Symposium – Musik im digitalen Zeitalter (2019)
Gespräch zwischen Nikolaus Brass, Harry Lehmann, Kristin Amme, Iris ter Schiphorst und Manos Tsangaris, Bayerische Akademie der Schönen Künste, Jahrbuch 33/2019, Wallstein Verlag
S. 339-342
Auszug:
(ItS): Interessanterweise kennen meine Studierenden, obwohl digital-natives, zumeist nicht den Unterschied zwischen digital und analog – und verbinden mit dem Wort Sampler oder Sampling vor allem die kommerziell erwerbbaren Soundbibliotheken, bzw. Sample-Libraries, sei es die berühmte Vienna Sound-Library (übrigens sauteuer), die von dir erwähnte con-timbre Soundbibliothek von Thomas Hummel, die alle nur erdenklichen extended Techniken gespeichert hat, oder die vielen anderen.
Dass der Sampler in seinen Anfängen in den 70iger, 80iger Jahren von vielen Komponist*innen noch ganz anders eingesetzt wurde - ich würde behaupten: viel kreativer und in gewisser Weise ‚freier’, dass es damals vorrangig darum ging, eigene Sounds aufzunehmen und vor allem: neue, noch nie gehörte Kombinationen zu kreieren wissen auch nur die wenigsten, da fehlt es zumeist an historischem Bewusstsein.
Zudem hat sich mittlerweile der ‚Gebrauch’ zu sehr eingeschrieben. Viele kompositorischen Entscheidungen werden heute bestimmt durch das das Vorhandene (Soundbibliotheken sind dafür ein Beispiel), das technisch Machbare, weniger durch das Unmögliche. Das heißt, wir befinden uns trotz scheinbar unendlichen Möglichkeiten in einer Art Engstelle. Das sollte meiner Meinung nach viel mehr reflektiert werden.
(...)
(ItS): Man findet die digitalen Einheiten, wie du sie nennst (Anm.: an Harry Lehmann gerichtet), also digitale Audio-Workstations heute überall auf der Welt, sie werden quasi ‚global’ vertrieben und ‚global’ genutzt und sind im Grundsatz mehr oder weniger gleich ausgestattet. Ihre unterschiedlichen integrierten Programme sind von den Ingenieuren und Programmierern von Apple und Co gut zusammengestellt, sozusagen für den sofortigen Gebrauch zubereitet, relativ leicht zu lernen und führen schnell zu hörbaren Ergebnissen. Wir müssen uns nichts mehr ‚innerlich’ vorstellen, können in ‚Realtime’ hörend am Klang, an den Samples herumwerkeln und kommen unter Umständen über ‚Trial and Error’ tatsächlich zu interessanten Ergebnissen.
Nur: es ist ja nicht so, dass hier keine Schrift, kein Code am Werk wäre. Denn was leicht vergessen wird: Unter der Oberfläche, unsichtbar für die Anwender, verbirgt sich ein Universum miteinander kommunizierender Protokolle von Maschinenalgorhythmen, die für den User vor dem Screen weder einsehbar noch kontrollierbar sind. Das ist für die Musikproduktion auch nicht nötig, denn die digitalen Daten werden von Maschinen ‚gelesen’, analysiert und weiterverarbeitet – im Gegensatz zur traditionellen Notenschrift, die immer von Menschen für Menschen gemacht wurde. In gewisser Weise hat sich also die ‚Herrschaft’ verlagert. Nicht mehr die ‚Schriftgelehrten’ der Hochkultur bestimmen die Regeln, sondern Informatiker, Programmierer und Ingenieure.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch etwas Anderes ansprechen. In der Mustererkennung und Formalisierung ist uns der Computer weit überlegen. Allerdings können Rechner nicht über Sinn und Bedeutung nachdenken. Und genau dafür brauchen wir die ‚alten’ Institutionen, die Universitäten und Hochschulen, die über das technisch Machbare hinaus hier weiterdenken, diese Fragen stellen! Dafür brauchen wir aber auch Räume und eine Öffentlichkeit, in der diese Fragen zur Disposition stehen: Konzerte, Symposien, Festivals...
(...)
(ItS): Vielleicht am Ende noch ein paar Anmerkungen in meiner Eigenschaft als Hochschullehrerin; ich lehre ja an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien das Fach ‚Medienkomposition’, eine Art Master-Studiengang, der dort als ‚zweiter Studienzweig’ bezeichnet wird. Zu mir kommen also diejenigen, die schon den ersten Studienzweig oder einen Bachelor durchlaufen haben. Die sind natürlich alle in der Regel gut ausgebildet und kennen sich in dem, was wir als ‚Musik’ zu bezeichnen gewohnt sind, gut aus.
Ganz anders stellt es sich mittlerweile bei den Aufnahmeprüfungen dar. Immer mehr junge Menschen kommen zwar mit irgendwelchen, zum Teil durchaus interessanten, zumeist am Computer erarbeiteten Stücken, haben jedoch immer weniger Ahnung von der sogenannten ‚traditionellen Musik’, von Musik überhaupt, können zum Teil nicht einmal mehr ein Instrument spielen. Das spricht von einem grundlegenden gesellschaftlichen Umschwung.
Interessant finde ich, dass diese jungen Menschen trotzdem in eine Hochschule wollen! Sie wollen Komponieren lernen, sie wollen zu dieser Institution gehören, sie wollen einen akademischen Abschluss in Komposition,– ihnen reicht es eben nicht, nur am Computer vor sich hinzuwerkeln.
Institutionell stellt sich die Frage, wie damit umzugehen ist, ob sich nicht zum Beispiel das gesamte Aufnahmeprozedere verändern müsste, und im Weiteren entsprechend dann auch die Lehre. Da gibt es für die Zukunft einiges zu überlegen.
