Iris ter Schiphorst
Berühren (2000)
in Positionen - Texte zur aktuellen Musik, Nr. 44 - Sinnlichkeit, S. 37-39
Auszug:
Meine Mutter war Pianistin und Musik daher fast so etwas wie eine weitere ‚Muttersprache’, zusätzlich zur holländischen und deutschen Sprache, mit denen ich groß geworden bin. Ich lernte sie ‚en passant’ , eben so, wie man Sprachen lernt, die man täglich hört, ganz selbstverständlich über das Gehör, durch Mimesis – auf dem Klavier. Was mir gefiel, und das war in meiner Kindheit und Jugend vor allem die Sprache der Wiener Klassiker und deutschen Romantiker, versuchte ich auf den Tasten ‚wieder zu finden’, manchmal relativ ‚notengetreu’, oft jedoch auch in veränderter Form, in anderen Tonarten, mit anders zusammengestellten Teilen. Ich habe mir ‚meine Stücke’ sozusagen ‚zurechtgespielt’ und über das Ohr entschieden, was mir gefällt und was mir nicht gefällt. Im Alter von vierzehn Jahren konnte ich Beethoven-Sonaten nach Gehör spielen, lesen konnte ich sie nur sehr schlecht.
Das heißt, mein Zugang zu Musik fand zunächst fast ausschließlich über das Gehör und die Praxis statt, über eine ‚körpergebundene Überlieferung’ – wenn man so will. Schrift spielte dabei überhaupt keine Rolle. Diese schwarzen Punkte hatten für mich nur sehr wenig zu tun mit dem, was für mich Musik war: Klänge, Töne oder Tonabfolgen, die mich stark berührten, mich direkt ansprachen, direkt etwas in mir in Bewegung setzten, mich dazu brachten, selber Töne und Klänge zu finden oder ‚wieder zu finden’, die mich anregten zu tanzen. Dieser für mich prägende Zugang zur Musik hat dazugeführt, dass Schrift und Klang für mich zwei völlig verschiedene Orte sind, noch heute.
Als ich zu komponieren anfing, habe ich diese zwei Orte zunächst strikt auseinander gehalten. Das heißt, ich habe entweder an Stücken gearbeitet, die alle Parameter von Schrift, von graphischen Zeichen auszureizen suchten –ich nannte sie Augenmusiken, oder an Stücken, in denen Schrift überhaupt keine Rolle spielt, die nur mit dem Klang spielen – so genannte Hörlustmusiken. In den Augenmusiken ging es mir darum, mich ausschließlich von dem optischen Eindruck, der Graphie einer Komposition leiten zu lassen. Die Rückkopplung Klang war dabei für mich zunächst nebensächlich. Ich nahm zum Beispiel das Schriftbild einer bereits existierenden Komposition als Ausgangsmaterial und schreib es nach eigenen Regeln um bzw. unterwarf es meiner eigenen bildnerischen Gestaltung. Auf diese Wiese konnte aus einem kurzen Bachpräludium eine mehrere Meter lange Graphik entstehen, deren Herkunft auf Grund beibehaltener optischer Komponenten jedoch immer noch erkennbar war. Natürlich haben mich dabei auch jene Schriftexperimente inspiriert, die besonders in den sechziger Jahren für Furore sorgten: Verfahren, die auf Kreativität, Virtuosität und eine wundersame Kopplung von Klangvorstellung/Klangphantasie und Visualität des Interpreten setzten.
Konsequenterweise sind dann die Hörlustmusiken auch nicht in Schrift, sondern mit Hilfe der so genannten neuen elektronischen Medien entstanden (Mit Tonbandgeräten, Samplern, Harddic-Recording- Systemen etc. ). Da diese Medien – im Gegensatz zur Schrift – den tatsächlichen Klang aufzuzeichnen in der Lage sind, das ‚Reale’ der Musik und nicht nur einen Code, der von irgendwelchen Musikern in Klang rückübersetzt werden muss, war es mir nun möglich, auf eine mir ganz vertraute Weise zu arbeiten: ich konnte mich ausschließlich leiten lassen von dem, was meinem Ohr gefiel. Ich habe zum Beispiel Klänge auf meinem Synthesizer fabriziert oder Samples produziert, ‚konkrete’ Klänge und Geräusche gesammelt, sie auf Mehrspurgeräten aufgenommen, verfremdet, zerschnitten, anders zusammengesetzt, rückwärts, parallel oder in unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen lassen, mit Hilfe von Effektgeräten das Material bis zur Unkenntlichkeit verfremdet etc. Mit anderen Worten: ich habe versucht, alle Verfahren zu benutzen und auszureizen, die diese Maschinen vorgeben. Natürlich führt ein solches Komponieren zu völlig anderen Ergebnissen als das traditionelle ‚Schreiben’. Denn das Ohr entscheidet anders als das Auge. Alle traditionellen Kompositionsverfahren bis hin zu sämtlichen seriellen Techniken sind ‚literale’ Verfahren, da sie unwiderruflich and die Schrift und das Auge gekoppelt sind. Nur über das Ohr, über das Hören wären sie in keiner Weise zu bewerkstelligen. Im Gegensatz dazu sind die oben genannten ‚maschinellen’ Verfahren ganz und gar ‚non-literal’. Und vielleicht könnte man sie, bei allen Vorbehalten, die eine solche Begrifflichkeit aufwirft, in gewisser Weise sogar als‚oral’ bezeichnen.
‚Semi-literal’ wären – so gesehen – Verfahren, die zum Beispiel diese eben beschriebenen Techniken mit den Möglichkeiten und Verfahren, die die traditionelle Schrift bietet, verschränkt. ‚’Semi-literal’ sind zum Beispiel all jene Arbeiten, die ich vor zirka zehn Jahren für mein Ensemble intrors geschrieben habe. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wollte ich auch mit ‚echten’ akustischen Instrumenten arbeiten. Daher bin ich dazu übergegangen, die mit Hilfe der elektronischen Verfahren entstandenen Klangergebnisse zu ‚transkribieren’ und Klänge, die sich dafür eigneten, bestimmten Instrumenten zuzuordnen. Auf diese Weise entstand eine ganze Anzahl elektro-akustischer Stücke für unterschiedliche Besetzung.
Als semi-literal können aber auch all jene Arbeiten bezeichnet werden, die zwar traditionell notiert und daher ‚literal’ sind, aber Merkmale und Strategien so genannter ‚oraler’ Stilistik’ verwenden. Ein Beispiel dafür stellt meine Ballade für Orchester dar, in der es eine Melodie gibt, die wie eine Art Lied das ganze Stück durchzieht – wenn auch äußerst verfremdet und auf eine Weise instrumentiert, die deutlich macht, dass nicht mehr daran geglaubt wird. Oder es tauchen rhythmische Strukturen au, die sehr gestisch und körperlich gedacht sind. Die dort sehr bewusst gesetzten Wiederholungen orientieren sich ebenfalls an dem Stilmerkmal des Oralen.
Musik ist für mich ‚Sprache’, ob ich will, oder nicht. Es geht mir in ganz ursprünglichem Sinn darum, ‚etwas‘ auszudrücken, etwas mitzuteilen. Ausgangspunkt ist dabei immer mein Körper. Wenn mich etwas sehr bewegt, wenn mir etwas ‚nahe geht’, wird in mir eine Art ‚innerer Monolog‘ in Gang gesetzt, der auf ganz verschiedenen Ebenen, ja, man kann sagen, über ganz verschiedene Sinne den gesamten Körper erfasst: ein Gemisch aus Worten, melodischen und rhythmischen Phrasen und Bewegungsimpulsen, zum Teil komische rhythmische Gebilde, die meinen Körper zu zerteilen, ja, zu zerreißen scheinen.
Vielleicht hat auch dies mit meiner Biographie zu tun. So lange ich zurückdenken kann, habe ich Klavier gespielt und zwar leidenschaftlich gern. Mein intensivster Zugang zu Musik fand jedoch über Tanzen, über Bewegung statt. Schon als sehr kleines Kind habe ich auf unserem uralten dunkelbraunen Radio mit Drehknöpfen immer Musiksendungen mit klassischer Musik herausgesucht und dazu getanzt. Stundenlang. Damals war mir klar: ich will Tänzerin werden. Die Bewegungen waren meine direkte Antwort auf das, was ich hörte. Ich habe diesen intensiven Berufswunsch – und das war er ab einem bestimmten Zeitpunkt – zielstrebig verfolgt und meine Eltern zu Ballett- und Tanzunterricht überredet, musste ihn jedoch wegen einer schweren Krankheit im Alter von zwölf Jahren aufgeben. In den darauf folgenden Jahren, in denen ich mich krankheitsbedingt kaum bewegen durfte, fühlte ich mich wie von meiner Sprache abgeschnitten. Die Musik und das Klavierspielen waren das, was übrig blieb, aber es war nur noch eine Hälfte. Die Sehnsucht, dieses Paar Musik und Bewegung zu verbinden, ist seitdem geblieben und es ist eigentlich genau das, was mich seit geraumer Zeit zum Schreiben bringt. Dafür habe ich sogar von einigen Jahren wieder den alten Kampf mit der traditionellen Notenschrift aufgenommen. Zumindest rudimentär bekomme ich manchmal Töne und bestimmte rhythmische Gebilde au diese Weise zu fassen, obwohl es sehr schwer und sehr mühselig ist und immer nur eine vage Annäherung bleibt. Eine Weile habe ich versucht, herauszufinden, ob es eine Art ‚Bewegungsalphabet’ in mir gibt, ob bestimmte Bewegungen und Gesten unwiderrufliche verschränkt oder gekoppelt sind and bestimmte Klänge, Töne oder Abfolgen von Tönen. Ich weiß es nicht. Aber genau dies ist es, was mich am Komponieren am meisten interessiert. Dieses Paar. Musik und Bewegung. Und das namenlose ‚Dazwischen’…