Iris ter Schiphorst

"Neu..." – Auszug aus einem Vortrag,

gehalten im Januar 2011 in der Philharmonie Berlin

Auf Festivals für „Neue Musik" ist die Währung buchstäblich das „Neue". Das heißt, sowohl Auftraggeber als auch Publikum haben – unausgesprochen – eine ganz bestimmte Erwartung an eine Komposition: Sie soll vor allem „neu" sein, allerdings in einem ganz spezifischen Sinne (denn zunächst ist ja jede aktuell komponierte Musik handwerklich-technisch gesehen „neu").

Das in der Szene der Neuen Musik gemeinte „Neu" ist eines im Sinne von „noch nie da gewesen" oder „noch nie gehört". Mit anderen Worten: Eine solche Komposition soll in jeder Hinsicht einmalig sein. Sie soll sich nicht nur möglichst deutlich von ehemals neuen, also mittlerweile älteren oder alten Werken unterscheiden, sondern auch von der Vielzahl anderer aktueller Kompositionen, für die ja dieselbe Erwartungshaltung gilt. Das „Neue" ist somit die Erwartungshaltung Nummer eins in der Neuen Musik-Szene.

Doch natürlich veraltet das Neue innerhalb kürzester Zeit, sodass das Bedürfnis nach Innovation unaufhörlich fortbesteht. Entscheidend ist dabei – und so wird uns auch die Geschichte der Neuen Musik präsentiert –, dass das Neue immer vor der Folie eines ehemals Neuen erscheint. Das heißt, das „alte Neue" ist in gewisser Weise immer Grundlage und Maßstab für das „neue Neue".

Niklas Luhmann interpretiert diesen Prozess, immer wieder Neues auf der Folie des ehemals Neuen zu generieren, als eine Form der Verpflichtung zur Fortsetzung. Nur diese Art der Fortschreibung garantiere den ungebrochenen Fortgang der Neuen Musik und suggeriere zugleich ihren linearen Fortschritt.

Interessanterweise waren neue Kompositionen nicht von jeher mit diesem spezifischen Anspruch des „Neuen" belegt. Dieser manifestierte sich erst allmählich mit dem Aufkommen der Moderne und der neuen Rolle der Kunst in der modernen Gesellschaft. Insofern ist das Primat eines solchen Neuheitswertes kein Naturgesetz, sondern Merkmal einer bestimmten Auffassung von Kunst in einer spezifischen Gesellschaftsform.

Allerdings – so Niklas Luhmann an anderer Stelle – müsse sich das Funktionssystem Kunst die Frage gefallen lassen, wohin es führt, wenn es sich geradezu monomanisch auf die Unterscheidung von „alt" und „neu" als wichtigstem Bewertungsmaßstab kapriziert (in: Schriften zur Kunst und Literatur, S. 348).

Ob es allerdings ein in diesem Sinne Neues ohne Altes geben kann, also ohne die konstitutive Unterscheidung von alt und neu, darf bezweifelt werden.  

(copryright 2011, I. ter Schiphorst)

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