Iris ter Schiphorst
"Aus Liebe" (2014)
zur UA in der Laurenz-Kirche, Rotterdam, Doelen-Quartett
Über Koinzidenzen, Zufälle und Widerfahrnisse…
Wenn es stimmt, dass Komponieren aus einer Kette von Entscheidungen und somit allmählichen Eingrenzungen und Ausschlüssen besteht, bin ich womöglich keine „richtige" Komponistin. In mir verläuft der Prozess fast umgekehrt. Es sammelt sich im Verlauf der Arbeit mehr und mehr an, das vorgibt, zu dieser Arbeit zu gehören.
Das Beginnen einer Komposition ist für mich daher immer wie das Aufbrechen zu einer langen Wanderung in unbekanntes Gelände, bei der ich nur eine vage Ahnung von der grundsätzlichen „Gegend" habe.
Bei einem solchen Unterwegssein gilt es auszuhalten, zunächst überhaupt keinen Überblick und keine Methode (vom griech. methodos: „Der Weg zu etwas hin, das Verfolgen eines Weges") zu haben ... die Wege nicht zu kennen und doch darauf zu vertrauen, dass sich irgendwann etwas nach und nach „ver-dichtet", „er-zählt".
Ganz am Anfang, quasi als Ausgangspunkt dieses Stückes, stand die Begegnung mit Hans Woudenberg, dem Cellisten des Doelen Quartetts, meinem Auftraggeber. Bereits bei unserem ersten Treffen gab es eine merkwürdige Koinzidenz. Hans hatte ein Buch über Kirchenfenster und Glasmalerei dabei, das er mir zeigen wollte. Das begeisterte mich, denn ich bin seit frühester Jugend von Kirchenfenstern fasziniert.
Wir waren uns schnell einig, dass das Stück irgendwie darauf Bezug nehmen sollte. Unser beider Faszination konnte kein Zufall sein. Wir phantasierten über mögliche Ähnlichkeiten zwischen dem Streichen mit dem Bogen auf den Saiten und dem Einfall von Licht in Kirchenfenster ... waren uns einig, dass unterschiedliche Streichtechniken das musikalische Material jeweils in ein anderes Licht tauchen könnten. Kurz und gut, wir waren beide sehr inspiriert von diesem Treffen, und in mir kristallisierte sich eine erste vage Vorstellung von den Möglichkeiten des Stückes heraus.
Diese Vorstellung war verbunden mit einer deutlichen Vision eines Aufführungsortes: einem Raum mit einer großen Resonanz bzw. einem großen Hallraum, ähnlich dem einer Kirche, in dem die differenzierte Bogenarbeit der Streicher deutlich „räsonieren" würde – einem Raum mit wunderschönen farbigen Fenstern, durch die das Licht hineinstrahlt und den Innenraum in verschiedenen Farben ausleuchtet. Dieses innere Bild war sehr stark.
Etwa zur gleichen Zeit wurde ich in ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle eingeladen; auf dem Programm stand die „Matthäus-Passion" von J. S. Bach in der Inszenierung von Peter Sellars. Faszinierend! Darin die Arie der Maria Magdalena „Aus Liebe" mit dem grandiosen Vorspiel der drei Holzbläser. Ein extremer Eindruck! Im Moment des Hörens wusste ich, dass diese Arie irgendwie in meine Arbeit einfließen würde – als eine Verbindung zu den bisherigen Überlegungen, als ein Scharnier zwischen Innen und Außen, zwischen meinen Visionen und „der Welt" (so wie die farbigen Kirchenfenster ein Scharnier zwischen Innen- und Außenraum darstellen). Eine Brücke, die mir helfen würde, tiefer in den Prozess meiner Komposition einzutauchen.
Sogleich fing ich an, Vorspiel und Arie zu analysieren und zu bearbeiten, erstellte Krebse, Spiegelungen etc., augmentierte, diminuierte, transponierte – d. h., ich wandte all diese Verfahren und Methoden an, die erfahrungsgemäß einen „Weg" bahnen und für Überblick sorgen sollen.
Aber ... das brachte mich zunächst überhaupt nicht weiter. Das war es noch nicht.
Inzwischen hatte ich Hans Woudenberg meinen Arbeitstitel verraten: „Aus Liebe". Oh je – welch voreilige Entscheidung, die ich später so manches Mal bereute. Nun musste ich diese zwei Worte als Bezugsfeld meiner Arbeit ernst nehmen.
Ich „wanderte" weiter, stieß u. a. auf Weberns Streichquartett op. 28, das mir durch seinen Bezug zu Bach irgendwie auch zu meinem Projekt zu gehören schien. Zwischendurch schob sich jedoch immer wieder ein ganz anderer Umstand in meine Gedanken: nämlich der, für ein holländisches Quartett zu schreiben und Aufführungen in Rotterdam und Den Haag zu haben. Das war für mich etwas ganz Besonderes. Ich lebe zwar fast mein ganzes Leben in Deutschland, habe aber holländische Wurzeln: Mein Vater und seine ganze Familie kommen aus Holland, und daher habe ich nicht nur einen holländischen Namen, sondern auch einen holländischen Pass.
Immer wieder kamen in dieser Zeit Bilder aus meiner Kindheit in mir hoch: meine Großeltern in Wassenaar, der weite Strand, aber auch Erzählungen meines Vaters aus seiner Jugend, der zunächst in Deutschland aufgewachsen und 1939 mit seiner Mutter und seinen Geschwistern nach Holland geflohen war. Und plötzlich bekam der Arbeitstitel „Aus Liebe" einen ganz anderen Unterton. Plötzlich merkte ich, dass ich das Stück auch für meinen Vater schreiben wollte, der schon seit einigen Jahren tot ist und über den ich so gern noch viel mehr gewusst hätte. „Aus Liebe" hatte plötzlich auch diese Bedeutung: die Liebe zu meinen holländischen Wurzeln, die Liebe zu meinem Vater.
Dann – ich war beruflich in Slowenien – sah ich im dortigen Fernsehen ganz zufällig eine Reportage über den holländischen Hungerwinter. Den holländischen Hungerwinter? Ich hatte noch nie davon gehört. Ich recherchierte diesen Begriff ... und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ja, es muss der Winter gewesen sein, von dem mein Vater immer wieder Geschichten erzählt hatte, die mir als Kind außergewöhnlich und abenteuerlich vorkamen. Zum Beispiel die, wie er zusammen mit seinem Bruder nachts in der Erde nach Tulpenzwiebeln gegraben oder nach Holz gesucht hatte. Und plötzlich sah ich diese Geschichten in einem ganz anderen Licht. Ich war schockiert von dem, was ich plötzlich begriff: nicht die spannenden Abenteuergeschichten, für die ich diese Erzählungen immer gehalten hatte, sondern etwas ungleich Existentielleres – eine brutale Erwachsenengeschichte, in der es um Leben und Tod ging. Warum hatte ich bis dahin nichts Genaueres darüber gewusst? Warum war mir das Ausmaß dieser Geschichten nicht bekannt gewesen? Warum hatte ich sie lediglich als für uns Kinder etwas ausgeschmückte Anekdoten in Erinnerung?
Holländischer Hungerwinter ... plötzlich verdunkelte sich das Stück, und ich wusste, auch das würde irgendwie in dieses Projekt gehören. Wie sollte ich das bewerkstelligen? Wie sollte ich all die Verdichtungen dieser Eindrücke, all diese Widerfahrnisse, Koinzidenzen oder Zufälle in Zeichen setzen, in Musik überführen? Eine Unmöglichkeit, für die die Schrift zu klein ist. Nichts als eine unwiderrufliche Reduktion. Aber ohne Zeichen verschwindet auch das Andere: der Prozess, die Verdichtung, der Raum der Gleichzeitigkeit. Die Übersetzung muss geleistet werden. Es müssen Zeichen gefunden werden – ein zum Teil unerträglicher Zwang. Denn die Zeichen sind nie „richtig", nie komplex genug. Sie bedeuten Ausschluss. Oder anders gesagt: Jedes Zeichen ist nur ein Hinweis auf all das nicht in Zeichen Gesetzte, auf das Unsagbare, das dahintersteht. Auf all das, was für immer verborgen bleibt.
Also gut: Ich musste sortieren, um- und aussortieren. Ich musste mich entscheiden. Festlegen. Das Stück sollte ja fertig werden. Ich entschied: Diese wunderschöne Arie „Aus Liebe" würde mich zwar weiter begleiten, aber nicht mehr in ihrer realen musikalischen Gestalt. Nur noch wenige Anklänge in Form ihres Krebses sollten übrig bleiben – als Erinnerung eines starken Eindrucks, der in verwandelter Form zurück in den Raum der Musik geworfen wird. Und ein paar Zahlen blieben übrig: die 7 zum Beispiel. Es gibt darum in meinem Stück sieben kleine Soli für Bratsche, überschrieben mit „Das Weinen der M. M.". Und auch der Text „Aus Liebe" fand auf versteckte Weise Eingang in meine Arbeit: übertragen ins Morsealphabet, als quasi strukturelles Element, das in einer Passage den Rhythmus bestimmt. Was noch? Das „Verdunkeln" – d. h. die Entscheidung, die tiefe C-Saite des Cellos um eine Oktave nach unten zu stimmen. Aber auch die Bogenführung in den Mittelpunkt zu stellen, in Anlehnung an das erste Gespräch mit Hans ...
So ist das Stück allmählich in seiner jetzigen Form entstanden. Aus einem Ansammeln, einem Zuviel ... Ist dieses Zuviel, diese Form der Ansammlung von Erlebnissen, Koinzidenzen und Widerfahrnissen zufällig? Ist diese Art zu arbeiten beliebig? Ich weiß es nicht. Mir kommt es eher so vor, als wäre mein Wahrnehmungsapparat wie ein Fenster, durch das Licht womöglich zufällig in mich hineinfällt, dort seine Wege nimmt – und zwar dann, wenn der Eindruck stark genug ist. Dann kann es sein, dass etwas in mir räsoniert, dass etwas aus mir herausgeworfen werden will. Warum das so ist, ist womöglich niemals wirklich begründbar. Aber selbst wenn es zufällig ist, so ist es doch einmalig. Meine Wahrnehmung ist einmalig, so wie die eines jeden Menschen. Die Wahrnehmung ist das einzig wirklich Individuelle, das, was uns ausmacht. Und selbst wenn die Wahrnehmung mehr und mehr manipuliert wird, so bleibt doch die Hoffnung auf einen Rest, der nicht aufgeht. Einen Rest, der eigen ist. Das zu zeigen, ist womöglich auch eine Aufgabe der Kunst. (copyright 2014, I. ter Schiphorst)