Iris ter Schiphorst

Warum ich es liebe, für Orchester zu schreiben (2001)

anläßlich der schottischen UA von BALLADE FÜR ORCHESTER: HUNDERT KOMMA NULL 

Schreiben für Orchester/ Warum ich es liebe, für Orchester zu schreiben...
oder: Nachdenken über Klang

Der Orchesterklang ist ein ganz Spezifischer, allein dadurch, dass alle Register im Orchester vorhanden sind,  d.h. von unten nach oben alle Töne und Teiltöne in einem ausgewogenen Verhältnis existieren.
Der Orchesterklang hat eine lange Geschichte, und die Ausgewogenheit des Zusammenklangs aller Instrumente ist einem langen historischen Prozess zu verdanken.

Genau diese Ausgewogenheit macht es aber für Komponisten heutzutage so schwer, dem Orchester andere Farben zu entlocken. Der typische sinfonische Klang, der typische orchestrale Schönklang, ist meiner Meinung nach unwiderruflich gekoppelt an bestimmte historische Momente und Werke, an bestimmte Komponisten - und somit für mich -  als Komponistin - schlicht Geschichte.  Und als solche verbraucht.

Allerdings: Gegen diese Klanglichkeit anschreiben zu wollen, bzw. dem Orchester eine eigene
Klanglichkeit entlocken zu wollen, ist eine unglaubliche Herausforderung, denn diese spezifische Klanglichkeit ist total hartnäckig.  Aber genau das ist es, was mich an der Arbeit mit Orchester auch und ganz besonders reizt. Die Arbeit mit diesem speziellen Klang. Und zwar auf eine Weise damit zu arbeiten, die mit in sich aufnimmt, was Orchester, was dieser typische Klang einmal war, das heißt, auf eine Weise damit zu arbeiten, die auch das Gefühl von unwiederbringlichem Verlust mit in sich aufnimmt.

Mit ein zu komponieren, dass ich die sinfonische Musik liebe, Brahms, Schumann, Mahler etc...., mit ein zu komponieren, dass diese Liebe eine Form der Nostalgie ist...
Mit ein zu komponieren, dass ich das Orchester liebe, obwohl ich es eigentlich für eine völlig veraltete ‚Maschine’ halte, eine Maschine, die in ihrer ganzen Gewordenheit eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, eine Maschine, die heutzutage in erster Linie dafür verwendet wird, Tradition zu pflegen... 
Ein ‚altes Schlachtroß’ (wenn Sie mir diesen Ausdruck verzeihen mögen), mit alten Ritualen, alten Hierarchien, alten Strukturen, alten Räumen etc. etc. Allerdings mit zum Teil hervorragenden Musikern.

Ich persönlich denke, es genügt nicht, dieses alte Schlachtross einfach nur mit neuen Spielweisen ‚modernisieren’ zu wollen, seine Klanglichkeit auf ein so genanntes ‚avantgardistischen Level’ bringen zu wollen, diesen traditionellen Schönklang ‚einfach’ aufpolieren zu wollen durch moderne Spielweisen. Ich finde die meisten Versuche nicht wirklich überzeugend, bzw. es ist nicht das, was mich persönlich interessiert in der Arbeit für und mit Orchester. Es  funktioniert für mich aber genauso wenig, die Instrumente ‚einfach so’, - in ihrer traditionellen Klanglichkeit zu verwenden und statt dessen ‚formal’ auf Unbekanntes zu setzen.

Was mich - zusätzlich zu dem, was ich oben gesagt hatte - interessiert, ist die  ‚Erweiterung’ des Orchesterapparats und die Veränderung seines typischen Klanges durch Schaffung anderer Kontexte, z. B. durch Einbeziehung von Elementen, die nicht per se zum Orchesterapparat gehören. Dazu gehört z. B. die Mikrophonierung und Verstärkung einzelner Musiker oder auch Musikergruppen, um auf diese Weise eine ganz andere Klanglichkeit zu evozieren, oder auch die Hinzunahme von gesampelten Sounds oder Musiken etc..

Kompositorisch reizvoll finde ich zudem, dass es nirgends sonst möglich ist, so viele Schichten gleichzeitig übereinander zu legen, nirgendwo sonst möglich ist, komplett Disparates gleichzeitig erklingen zu lassen.

Wollte man diesen musealen Apparat wirklich auf seine Aktualität hin überprüfen, wollte man wirklich versuchen‚ grundsätzlich ‚Neues’, Zeitgemäßes mit ihm zu schaffen, dann bräuchte es ganz andere Rahmenbedingungen, als die vorhandenen. Vor allem bräuchte es Zeit, Zeit und nochmals Zeit. Aber offen gestanden: ich glaube nicht daran, dass grundsätzlich Neues tatsächlich mit diesem Apparat möglich  ist. Ich glaube, dass der Apparat immer stärker sein wird, als jeder Versuch, ihm Neues zu entlocken.  Und trotzdem – oder gerade deshalb – liebe ich es, für Orchester zu komponieren.

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