Iris ter Schiphorst

Changeant (2004): Performanz und Performativität ... Versuch einer Rekonstruktion des Kompositionsprozesses (2021)

in: Stimme, Ausdruck Philosophie - Philosophische Erkundungen von Neuer Musik (Hg: Violetta Waibel, Salome Kammer) - edition text+kritik 2024

"Iris ter Schiphorst untersucht die eigene Komposition entlang von zwei Hauptgesichtspunkten (Rekonstruktion der Komposition, Versuch einer Rkeonstruktion des Kompositionsprozesses und ihrer 'Ausdrucksabsicht') und 18 Unterpunkten (Rahmen, Stimme, Textverortung, Form, Gesten/Posen, Rhythmus, Tonmaterial, Zuspiel, Auswendig; Vorschrift eine Perofrmance?, Repräsentation und Performance, Die symbolische Ordnung, Performativität, Zutaten einer Performance, Posen, Performance oder Konzertaufführung?, Auswendig - ein besonderer (perfider) Repräsentationsmodus?, Changeant-eine Parodie, oder: der symbolischen Ordnung ein Schnippchen schlagen?).

Während im ersten Teil des Textes der Entstehungsrahmen des Stücks, das Stimmregister Anna Clementis, aber auch die Textgrundlage von Karin Spielhofer im Mittelpunkt stehen, wird im zweiten Teil die Ausdrucksabsicht rekonstruiert und analysiert. Es wird also gefragt, was damit gemeint ist, wenn geschrieben steht, Changeant sei für eine Performance komponiert worden. Ist das die Vorschrift einer Performance? Was soll mit den 'Posen' ausgedrückt werden? Und warum ist es so wichtig, dass das Stück auswendig aufgeführt wird?

Der Clou der Darstellung ist, dass die Komponistin, wie sie selbst schreibt, mit Changeant in gewisserWeise ein feministisches Programm akzentuieren wollte, und zwar im 'Gewand eines Kunstwerks' (einer Partitur), um der 'symbolischen Ordnung' ein Schnippchen zu schlagen und Fragen nach Performance und Repräsentation neu zu stellen. 

So gesehen, ist das Stück auch ein Triumph der Sängerin (und Komponistin) über die Schrift, über die symbolische Ordnung. Oder anders ausgedrückt: ter Schiphorst wollte als Komponist verschwinden, um als Komponistin wieder aufzutauchen."   
(aus der Einleitung der Herausgeberin Prof. Violetta Waibel)

 

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Prolog: Stimmen in Changeant

Welche Stimme(n) hören wir in Changeant?
Die der Sängerin/Performerin?
Die der Komponistin?
Die der Schriftstellerin?

Die Stimme einer bestimmten Figur?
Eine Frauenstimme?
Eine Männerstimme?

Eine fremde Stimme?
Eine vertraute Stimme?
Eine unheimliche Stimme?

Hören Sie ihre eigene Stimme?

Was oder wen repräsentiert die Stimme?
Anna Livia Plurabelle?
Molly Bloom?
Die ‚männliche‘ Fantasie einer Frauenrede?
Ein Spiel mit der männlichen Fantasie?
Einen Ausdruck?
Ein Gefühl?

Mimesis, Parodie … Muttermünder,
Siri, Alexa, Telefonfräulein,

Stimmen ohne Körper, Körper ohne Stimmen,

zu sagen haben, zu singen geben,
jemandem eine Stimme geben, eine Stimme haben =
den Phallus haben, hoppla …
nein – die Stimme …

als Objekt à …,
ich höre sie, also bin ich …?


Changeant
– der Titel ist Programm:

Changeant spielt mit Rollen, Sprachen, Stilen, mit Stereotypen und Zitaten – changiert zwischen E- und U-Musik, zwischen Performance, Konzert und Musiktheater, arbeitet mit den Mitteln der Parodie und stellt dabei augenzwinkernd den ‚Werkbegriff‘ in Frage.

Changeant wurde inspiriert durch Vokal-Performerinnen wie Meredith Monk, Laurie Anderson, Shelly Hirsch, Diamanda Gallas, Joan la Barbara und bezieht sich somit auf eine eher randständige Musik-Geschichte, in der die Sängerin/Performerin im Zentrum steht und nicht der Komponist.

Changeant möchte diese Geschichte über den Umweg der Schrift ein wenig weiterschreiben.

Changeant ist die ‚Vorschrift‘ einer Performance und kreist um die Begriffe ‚Präsenz‘ und ‚Repräsentation‘.

 (copyright Iris ter Schiphorst, 2021)

 

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