Iris ter Schiphorst

BLECHE 2018

kurze Einführung in die Konzert-Installation BLECHE im Kontext des Festival-Themas ORTNUNG pgnm-Festival: 20. Bienale Aktueller Musik

Ortnung-Ordnung 

Die Aufgabe von Musik?

Musik wird heute oft großflächig an Orten eingesetzt, für die sie ursprünglich nie gedacht war. Dabei erhält sie zum Teil eine ganz neue Funktion: Sie wird zum Instrument der Disziplinierung, um eine bestimmte Ordnung zu erzwingen. In großen Einkaufs-Malls beispielsweise soll sie gezielt beruhigend wirken, um zum Verweilen und Konsumieren zu animieren.

Kürzlich hat jedoch eine weitere Variante von sich reden gemacht, die das genaue Gegenteil bezwecken soll: Musik zur Verdrängung!  So wird sie neuerdings in Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen als Dauerbeschallung gezielt eingesetzt, um sogenannte ‚unerwünschte Personen‘ wie Obdachlose und Junkies fernzuhalten.

In Hamburg und Leipzig hat man es mit ‚klassischer Musik‘ versucht. In Berlin-Neukölln entschied man sich hingegen für ‚atonale Musik‘ – was auch immer die Verantwortlichen darunter verstehen mögen. Man hoffte, damit Obdachlose, Junkies und Punks vom S-Bahnhof Hermannstraße zu vertreiben.

Allerdings wurde das Vorhaben vom Bahnmanager Friedemann Keßler schnell wieder gestoppt, nachdem er sich selbst – offenbar unfreiwillig – diese ‚atonale Musik‘ hatte anhören müssen. Offenbar hat sie ihm so wenig zugesagt, dass er nun überlegt, den Bahnhof eventuell mit Naturgeräuschen beschallen zu lassen. Wie sich damit die von ihm visionierte öffentliche Ordnung wiederherstellen lässt, bleibt vorerst sein Geheimnis.

BLECHE: Der Raum als Instrument
Auch hier und heute befinden wir uns an einem Ort, der niemals dafür gedacht war, Musik zu beherbergen: in der Schwankhalle, hier in dieser riesigen Gleishalle.
Doch Sie sind freiwillig gekommen, haben sogar dafür bezahlt und wollen somit nicht vertrieben werden, sondern die klangliche Ausgestaltung dieses ungewöhnlichen Ortes erleben.

BLECHE ‚bespielt‘ diesen gesamten Raum. Sämtliche Klang-Aktionen des Solisten Olaf Tzschoppe – auf der Spielpauke sowie mit seiner Stimme – werden via Transducer von den Klangregisseuren auf die im ganzen Raum verteilten Donnerbleche und Blecheimer übertragen. Diese werden so, gemäß der Spielpartitur, auf unterschiedlichste Weise zum Resonieren gebracht.

Es handelt sich bei BLECHE somit weniger um ein traditionelles Werk als vielmehr um ein auskomponiertes ‚Raum-Setting‘ oder auch ‚Raum-Instrument‘, in dem Solist und Klangregisseure ad hoc mit den Materialien und Spielweisen interagieren.

Der Dialog: Spieler und Publikum
Dass ich hier den Plural ‚Spieler‘ verwende, ist kein Zufall: Das Stück funktioniert nur, wenn alle Beteiligten tatsächlich in einen Dialog treten – miteinander, mit den Klängen und mit dem Raum. Es gibt zwar eine Spielanleitung, der lange Experimentierphasen zugrunde liegen, doch diese Erkenntnisse sind nicht in einem starren Werk fixiert. Diese Spielanleitung ermöglicht es uns vielmehr, flexibel auf die spezifischen Bedingungen dieser Aufführung zu reagieren. Es gibt kein ‚Original‘ und keine fertige Interpretation. BLECHE wird immer anders klingen.

Auch Ihre Rolle, verehrtes Publikum, ist anders angelegt als üblich. Sie können sich frei bewegen, die Perspektive verändern, den Solisten beobachten oder einfach weitergehen.

Das Konzert als demokratische Übung
Kann man eine Aufführung von BLECHE dann überhaupt noch als ein richtiges Konzert bezeichnen? Die Musikwissenschaftlerin Elena Ungeheuer äußerte dazu einen interessanten Gedanken: Das bürgerliche Konzert sei in seiner Blütezeit auch ein Ort zur Einübung in die Demokratie gewesen – weil man dort das Zuhören lernte: das Stillsein bis zum Ende, im Gegensatz zur sofortigen Artikulation von Befindlichkeiten.

Dieser These folgend könnte man sich fragen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Erosion der Demokratie, die wir derzeit erleben, und dem Niedergang dieser speziellen Form des Zuhörens? Brauchen wir heute womöglich eine neue Form der Einübung? Ein ‚aktiveres‘ Zuhören, das den Dialog bestärkt und nicht nur die kontemplative Versenkung sucht?

Was können neue Orte und Formate dazu beitragen? Und was wäre dann noch die Aufgabe von Musik? Wäre diese Bezeichnung überhaupt noch angemessen? Vielleicht wird dieses Festival ein paar Antworten auf diese Fragen geben. Ich danke Ihnen.

copyright Iris ter Schiphorst, Bremen, 21.09.2018

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