Iris ter Schiphorst
Zukünfte...
Utopien, Dystopien? (2022)
- Ist eine Welt jenseits der uns allumschließenden digitalen Immersion, des techno-ökonomischen Projekts noch vorstellbar?
- Ist ein imaginäres Woanders noch denkbar?
(Für Elon Musk ist es offenbar der Mars, für die von Kriegen und Klimaverheerungen Heimgesuchten der Süchalbkugel Europa.) - Ist Aufklärung zum Projekt eines Fortschrittglaubens mutiert?
(„Seit einiger Zeit geht jeder Fortschritt einher mit Problemen, die als soziale, moralische und technische mindestens so groß sind wie die erhoffte Verbesserung“ [1]) - Hat sich unser (westlicher) Glaube, Fortschritt würde zu einer besseren und gerechteren und freieren Welt führen, als Irrtum erwiesen?
- Wird unsere Geschichte zu einem Ende kommen, weil uns die Rohstoffe ausgehen, die Arten aussterben und die Umwelt kollabiert?
- Können wir uns überhaupt noch vorstellen, „die Welt auf humane Weise zu bewohnen“? Oder hat sich der Begriff des „Humanen“ verbraucht?
- Sind wir womöglich einfach nicht mehr fähig, in Alternativen zu denken, nachdem uns seit 1989 die herrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung als alternativlos angepriesen wurde?
(Theodor Adorno konstatierte jedoch bereits 1964 eine „seltsame Schrumpfung des utopischen Bewusstseins“, da jede Aussicht auf eine Veränderung des gesellschaftlichen Ganzen in weite Ferne gerückt sei. Obwohl den Menschen im Innersten bewusst sei, dass sie „nichtnur ohne Hunger und wahrscheinlich ohne Angst“ leben könnten, „sondern auch als Freie“, glaubten sie nicht an Veränderung. Die „gesellschaftliche Apparatur“ habe sichweltweit „so verhärtet, dass das, was als greifbare Möglichkeit der Erfüllung ihnen vor Augen steht, ihnen sich als radikal unmöglich präsentiert“. Jedes utopische Denken werde damit im Keim erstickt, und die Menschen fingen sogar an, die Utopie wider besseresWissen abzuwerten [2].) - Haben sich die Hoffnungen erfüllt, die nach dem Ende des real existierenden Kommunismus in die liberale Demokratie und die (globalisierte) Marktwirtschaft gelegt wurden? Oder ist nicht vielmehr eine »Unterjochung unter eine techno-politische Herrschaft« zu diagnostizieren[3]?
Was gilt heute als konkrete Utopie? (‚Konkrete Utopie’ meint den Zustand nach einer real möglichen Gesellschaftsveränderung und ist ein von dem Philosophen Ernst Bloch gebildeter Begriff)
- Die 17 Ziele (Sustainable Development Goals) der Agenda 2030 der Vereinten Nationen?
(Eine in 17 Leitsätzen geronnene Absichts-Erklärung (Manifest) zur Verbesserung der Welt, die fast alle Staaten der Welt 2016 unterzeichnet haben. Die wesentlichsten Punkte halten fest, dass bis 2030 die Welt frei von Armut, gleichberechtigt, wirtschaftlich und digital miteinander vernetzt und nachhaltig sein soll.[4]) - Der Europäische New Green Deal? (Der Begriff Green New Deal bezeichnet Konzepte, mit denen der ökologische Umbau des europäischen Wirtschaftssystems eingeleitet werden soll, um gesellschaftliche Herausforderungen, insbesondere den Klimawandel zu bewältigen. [5])
Handelt es sich um Utopien oder Investitionen in die Zukunft? [6]
- Kann man Zukunft herstellen? Läßt sie sich errechnen?
- Wer investiert in die Zukunft? Wo und warum? Und für wen? (z.B. in die Unsterblichkeit, oder das Leben auf dem Mars?)
- Geht es (den Musks, Bezos und Gates) um Utopie oder Spekulation?
Um Wünsche oder Kredit [7]? Umeine Wette auf die Zukunft?
(Wird die Symbiose von „Artificial Intelligence“ und menschlichem Gehirn dazu führen, dass „der vereinte Wille der Menschen auf der Erde die künftige Welt steuert“, wie Elon Musk behauptet und seit Jahren unendlich viel Geld in dieses Vorhaben investiert? [8]) - Wird die Welt gerechter, wenn alle Menschen mit Elon Musks Gehirnchip [9] versorgt sind? Oder Elon Musk reicher?
(Und warum bewirbt er den ‚Pro-Natalismus’? [10] Jene Bewegung, die Kontrolle über die Evolution anstrebt und sich dabei aller Möglichkeiten der Gentechnik bedient, um möglichst viele ‚genetisch überlegene’, weiße Kinder zu gebären und damit „die Zivilisation zu retten“ [11]?) - Wäre Adorno heute ein Transhumanist?
(»Ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens kann der Gedanke der Utopie nicht gedacht werden.«, behauptete er in dem berühmt gewordenen Gespräch mit Ernst Bloch von 1964 über Chancen der Utopie in der Moderne.[12]) - Ist der „Feminismus für die 99%“ (Arruzza/Bhattacharya/Fraser2019) eine konkrete Utopie? [13].
- Ist die internationale Revolution der Menschenrechte eine konkrete Utopie, wie Wolfgang Kaleck schreibt? [14] (Nach Ilija Trojanow die „wichtigste Ausformulierung unserer Menschlichkeit“)
[1] s. dazu Jean Luc Nancy, Die fragile Haut, diaphanes[2] Theodor W. Adorno: »Etwas fehlt ... Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht. Gespräch mit Ernst Bloch«, in: Tendenz- Latenz-Utopie, Gesammelte Werke (1964 / 1985, Frankfurt a. M., S. 350 – 367
[3] (s. dazu: .24Jean-Luc Nancy: Die entwerkte Gemeinschaft. In: ders.: Die undarstellbare Gemeinschaft. Stuttgart 1988, S. 9-92, 11 (Jean-Luc Nancy: La communauté désœuvrée. In: ders.: La communauté désœuvrée [1986]. Nouvelle édition revue et augmentée. Paris 2004, S. 9-105, 11). Siehe auch Spitta: Gemeinschaft jenseits von Identität, S. 284f.
[4] s. https://17ziele.de/info/was-sind-die-17 ziele.html#:~:text=Armut%20und%20Hunger%20beenden%20und,und%20Lebensweisen%20weltweit%20nachhaltig%20gestalten
[5] https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/european-green-deal_de
[6] Der Soziologe Klaus Dörre fragt in diesem Zusammenhang, ob Kapitalismus und Nachhaltigkeit tatsächlich miteinander vereinbar sind? Oder ob die ‚schöpferische Zerstörung’ (Schumpeter) als Modus kapitalistischer Dynamik womöglich auch den fossilen Kapitalismus vernichtet und neue „Kombinationen von Dingen und Kräften“ erfindet, die diesen ergrünen lassen? Oder ob der Kapitalismus letztlich an der ökologischen Frage scheitert? – S. Klaus Dörre https://klaus-doerre.de/kapitalismus-und-nachhaltigkeit/
https://sdg-portal.de/de/ueber-das-projekt/17-ziele?gad_source=1&gclid=EAIaIQobChMIsueM9qC3hAMVD5NoCR0hUwB7EAAYASAAEgIgvvD_BwE
s. auch dazu: KAPITALISMUS UND NACHHALTIGKEIT aus der Reihe ‚Zukünfte der Nachhaltigkeit’ Band 4, Hg: Sighard Neckel, Philipp Degens, Sarah Lenz Campus Verlag Frankfurt/New York 2022
[7] Kreditverhalten ist ein auf die Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwarten abgestimmtes gegenwärtiges spekulatives Verhalten
[8] https://www.gew-hb.de/aktuelles/detailseite/praktizierender-transhumanist#:~:text=Der%20Vision%C3%A4r%20sagt%20ganz%20klar,englische%20%E2%80%9EArtificial%20Intelligence%E2%80%9C)
[9] https://www.leadersnet.de/news/76359,transhumanistische-traeume-musk-unternehmen-verkuendet.html
[10] https://www.businessinsider.de/leben/pronatalisten-elon-musk-evolution-menschheit-geburtenrate-zivilisation-femtech-fortpflanzung-b/
[11] 2022 per Tweet warnte Elon Musk in einem Tweet, ein Bevölkerungszusammenbruch aufgrund niedriger Geburtenraten sei eine viel größere Gefahr für die Zivilisation als die globale Erderwärmung
[12] Theodor W. Adorno: »Etwas fehlt ... Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht. Gespräch mit Ernst Bloch«, in: Tendenz- Latenz-Utopie, Gesammelte Werke (1964 / 1985, Frankfurt a. M., S. 350 – 367).
[13] „Der Feminismus, der uns vorschwebt [...], weigert [sich], das Wohlergehen der vielen der Freiheit der wenigen zu opfern, verteidigt er die Bedürfnisse und Rechte der vielen – von armen Frauen und Frauen aus der Arbeiterklasse, von rassifizierten und migrantischen Frauen, von Queer-Trans- und körperbehinderten Frauen, von Frauen, die man ermutigt, sich zur Mittelschicht zu zählen, obgleich das Kapital sie ausbeutet. Doch damit nicht genug. Dieser Feminismus beschränkt sich nicht auf Frauenthemen, wie man sie traditionell definiert hat.
Er vertritt die Sache aller, die ausgebeutet, beherrscht und unterdrückt werden, und hofft, eine Hoffnungsquelle für die gesamte Menschheit zu sein. Deswegen sprechen wir von einem Feminismus der 99 Prozent.“ (Arruzza/Bhattacharya/Fraser 2019, 24) Er „versteht sich als internationales Manifest, das nach dem Vorbild des Manifests der Kommunistischen Partei von Marx und Engels für einen antikapitalistischen Feminismus steht, der nicht nur eine privilegierte Elite vertritt“, so die Verfasserinnen, die italienischen Professorin* Cinzia Arruzza, die amerikanischen Professorin* Nancy Fraser und die indischen Professorin* Tithi Bhattacharya. Das Manifest sei der Versuch, einen Weg vorzuzeichnen, um eine gerechte Gesellschaft herbei zu führen; dazu zählen Frauenstreiks, die Verbündung mitanderen antikapitalistischen und antisystemischen Bewegungen (Antirassistinnen, Umweltschützer, Arbeiter- und migrantischen Aktivistinnen und Aktivisten), kurz: ein Zusammenschluss aller „antikapitalistischen, ökologischen, antirassistischen, anti-imperialistischen Fraktionen, LGBTIQ+-Bewegungen und Gewerkschaften“. https://www.growthinktank.org/de/feminismus-fuer-die-99-ein-manifest/ [15.02.2022]
[14] (s. Wolfgang Kaleck: Die konkrete Utopie der Menschenrechte, 2021 S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main).
https://www.book2look.com/book/9783103970647