Iris ter Schiphorst

JEDER (2016/17)

Zur UA des Solo-Kontrabassklarinettenkonzerts, Stuttgart 2017

JEDER ist eine Hommage in Ton, Wort und Bild an den Solisten Theo Nabicht, der als einer der besten Kontrabassklarinettenspieler der Welt gilt. 
Die Kontrabassklarinette, in Umfang und Möglichkeiten fast einem 'kleinen Orchester' ähnlich, ist nach wie vor nicht ganz erforscht. Theo Nabicht ist ein Grenzgänger, der sich ihrer vollständigen Entdeckung widmet. 

Grundlage der Musik bilden Aufnahmen von Improvisationen des Solisten, die zum Teil auf ihr Spektrum hin analysiert und anschließend für Orchester transkribiert wurden. Auf diese Weise wird das Orchester streckenweise zu einer Art Meta-Kontrabassklarinette. 

Darüber hinaus fließen auch Interviewpassagen mit Theo Nabicht in diese Arbeit mit ein, in denen es um grundsätzliche Fragen zu Musik geht.

Das Werk verfolgt ein Konzept, dessen Titel zunächst wie ein Paradoxon anmutet: Während das Solokonzert traditionell die exklusive Meisterschaft eines Einzelnen feiert, verweist der Begriff „JEDER“ auf das Allgemeine. Dieser Widerspruch zwischen der hochgradigen Spezialisierung des Solisten Theo Nabicht und der semantischen Weite des Titels löst sich erst ganz allmählich gegen Ende des Werkes auf.

„JEDER“ ist das Ergebnis eines langjährigen Prozesses und eines tiefen, persönlichen Näheverhältnisses. In unzähligen Gesprächen und gemeinsamen Essen wurde der Solist für die Komponist:innen über die Jahre weit mehr als ein Interpret: Er wurde zum Freund und - mit seinem Einverständis, zum Sujet einer künstlerischen Untersuchung: Anstatt sich auf seine bloße Virtuosität zu beschränken, wird der Ausnahme-Musiker Theo Nabicht in seiner ganzen Vielschichtigkeit gezeigt. Im Zentrum steht dabei die körperliche Präsenz, seine Mimik, seine Gestik, seine Prosodie.  

Die Musik beschränkt sich nicht auf eine begleitenden Funktion, sondern tritt in einen subtilen, diskursiven Kontrapunkt zu den Gedanken und Aussagen des Solisten. Es entsteht eine komplexe Zwiesprache zwischen Hören und Sehen, Text und Musik, in der das Orchester die Sätze des Solisten nicht bloß spiegelt, sondern diese semantisch bricht oder pointiert kommentiert. 

So wird der Musiker Theo Nabicht in „JEDER“  am Ende in einer besonderen Weise nahbar, während das Werk gleichzeitig die innige Beziehung zwischen ihm und seinem außergewöhnlichen Instrument greifbar macht.

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