Musik schreiben im 21. Jahrhundert: Feder, Tinte oder Laptop? (2019)
Karlheinz Esssl, Johannes Kreidler, Iris ter Schiphorst und Johannes Maria Staud im Gespräch mit Bernhard Günther
enthalten im Buch: Musik und Schrift
Interdisziplinäre Perspektiven auf musikalische Notationen
S. 301-339
Auszug:
ItS: ...In einer Notation manifestiert sich der Versuch, etwas zu ‚fassen‘, etwas in eine Gestalt zu bringen: in Form einer Zeichnung, in Form von Schriftzeichen, von Noten, Zahlen etc. In einer Notation manifestiert sich somit auch der Versuch, etwas ‚niederzulegen‘ bzw. ‚aufzubewahren‘. Eine Notation ist der Ausdruck eines gedanklichen oder/und körperlichen Prozesses. Eine Notation kommuniziert und will kommunizieren, insofern ist eine Notation immer auch ein Kommunikationsangebot.
(...)
'Postludium' für gemischten Chor in Bewegung gehört zu einer Serie, die ich „Augenmusiken“ nannte; ...Ich hatte damals getrennt zwischen Verfahren, die nur vom Klang ausgehen, ich nannte sie ‚Hörlustmusiken’, und Verfahren, die nur vom Schriftbild ausgehen. Postludium aus Vergessenem ist aus dem Schriftbild eines kleinen bekannten Bach-Präludium hervor gegangen, genauer: aus einer Umcodierung dieses Schriftbilds nach bestimmten von mir aufgestellten Regeln: z. B. mussten alle aufeinander folgenden Noten des Originals zunächst mit einem Stift verbunden werden, sodaß aus einer kleinen Terz abwärts und wieder aufwärts optisch ein Dreieck entstand. In einem nächsten Schritt musste dieses Dreieck ganz und gar mit Klang ausgefüllt werden. Bei Bach waren es lediglich drei aufeinander folgende Noten, bei mir wurde daraus ein vielstimmiger dichter vierteltöniger Cluster. Diese Art der 'Umcodierung' entwickelte eine unglaubliche Eigendynamik und führte zu Ergebnissen, auf die ich niemals von selbst gekommen wäre. Das Spannende war, diese Ergebnisse immer auch zugleich klanglich zu denken: Wie könnte ein extrem vielstimmiger 'dreieckiger' dichter Cluster, dieses visuelle ausgemalte 'Dreieck' am interessantesten zum Klingen gebracht werden? ... Am Ende wurden aus den 2 Minuten des Originals ein ca 10 minütiges Stück für gemischten Chor 'in Bewegung' plus Schlagzeug - eine riesige graphische Partitur im A1 Querformat, deren Einzelseiten man wunderbar über die gesamte Wandreihe einer Galerie anbringen und lesend abschreiten konnte. Eine 'Augen-Musik'.
