Roundtable - Gespräch mit Charlotte Seither, Milica Djordjević und Iris ter Schiphorst (2024)

in Raue Zeiten - Neue Musik in /als Reibung  (Veröffentlichung des Institurs für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt, Band 83) 



Auszug:

Charlotte Seither
: Vorhin fiel das Stichwort „Energie“ in Zusammenhang mit dir, Iris. Was gibt dir Energie am „Rauen“?

Iris ter Schiphorst: Das ist eine Frage, die ich gar nicht so genau beantworten kann. Vielleicht das Ungebändigte, das Wilde, das Rohe, das Formlose, oder auch das Direkte, das Widerständige – und die vielen Ebenen, die sich damit auftun. Aber auch, dass es mich konfrontiert, dass es mich zum Denken bringt, mich in Bewegung setzt, im übertragenen und buchstäblichen Sinn. Es ist mir etwas unangenehm, das öffentlich zu sagen, aber ich bin Synästhetikerin. Begriffe, Zahlen und Gedanken sind für mich konnotiert mit bestimmten je spezifischen Farben, Tönen und körperlichen Gesten im Raum, die wiederum von einem je spezifischen Klang begleitet werden; insgesamt ein komplexes, energetisches Bündel, wenn man so will, das mich umtreibt, mich häufig überfordert – und dennoch Anstoß für mein Komponieren ist. Die Frage ist, wie ich dieses Bündel fassen und konkret für das Komponieren nutzen kann. Wie ich es schaffe, das, was sich da in mir abspielt, diese Energien – und Energien sind ja prozesshaft, also nicht statisch, wie ich es schaffe, sie zu Papier (oder in den Computer) zu bringen, sie fest zu halten. Ich habe dafür mit vielen verschiedenen Verfahren experimentiert.  Z. B. habe ich die Wände meines Arbeitszimmers mit Tapetenbahnen beklebt, die ich immer wieder abschreiten und darauf mit verschiedenfarbigen Stiften Strukturen über- und untereinander skizzieren konnte. Auf diese Weise blieb ich in Bewegung und konnte gleichzeitig in der Horizontalen einen zeitlichen Verlauf markieren.Dieses Verfahren verschuf mir also in einem ersten Arbeitsschritt eine gewisse Bewegungs-Freiheit und half mir, das Bündel von Energien besser zu fassen.

Charlotte Seither: Du entscheidest dich in deinen Stücken ja für ein bestimmtes Material, etwa in Hi Bill, das wir gestern gehört haben. Auch wenn du solche Fragen nicht in den Mittelpunkt rückst: es gibt darin ein bass riff, man kann den background der Rockmusik darin erkennen, der deine Perspektiven ja immer auch sehr konstruktiv erweitert hat. Was macht vor diesem Hintergrund die „konstruktive Reibung“ für dich aus in diesem Stück?

Iris ter Schiphorst: Hi Bill ist ja ein kurzes, sehr überschaubares Stück, das für einen ganz bestimmten Anlaß - die Solo-CD des Bassklarinettisten Volker Hemken geschrieben wurde, der sich von mir ein rockiges Stück gewünscht hatte. Für Hi Bill braucht man nicht unbedingt eine Tapetenrolle, es geht auch auf kleinerem Papierformat. Was wirklich interessant ist an diesem Stück, ist die Vertikale. Ein bass riff ist schnell dahingesagt, aber was mache ich mit der Vertikalen? Wie kriege ich das Rauschen da hinein? Komplexität, Farben, Bewegungen, Gesten? All die ‚Rau-Zustände’, die mich hier interessieren? Das ist eine Frage der Instrumentation, in diesem Fall der Spieltechniken. Hi Bill  ist voll von Mehrklängen, Slaps, Zahntönen, gesungenen Tönen und Kombinationen daraus. Heute sind ja Multiphonics weitgehend katalogisiert, es existieren Grifftabellen für jeden nur denkbaren Mehrklang. Die haben mich aber seinerzeit überhaupt nicht interessiert. Ich notiere in Hi Bill die klingenden Ergebnisse, also das, was ich hören will, natürlich in Kenntnis der physikalischen Gegebenheiten der Bassklarinette. Ich überlasse es damit ein Stückweit dem oder der Spieler:in, diese vielschichtigen Klänge auf seinem oderihrem je spezifischen Instrument und mit seinen oder ihren je individuellen Möglichkeiten zu finden. Das ist zwar auf den ersten Blick schwieriger, als das Abrufen von einmal einstudierten Katalog-Klängen, schenkt aber andererseits auch mehr Freiheit. An einigen Stellen notiere ich im Stück sogar Alternativen, sodaß auch hier von den Ausführenden selbst entschieden werden kann, welche Version sie spielen. Die Spieler:innen sollen inspiriert werden, eigene Wege mit dem Material zu finden, ihre eigene ‚Rauheit’ ins Spiel zu bringen. ...

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