Iris ter Schiphorst

Silence moves (1998)

Libretto für "eine Art Kammeroper für 5 Musikerinnen in Bewegung, Live-Elektronic, Lichtanlage, Zuspielband und Videoprojektionen" (1998)

Info zum Werk

I. Someone is dead...

Someone is dead...

Where have you gone, friend of summer?

And the pictures we drowned in the air –oh, just in the air –
faded, yellowed, pale,
like your face,
that had been so thin,

given away
to an unknown God,

in vain,
forever,

just wiped out.

II. Das unendliche Spiel von An- und Abwesenheit

She is gone.
Is this the beginning of the game?

But what we do is murder.

She is gone.
This is the beginning of the game.

Arrived at the black signs.
Black signs of love, of murder.

Arrived at the boundless longing.
At the place that has always been.

At the writing.

You just have to accept it.


III. „1800"

Man hatte sich für sie etwas ausgedacht,
etwas, das irgendwie perfide war.

Man warf ihr etwas hin, sagte:
Da, du darfst auch ...
Nimm ...

Aber es war eine Farce.

Denn man brauchte etwas Anderes.

Ihren Mund, zum Beispiel.

Jeder Winkel wurde ausgespäht und ausgeleuchtet,
der Kehlkopf vermessen,
die Stimmritzen auseinandergezogen.

Sie sollte üben.
Jeden Tag.
Richtig zu sprechen.

Sie sagte, sie wolle schreiben.

Aber man ließ sie nicht.

Sie sagte:
Ich muss, ich habe etwas zu sagen,
ein Blatt Papier, bitte ...

Man ließ sie nicht.

Man führte sie in eine Zelle.

Sie sollte weiter üben.

Sie sagten:
Ihre Stimme.

Und immer wieder:
Ihre Stimme.

Sie öffnete ihren Mund
und hielt ihnen ihre Zunge hin,

aber sie konnten nichts finden.

Ihr Vater schaute durch eine Luke
und schob ihr einen Zettel durch die Tür:
Es geht doch um Musik.

Sie hielt auch ihm ihre Zunge hin,

aber es war nichts zu sehen.

Weil ihre Zunge allmählich verdorrte,
brachte man Wasser.

Sorgsam befeuchtete man ihren Mund.

Aber es zeigte sich nach wie vor nichts.

Sicherheitshalber
schnitt man ihr die Zunge ab
und klebte sie auf ein Blatt Papier.


Einschub 1

...ich stünde in der Mitte einer schwach beleuchteten Straße,
in schwarz gekleidet,
in einem gänzlich schwarzen Anzug,

hör mich, Geliebter ...

das Gesicht der Erde zugewandt,
ernst, verschlossen, regungslos,

Liebster, siehst du mich stehen,
dort, in der Mitte;

und allmählich würde ich einen Arm heben,
und das Licht würde sich auf mich richten,

Liebster, sieh ...

sieh, wie ich allmählich einen Arm hebe,
sieh das Licht, grell auf mich gerichtet;

und es wird einer kommen
und an meinem erhobenen Arm
den schwarzen Ärmel abschneiden,

sieh ...

sieh den Arm,

wie er lang, dünn, nackt und ausgestreckt
im Scheinwerferlicht aus mir herausragt,
das Gesicht der Erde entgegengebeugt;

und es wird noch einer kommen
und er wird diesen langen, dünnen Arm weiß anstreichen,

Liebster, hör mich,

noch nackter wird dieser weiße, lange, dünne Arm
in die Welt ragen,

das Gesicht der Erde entgegengebeugt;

und es wird wieder einer kommen,
und er wird diesen langen weißen nackten Arm
mit einem langen schwarzen dünnen Streifen bemalen,
von den Achseln bis zur Handfläche;

sieh diesen Arm,

sieh das Gesicht,
der Erde entgegengebeugt;

und ich werde meinen anderen Arm heben,
und es wird ein weiterer kommen
und auch an diesem Arm den schwarzen Ärmel abschneiden,

horch, Geliebter,

und auch dieser Arm wird kahl und lang
in die Welt staken,

siehst du ihn;

und es wird noch einer kommen
und er wird auch diesen Arm weiß anstreichen,
und wieder wird er noch nackter sein als vorher,

und es wird noch einer kommen
und einen schwarzen Streifen auf ihn malen,

Liebster, hörst du nicht, wie ...


Einschub 2

Gestern hat man ihn herausgebrochen.

Vierzehn Tage hatte er dort bereits gelegen,
völlig erstarrt, steif, unbeweglich.

Eingeschmolzen in dieses riesige Fenster,
zwischen Abgrund und Himmel,
in dieser Wüste aus Eis.

Seit Jahrzehnten
hat es nicht mehr eine solche Kälte gegeben.
So sagen die Menschen hier.

Und ich –
ich kann es nicht glauben.

Ich denke,
dieses Eis hat immer schon existiert.

Übrigens war sein Gesicht
dem Himmel entgegengewandt,

ein schönes Gesicht,
zart und unendlich blass.

Vierzehn Tage
sind die Menschen über dieses Gesicht gelaufen,
über diese großen, blauen Augen
und diese Kinderstirn.

Ich weiß nicht, wer es war,
der ihn entdeckt hat.

Plötzlich kamen von überall her Menschen,
um ihn anzuschauen.

Und alle waren sich einig,
dass man ihn dort nicht lassen konnte,
dass man ihn herausholen musste
aus dieser Eiswüste.

Sie wussten zunächst nicht, wie,
weil die Eisschicht zu dick war.

Schließlich entschieden sie sich,
mit Spitzhacken das Eis um ihn herum aufzubrechen.

Vier Männer
haben neun Stunden lang
mit dieser Tätigkeit zugebracht.

Zum Schluss
hat man ihn mithilfe eines Krans
und langer Stangen,
eingehüllt in seinen gläsernen Sarg,
aus dem Eis herausgezogen.

An seiner Statt
klaffte für einen Moment ein schwarzes Loch
in dieser unendlichen Fläche,

als wäre die Verschmelzung von Wasser und Himmel,
von oben und unten
doch möglich.

Heute bin ich an der Stelle vorbeigelaufen
und schon ist fast nichts mehr zu sehen.

Ich habe mich auf das Eis gelegt,
dort, wo er gelegen hat.

Ich habe in den Himmel geschaut
und wusste:

Irgendwo tief unter mir ist das Wasser.

Ich habe gefühlt,
wie nach und nach die Kälte von mir Besitz ergreift,
und es ist ganz ruhig in mir geworden.

Für einen kurzen Moment
habe ich alles vergessen.

 

IV:  Silence Moves

Silence moves?

I'm not sure.

It's probably all just about
connecting oneself
with the consequence of reality,
so-called speech.

I don't know ...

The only thing I know for sure:
I'm completely hoarse
from too much talking,
mutilated by a host of signs,
split and scattered,

a witness,

creating

the failure of speech ...



Verrauschte Zuspiele zwischendurch aufblitzend, fortlaufend:

1.: „...als privilegiertes Beispiel für den Spracherwerb des Kindes (Rauschen) für die symbolische oder linguistische Beherrschung von Empfindungen und Trieben.“ (Julia Kristeva, Die Revolution der poetischen Sprache, 1974)

2: „Der durch dieses Spiel gewonnene Nutzen besteht in Lust, wobei die Frage ist, welche Form Lust bei einer Geste annehmen kann, die unentwegt eine unlustvolle Erfahrung wiederholt.“ (Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920)

 

3: „Der Ursprung ... von Sprache... gründet auf Verlust, auf der sinnbildlichen Ermordung des Körpers, des Realen.“ (Sigmund Freud)

 

4: „Das war das komplette Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten Akt zu sehen bekam , und dieser würde für sich allein unermüdlich als Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt anhing.“ (Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips, 1920)

 

5. „Kulturation wird verstanden als Eintritt in die Ökonomie des Ersatzes, in das Wechselspiel von Absenz und Repräsentation, von Verschwinden und Wiederkehr.“ (Julia Kristeva)

6. „...Ausführungen über die Fort-Da Episode zeigen, dass der mütterliche Körper zum Ort des Todes wird, weil ihr Verschwinden die Vorstellung menschlicher Sterblichkeit ins Spiel bringt.“ (Julia Kristeva, Schwarze Sonne, 1987)

 

7. „...getilgte mütterliche Körper bleibt in seinen Ersatzformen erhalten, in den vielen Objekten des Begehrens, die sich...“ (Julia Kristeva)

 

 

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