen und flüstern kann, tanzen und marschieren. Bei diesem Dreamteam ist klar, dass nicht eine Sekunde Langeweile aufkommt. Die Sache beginnt mit Grimms Märchen vom eigensinnigen Kinde und reicht über Sarabandennostalgie und Garagenbandsound sowie verfremdete Kinderspiele wider die Geschichtsvergessenheit (»Dreh Dich nicht um!«) bis zu Beethovens Freudenode, bei der alle entsetzlicherweise mitsingen, immer lauter, bis aus Beethoven ein nicht endenwollender Bombenhagel wird, für den eigens Ohrstöpsel hätten ausgegeben werden müssen. Generalpause. Leere. Der Krieg ist angekommen in der Donauhalle. Da die Akteure und Autoren auch nicht so recht wissen, wie sie damit umgehen sollen, hören sie damit nicht auf. Sie fügen eine Coda an. Und wären sie nicht so klug, in dem, was sie tun, würde auch das nicht funktionieren. Tut es aber…“

Süd-Kurier, 23.10.2023, Elisabeth Schwind

„...Einfach genial“

BR-Klassik, Sendung Leporello, 23.10.2023, Kristin Amme

„Ein Stück, in dem ganz viel von allem zusammenkommt, ist das agitatorische, tausend Bezüge herstellende Werk Was wird hier eigentlich gespielt? von Komponistin Iris ter Schiphorst und Schriftstellerin Felicitas Hoppe. “Ob es heller wird, wenn sich die Töne in Wörter verwandeln?“ fragt eine der zwei Stimmen, begleitet vom Ensembel Ascolta untter Catherine Larsen-Maguiere – und deutet damit etwas an, was auf viele Stückes dieses Festivaljahrgangs zutrifft: das gesprochene oder gesungene Wort, das Lied, die Botschaft ist wichtg. „Wer jetzt nicht singt, verklingt“, proklamiert eine Stimme in Was wird hier eigentlich gespielt? passenderweise. In diesem Stücke, das hoffentlich den Weg auf die Spielpläne findet."

Stuttgarter Zeitung, 24.10.2023, S. 27 / Kultur | Stadtausgabe Donaueschingen

Ob es heller wird, wenn sich Töne in Worte verwandeln? Fragt, auf der Bühne links, die Autorin Felicitas Hoppe. Rechts sitzt die Sängerin Salome Kammer, dahinter das Ensemble Ascolta. Das Stück, das sie aufführen, trägt den Grund seiner Entstehung im Titel. " Was wird hier eigentlich gespielt?" heißt die Uraufführung, mit der die Komponistin Iris ter Schiphorst und die rezitierende Büchner-Preisträgerin sich selbst wie auch die neue (Klang-)Kunst ironisch umkreisen. In ständigem Hin und Her zwischen Text und Klang geht es, immer wieder mit Verweis auf das grausame Grimm-Märchen " Das eigensinnige Kind",  um Ungehorsam, restriktive Erziehung und um die Schwierigkeit, die Kunst der Gegenwart von allen Lasten der Vergangenheit zu befreien. 
...
" Dreh dich nicht um!" : Mit gutem Grund konfrontieren ter Schiphorst und Hoppe in einer Reminiszenz an den Popsänger Falco den Künstler Orpheus mit der Neue-Musik-Sittenpolizei. Danach wird stehend Beethovens " Ode an die Freude" gesungen, sekundiert vom Feuerwerk der Silvesternacht. Oder sind das doch Gewehrsalven? " Was wird hier eigentlich gespielt?" bleibt auf der Kippe zwischen Ironie und tieferer Bedeutung. Und reißt dabei fast alle Themen und Tendenzen an, die am vergangenen Wochenende in Donaueschingen diskutiert worden sind.

Reutlinger General-Anzeiger, 24.10.2023

„...Ein abgefahrenes Spektakel voller Pop- und Kulturbezüge wird hingegen daraus, wenn eine Sprach-Ironikerin wie Felicitas Hoppe auf eine Ton-Ironikerin wie Iris ter Schiphorst trifft. Schlagerpop und Nonsens-Theater prasseln da auf die Besucher ein, Monteverdi-Arien und Kinderreime (»Drei Chinesen ...«), und immer wieder Versatzstücke eines makabren Grimm-Märchens. So lakonisch Hoppe rezitiert, so theatralisch-witzig agiert Salome Kammer als ihre Dialogpartnerin. Herrlich!“ 

Südwest Presse, 24.10.2023

Iris ter Schiphorst und Felicitas Hoppe: Sie präsentierten unter dem Titel „Was wird hier eigentlich gespielt?“ eine Poesie-Musik-Revue mit Witz und Hintersinn –zwischen Selbstironie, Orpheus-Mythos und Doppelbiografie. Amüsant bis schräg wird hier mit Stilebenen jongliert: The Police („Every breath you take“) trifft auf Beethovens Neunte und „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“.

Badische Zeitung, 23.10.2023

Die Exorzist:innen: „...Da bleibt Iris ter Schiphorsts und Felicitas Hoppes "Was wird hier eigentlich gespielt?" als Leuchtturm, der den Weg zu einer interdisziplinären Kollaboration weisen könnte. Hoppes Texte zum Dualismus von Wort und Musik, von Orpheus und Eurydike, von Göttlichem und Menschlichem haben Esprit, Witz und Ironie. "Wie klagt man gegen die Götter der Donaueschinger Unterwelt" fragt die Schriftstellerin Hoppe als Performerin - und bekommt vom Ensemble Ascolta die typische Avantgarde-Kakophonie zur Antwort. Am Ende brennen und peitschen die Klänge - trotz Beethovens Götterfunken.“

Pizzicato – online magazin, 26/10/2023
https://www.pizzicato.lu/welthauptstadt-der-neuen-musik-donaueschingen-2023-ein-wunder-in-der-tiefsten-provinz/

„...Dass Neue Musik nicht notwendigerweise in Ernsthaftigkeit versinken muss, sondern auch zu einem hochlebendigen und kunstreichen Spiel entwickeln kann, ließ sich bei der niederländisch-deutschen Komponistin Iris ter Schiphorst und der deutschen Schriftstellerin Felicitas Hoppe (beide Berlin) erleben... tatsächlich handelt es sich in ‘Was wird hier eigentlich gespielt?’ um einen wunderbaren Diskurs der beiden Autorinnen hinsichtlich der Frage, ob sich die Kernfrage der diesjährigen Musiktage nach einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Tonschöpfer, Wortschöpfer, Klangschöpfer positiv beantworten lässt (natürlich mit ‘Ja, geht doch!’ beantwortet); ein heiterer Gang durch die Kulturgeschichte von Eurydike und Augustins ‘Alles ist hin’ bis zu den ‘Drei Chinesen mit dem Kontrabass’, die plötzlich umschlugen in eine Rockperformance von ‘Every breath you take’ von Police (1983).“

 

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