Iris ter Schiphorst
meine-keine-lieder/die aufgabe von musik (2014)
Libretto für das gleichnamige Werk für verstärkte Frauenstimme/Performance, Bassklarinette und Klavier/Sample-Keyboard
für Inge Müller
mit Texten/Zitaten von Hannah Arendt (1906-1975) (aus: Hannah Arendt und Joachim Fest, Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe, hrsg. von Ursula Ludz und Thomas Wild, München-Zürich: Piper, 2011, S. 36-60),
2 Gedichten von Inge Müller (1925-1966): „Meine Mutter wollt mich nicht haben“ (aus: Inge Müller: 'Wenn ich schon sterben muß“', Gedichte: Aufbau-Taschenbuch Verlag GmbH, Berlin Copyright Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1985) und „Ich steh mit einem Bein am Grab“ (aus: Inge Müller: ‚Daß ich nicht ersticke am Leisesein', herausgegeben von Sonja Hilzinger, Aufbau-Verlag Berlin 2002),
einem Zitat von Slavoj Zizek (1949) aus ‚Inhärente Überschreitung’ (Lèttre international, Herbst 1997), Gedichtzeilen von Ludwig Rellstab (1799-1860) aus "Leise flehen meine Lieder", sowie Deutschen Volksliedern.
Hinweis: Kursive Texte sind Einfügungen von I.t.S.
Hannah Arendt: Ich bin nicht der Meinung, dass das deutsche Volk besonders brutal ist.
Ich glaube überhaupt an solche Nationalcharactere nicht.
...
Aber es gibt eine Art Dummheit,
die deutsch ist. ...
Ein Unvermögen
an der Stelle jedes andern zu denken.
Diese Art von Dummheit, dass es ist,
als ob man gegen eine Wand spricht.
Man kriegt nie eine Reaktion,
weil nämlich auf einen selber gar nicht eingegangen wird.
Das ist deutsch. ...
Volkslied: Meine Mutter schmiert die Butter, immer an der Wand lang, immer an der Wand lang....
Hannah Arendt: Das zweite, was mir spezifisch deutsch scheint, ist diese geradezu verrückte Idealisierung des Gehorsams...
Sängerin an die zwei Musiker: Da Capo
Hannah Arendt: Die Berufung auf ‚Gehorchen – Müssen’ "Eid", auf Befehl, auf Gott ... et cetera – die ist nicht nur bei Eichmann...
deutsches Volkslied: Und da wollt er gerne runter, und da konnt er nicht, und da hackten ihm die Krähen in das Angesicht...
Hannah Arendt: die hat etwas empörend Dummes. ...
Deutsches Volkslied: Heidibimmel heidibammel heidi bum bum bum, heidibimmel heidibammel, heidi bum.
Hannah Arendt: Gehorchen tun wir solange wir Kinder sind, da ist es notwendig. Aber ...
Pianist + Bassklarinettist zur Sängerin: Mach jetzt endlich Inge Müller ...
Inge Müller:
Meine Mutter wollt mich nicht haben
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.
Deutschland, alte Mutter
Wollte einen Sohn
Und da kamen Kanon − Immer wieder Kanonen statt Butter.
Fritz und Krupp und Karl der Starke
Geheiligte Nation
Ja wir wissen schon
Das ist unsre Welt, Weltmarke.
Und die Welt ging in Scherben
Deutschland eine Scherbe davon
Die Scherbe der Nation
Favorit beim großen Sterben.
Unsre Denker und Dichter
Mußten immer gehen.
Die Mutter blieb am Grabstein stehn
In Nürnberg am Trichter.
Hannah Arendt: Eichmann hat gesagt: "Ich saß am Schreibtisch und machte meine Sachen." ...
Meine private Seele ist stets dagegen gewesen. (im Original heißt es bei Hannah Arendt: „Und der ehemalige Gauleiter von Danzig hat erklärt, seine offizielle Seele habe sich immer mit dem identifiziert, was er getan habe, seine private Seele sei stets dagegen gewesen.“)
Inge Müller:
Meine Mutter wollt mich nicht haben
Ich wollte die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.
Alle: Wir sind Experten der Gefühlsreproduktion!
Ein deutsches Kunstlied! – für das deutsche Bürgertum...
Inge Müller:
Ich steh mit einem Bein im Grab.
Was mach ich mit dem zweiten.
Ich muß dich doch begleiten
Ich hack das erste ab.
Alle:Musik!
Hannah Arendt: Eichmann hat behauptet: „ich bin keine so robuste Natur, die, sagen wir mal, ohne irgendwelche Reagenz irgendetwas über sich in dieser Art ergehen lassen kann“.
Und weiter: „(Es ist schon so), dass man nachher wie ein leises inneres Zittern, oder so ähnlich möchte ich es ausdrücken, hat... Als ob ich irgendeine aufregende Sache hinter mir hätte...“
ein leises inneres Zittern...
Er liebte Schubert und
Ludwig Rellstab: ‚leise flehen meine Lieder’ durch die Nacht zu dir, in den stillen Hain hernieder, Liebchen komm zu mir’...
und so weiter. Ein leises inneres Zittern.
Deutsches Volkslied: A b c, die Katze lief im Schnee und als sie wieder rauskam, da hat sie weiße Stiefel an, A b c, die Katze lief im...
Roland Barthes: Was singt mir der ich höre in meinem Körper das Lied. mein Lied, kein Lied.
Slavoj Zizek: Eichmann war eben kein Einzelfall.
Abends hörte man klassische Musik, und überzeugte sich auf diese Weise, letzten Endes ein kultivierter Mensch zu sein, leider gezwungen, unangenehme, aber notwendige Dinge zu tun.
Hannah Arendt: Keiner von den Leuten hat bereut. Keiner hat bereut.
Inge Müller: Mein Mann - (Heiner Müller) - hat gesagt: „Gegen Schmerzen helfen strenge Formen“
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Inge Müller war eine deutsche Schriftstellerin. Sie schrieb zunächst Kinderbücher und Schlager, später Theaterstücke und Hörspiele zusammen mit ihrem zweiten Mann Heiner Müller. Ihre Gedichte wurden größtenteils erst nach ihrem Freitod 1966 veröffentlicht; mittlerweile gilt Inge Müller als eine der interessantesten Lyrikerinnen der deutschen Nachkriegszeit der DDR.
Inge Müller wurde 1966 auf dem Friedhof von Pankow begraben. Erst 30 Jahre später enthüllte man einen Gedenkstein - allerdings nicht dort, wo ihr Grab lag. Da man vergaß, die Pacht zu zahlen, ist es längst eingeebnet worden.
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