Iris ter Schiphorst

Die obszöne Ungerechtigkeit der Welt und die unerforschte Utopie der Alterität (2024)

zur Möglichkeit von Utopien in einer Zeit multiperspektivischer Krisen... erschienen in Heft 22 des Journals der Künste der Akademie der Künste/Berlin

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In meiner Kindheit erregte immer wieder ein Buchtitel im Bücherregal meiner holländischen Großeltern meine besondere Aufmerksamkeit: Doe-het-zelf Omnibus (Eindhoven 1967), was wörtlich ins Deutsche übersetzt so viel bedeutet wie „Mach es selbst, Omnibus“ – für mich damals eine rätselhafte und geheimnisvolle Botschaft. Ich war erst zehn Jahre alt und Latein noch kein Unterrichtsfach. Sonst hätte ich vielleicht wissen können, dass sich hinter dem Appell „Mach es selbst“ eine 436 Seiten starke Anleitung für Reparaturen aller Art rund um Haus und Garten „für alle“ (lat. omnibus) verbarg.

Von den Do-it-yourself-Anleitungen der 1960er-Jahre über die Anrufungen an das „unternehmerischen Selbst“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts bis zu den unzähligen Ratgebern zur Selbstoptimierung, die heute den Büchermarkt und das Internet fluten, gibt es eine direkte Verbindung: Sie alle beschwören den self-made man, jene Leitfigur der Moderne (und vor allem Amerikas), die zu versprechen vorgibt, jeder (und jede, das bleibt eine Frage) könne „es“ aus eigener Kraft schaffen, strenge er sich nur genügend an bzw. befolge die richtigen Strategien. Das „Selbst“, Adressat all dieser ganz unterschiedlichen (aber zunehmend neoliberalen) Appelle, ist jene Instanz, die seit der Neuzeit in unterschiedlichen Konzepten ins Zentrum der Aufklärung rückte – jener philosophischen Strömung, die nichts weniger zum Ziel hatte als den (zukünftigen) Menschen durch Vernunft und Kunst (sic!) zur Verwirklichung seiner Natur zu befähigen, das heißt ein autonomer (selbst-bestimmter) Mensch zu werden. Seine prototypische, technische Materialisierung erfuhr dieses Vorhaben mittlerweile beispielhaft im Auto – im Gegensatz zum Omnibus. In dieser Variante trägt es erfolgreich die Idee von Autonomie und Freiheit in die Welt. Sich mit dem Auto autonom von einem Ort zum anderen bewegen zu können, gilt heute fast überall als Inbegriff von Freiheit und Selbstbestimmtheit.Das Hauptanliegen der Aufklärung, die Autonomie (Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung), scheint sich – zumindest in ihrer technischen Gestalt – überaus erfolgreich in der Welt verbreitet zu haben. Für die Idee der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit trifft das weniger zu. Sie harrt, global gesehen, nach wie vor der (auch politischen) Umsetzung.[1]

Auto oder Omnibus. Die Begriffe stehen für zwei unterschiedliche, auf den Kapitalismus bezogen sogar unvereinbare Prinzipien, die das das okzidentale Denken – und damit das Projekt der Aufklärung – bis heute prägen. Das Prinzip „Auto“ (das Eigene, das Selbst), das seit der Aufklärung favorisiert wurde und nach wie vor mit vielen Gesetzen geschützt und vehement verteidigt wird (im Bereich der Kunst als Werk, in der Öffentlichkeit als Meinungsfreiheit, im Besitz als Eigentum etc.) ist „absolute Voraussetzung“ (Jean-Luc Nancy) der Politik, der Ethik, der Ästhetik des westlichen Denkens, während das Prinzip „Omnibus“, das eher für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit „für alle“ steht, seit Jahrzehnten kaum noch das politische Handeln bestimmt. Aktuelle Brisanz gewinnt dieses „für alle“ jedoch im Zeichen des Klimanotstands: Unzählige Menschen werden ihre Heimat verlieren, natürliche Ressourcen aufgebraucht sein, Arten sterben, die Erderhitzung nicht mehr aufzuhalten sein, kurz: die Funktionsfähigkeit des gesamten Erdsystems steht infrage. Und das, weil einige wenige (weltweit etwa 90) Unternehmen nicht genug bekommen können.[2]

Ähnlich wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die sich vor achtzig Jahren mit der Frage konfrontiert hatten, wie es sein konnte, dass die Geschichte des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts nicht in eine Befreiung des Menschen, sondern in Auschwitz mündete, und glaubten, die Antwort in der „unreflektierten“ Aufklärung selbst gefunden zu haben, sieht der französische Philosoph Jean-Luc Nancy in der Aufklärung eine Ambivalenz der Vernunft am Werk, die der „Unendlichkeit der Existenz“ ein „Übermaß an Autonomie, das die Zerstörung des Selbst ist“ zur Seite gestellt hat. Seine fatalistische Schlussfolgerung ist, dass die Aufklärung und ihr Versuch, ein universal gültiges Weltbild des Menschen zu entwerfen, endgültig als missglückt betrachtet werden muss. Er bezeichnet sie als das gescheiterte Projekt des autonomen Subjekts zur Selbst-Bestimmung und Willensfreiheit, das im Verlauf der Geschichte zum Unternehmen eines reinen kapitalistischen Fortschrittglaubens mutiert sei und als „techno-ökonomisches Projekt“ inzwischen alles absorbiere. Die Frage nach einem guten Leben für alle, nach Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit für alle, nach einem gemeinsamen Nenner dafür, komme in diesem Projekt nicht mehr vor. Ebenso wenig sei dort von unserer Abhängigkeit vom Anderen, unserem Mit- und Gebraucht-Sein oder von Fürsorge, von Liebe, ohne die wir nicht überleben könnten, und von unserer Sterblichkeit die Rede (vor allem feministische Philosophinnen haben diesem Gedanken immer wieder Raum gewidmet). Der Mensch sei aber nicht nur deshalb nicht autonom, weil er auf andere angewiesen ist, sondern weil in seiner Physis ein „Überschuss“ existiert: die Sprache, der Begriff, der Logos. Sprache sei das, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheide. Und dieser Überschuss, dieses „Mehr“, befähige den Menschen, seine Unvollkommenheit, die Unvollkommenheit der Natur technisch zu vervollständigen, den Anderen technisch zu ersetzen. Technik führe somit aus, was die Natur vernachlässigt zu haben scheint. Heißt das jedoch, dass sich die Natur durch Technik verwirklicht, oder andersherum: dass die Technik Natur ist, indem sie ein Programm verfolgt, dass der Bestimmung durch Natur gehorcht?

Warum gibt es dann nicht genügend Nahrung für alle, sauberes Wasser für alle, Essen für alle, saubere Luft für alle, Wohnraum für alle, medizinische Versorgung für alle, Impfstoffe für alle, Menschenrechte für alle, Reisefreiheit für alle, Wahlrecht für alle, Bildung für alle, Kitaplätze für alle? „Für alle reicht es nicht!“ – das lässt Heiner Müller Hitler in einem Theaterstück sagen: „Zwischen uns, für die es reicht, […]  und denen, für die es nicht reicht, zu unterscheiden, heißt (so Hitler), Faschist zu sein.“[3] Wer ist es, der heute diese, nach Heiner Müller, faschistische Unterscheidung trifft? Es ist eine Technologie, die zum Markenzeichen des investierenden Kapitalismus geworden ist, eine Finanzautomation, die die Welt beherrscht – und nur einige ganz wenige reich (und mächtig) macht. In dieser Autonomisierungs-/Automatisierungslogik, diesem Regime der technischen Vernunft gibt es keine Gerechtigkeit, hat der Andere, das Gebraucht-Werden und das Brauchen keinen Platz. Das „Mit-Sein“ beschränkt sich auf den Austausch von Äquivalenzen des Marktes. Seine Logik braucht keine Gerechtigkeit, keine Gleichheit, auch keine Demokratie, sondern nur Konsumenten und Inverstoren. Kann diese Logik des „Auto“ gestoppt werden? Von wem? Durch die Endlichkeit der Ressourcen? Nicht einmal das ist sicher.

Was bedeutet das alles für die Frage nach Utopien? Gibt es sie noch? Was ist mit dem Feminismus, den Menschenrechten, der Klima-Gerechtigkeit? Sind das nicht konkrete Utopien oder sind wir womöglich gar nicht mehr fähig, in Alternativen zu denken? Adorno konstatierte ja schon 1964 eine „seltsame Schrumpfung des utopischen Bewusstseins“, da jede Aussicht auf eine Veränderung des gesellschaftlichen Ganzen in weite Ferne rücke. Obwohl den Menschen im Innersten bewusst sei, dass es nicht ausreiche, ohne Hunger und Angst zu existieren, sondern dass sie „auch als Freie“ leben müssten, glaubten sie nicht an Veränderung. Die „gesellschaftliche Apparatur“ habe sich weltweit „so verhärtet, dass das, was als greifbare Möglichkeit der Erfüllung“ vor Augen steht, „sich als radikal unmöglich präsentiert“. Jedes utopische Denken werde damit im Keim erstickt.[4] Heute jedenfalls scheint es kaum noch eine größere Bewegung, ein soziales Projekt zu geben, das sich der obszönen Ungerechtigkeit dieser Welt annimmt. Wir sind offenbar zu erschöpft.

Übrig bleibt die Kunst. Hat sie denn kein utopisches Potenzial als Alternative zum Projekt des entfesselten Kapitalismus oder ist sie Teil des Problems? Was kann sie diesem Weltgeist der Kapitalisierung (und Kannibalisierung) aller Lebensbereiche entgegensetzen? Kann sie den Glauben an Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit (und damit den Glauben an eine wirkliche Demokratie) aufrechterhalten? Das Projekt „Aufklärung“ war auf die Zukunft gerichtet, auf eine Vervollständigung der Natur, auf ihre Selbstverwirklichung. In diesem Prozess wurde die Kunst schließlich „autonom“ in ihrer Funktion, dem (westlichen) Menschen selbst (das „Innere“ seiner Natur) zu seiner „wahren“ natürlichen Bestimmung zu verhelfen, ihn zu einem vollständigen Menschen zu machen. Gleichzeitig verwirklicht sich in jedem Kunstwerk eine Autonomie, die in sich vollständig abgeschlossen ist. Genau darin scheint ein unendlicher Sinn zu liegen, das heißt in jedem Kunstwerk in seiner Abgeschlossenheit (in seiner Autonomie) ist paradoxerweise eine Unabschließbarkeit anwesend, eine Kontingenz, ein Unermessliches: „Diese eigenartige Vollständigkeit (des Kunstwerks) fordert neue, andere Formen. Sie fordert diese aber nicht als fortschrittliche Verwirklichung ihres eigenen Zwecks, denn als jeweils absolute aktualisiert jede Kunstform vollständig ihren Zweck. Vielmehr handelt es sich um eine Negativität, die zwar Unruhe, aber keinen Fortschritt angesichts des Endzwecks des Kunstwerks als solchem bedeutet.“[5] 

Mit dem „Tod Gottes“ (der Aufklärung) sei, so Jean-Luc Nancy, das Unermessliche, unsere Endlichkeit aus dem Blick geraten. Der Mensch der Neuzeit glaube, die Sterblichkeit sei lediglich ein Ärgernis, eine „Unvollkommenheit“, die durch Technologie aus der Welt geschafft werden könne. Die Frage der Transzendenz, der Unermesslichkeit bliebe dagegen unbeantwortet. Wenn aber Selbstbestimmung und grenzenlose Autonomie Sache der instrumentellen Vernunft und ihres überwältigenden technisch-ökonomischen Projekts sind, dann könnte doch Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit ebenso wie Transzendenz und Zweckfreiheit Sache der Kunst „in Richtung auf eine unerforschte Alterität“[6] sein? Verbunden durch die Gewissheit des Todes. Oder nicht?

 


[1] Obwohl im Jahr 2023 Demokratien und Autokratien fast gleichauf lagen (91 Staaten mit demokratischen Regierungen standen 88 autokratische Regierungen gegenüber) wurden weltweit fast 6 Milliarden Menschen (71 Prozent)  autokratisch regiert und nur etwas mehr als 2 Milliarden demokratisch (29 Prozent). Die Zahl der Autokratien, also von Regierungssystemen ohne freie und faire Wahlen und ohne ein Mindestmaß an bürgerlichen Freiheiten, ist seit der Jahrhundertwende stetig angestiegen; dieser Trend setzt sich auch aktuell fort. Grundsätzliche demokratische Rechte (wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und freie Wahlen) werden seit 10 Jahren auch in demokratisch regierten Ländern mehr und mehr eingeschränkt. Vgl. den jährlich erscheinenden Democracy Report des Varieties-of-Democracy-Instituts am Fachbereich Politische Wissenschaft der Universität Göteborg, Schweden. 2024 https://www.v-dem.net/documents/43/v-dem_dr2024_lowres.pdf

[2] Richard Heede, Tracing anthropogenic carbon dioxide and methane emissions to fossil fuel and cement producers, 1854–2010, https://link.springer.com/article/10.1007/s10584-013-0986-y, zuletzt am 12. März 2024.

[3] Zit. nach Christoph Mencke, Die Kraft der Kunst, Frankfurt am Main 2013, S. 159 vgl. auch http://bettinafuncke.com/100Notes/010_A6_Christoph_Menke.pdf, zuletzt am 12.4.2024.

[4] Theodor W. Adorno, Etwas fehlt ... Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht. Gespräch mit Ernst Bloch, in: Rainer Traub und Harald Wieser (Hg.), Gespräche mit Ernst Bloch, Frankfurt am Main 1980, S. 58–77.

[5] Marita Tatari: Zweck und Auflösung der Kunst, Aktualität versus Nutzen, Vortrag in der Reihe ‘Really Useful Theater’, gehalten am 21.11.2015 , in den Sophiensälen Berlin, online abrufbar unter
 http://usefultheater.de/zweck-und-aufloesung-der-kunst/
abgerufen zuletzt am 18.12.2023, transkribiert von Iris ter Schiphorst

[6] Ebd.

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