Iris ter Schiphorst
Um 1972 - Pierre Boulez, Mauricio Kagel und Valie Export
Das Privileg, zu zerstören oder: die Dekonstruktion als Geste der Macht
Im Jahr 1972 schwadronierte Pierre Boulez öffentlichkeitswirksam davon, die Oper in die Luft zu sprengen; etwa zur gleichen Zeit unternahm Mauricio Kagel unter großer öffentlicher Anteilnahme an der Staatsoper Hamburg mit einem hochdotierten Auftrag in der Tasche den Versuch, diese inhaltlich zu dekonstruieren, während Valie Export sich vom Fueilleton eher dafür beschimpfen lassen musste, sich einen physischen und ideellen Raum für Frauen in der Kunst erkämpfen zu wollen..
Ihr Kampf gipfelte 1975 in der von ihr kuratierten, wegweisenden Ausstellung MAGNA. Feminismus: Kunst und Kreativität in der Wiener Galerie nächst St. Stephan. Die Schau war die erste ihrer Art in Europa, die einen umfassenden Überblick über weibliche Sensibilität und Imagination gab und den männlichen Blick im Kunstbetrieb radikal infrage stellte.
Pierre Boulez und Mauricio Kagel agierten aus einer Position der gesicherten Macht. Wenn Boulez forderte, die Opernhäuser „in die Luft zu sprengen“, dann war dies die Geste eines 'rechtmäßigen Erben', dem das elterliche Schloss zu staubig geworden war. Kagel wiederum zerlegte das „Staatstheater“ in seine absurden Einzelteile, was jedoch voraussetzte, dass er die Schlüssel zum Theater bereits in der Tasche hatte. Für diese männliche Avantgarde war die Zerstörung ein ästhetisches Spiel, eine Art „Luxus-Vandalismus“, das ihnen international große Anerkennung einbrachte, während Komponistinnen, Musikerinnen und Künstlerinnen von diesem Spiel gänzlich ausgeschlossen waren - sie hatten schlicht keinen Zutritt zu diesen Institutionen der Hoch-Kultur. Und ihre Kunst interessierte das Feuilleton herzlich wenig.
Doch ging es nicht nur um das Existenzrecht ihrer Kunst, sondern auch um die Selbstbestimmung über ihren Körper! (s. dazu Initiativen wie Alice Schwarzers Aktion „Wir haben abgetrieben!“ (1971) und dem Slogan „Mein Körper gehört mir“...
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Genau das markiert das Privileg der Zerstörung: Boulez und Kagel besaßen die Deutungshoheit und die Schlüssel zum Elfenbeinturm, weshalb sie es sich leisten konnten, ihn symbolisch einzureißen. Sie genossen die institutionelle Absicherung, während sie gegen die Institution wetterten.
Für Künstlerinnen wie Valie Export tellte sich die Situation fundamental anders dar:
- Der Kampf um Präsenz: Während die Künstler „Anti-Kunst“ oder „Anti-Oper“ proklamierten, mussten Künstlerinnen erst einmal beweisen, dass sie überhaupt Subjekte der Kunstproduktion sind. Ihr Angriff erfolgte nicht aus dem Sessel des Chefdirigenten, sondern durch die Besetzung des öffentlichen Raums (z. B. Exports Tapp- und Tastkino).
- Ausschluss durch Struktur: In den 70ern waren Professuren, Jurys und Intendanzen fast ausschließlich männlich besetzt. Ein „Angriff von innen“ war für Frauen unmöglich, weil es kein „Innen“ für sie gab.
- Strategischer Unterschied: Die männliche Avantgarde wollte das Format (die Oper, die Partitur) zertrümmern. Die feministische Kunst musste hingegen die Struktur (den Ausschluss, den männlichen Blick) erst einmal sichtbar machen, bevor sie sie verändern konnte.
Dieser Kontrast zeigt: Dekonstruktion war in diesem Fall auch eine Geste der Macht; Sichtbarmachung ein Akt des Widerstands.