Iris ter Schiphorst
Musikwissenschaft als Geisterwissenschaft, oder: Das Ver-Sprechen von SOUND 1995
Vortrag auf dem 9th International Congress on Women in Music, MS, 1995
In diesem Vortrag geht es mir zum Einen darum, die 'Aufsicht' auf den Bereich 'abendländische Musik' - und damit gewisse Ansichten zu 'verschieben', die seit cirka 200 Jahren die Musikgeschichtsschreibung samit ihrer Wissenschaft bestimmen und dazu führen, dass diese Wissenschaft sich auch heute noch vornehmlich um das 'Kunstwerk Komposition' zentriert (das Frauen ja bekanntlich nicht zu Stande bringen).
Zum Anderen wollte ich mögliche Verfahren zur 'Dekonstruktion' dieser Musikwissenschaft skizzieren, sowie Überlegungen zu einer anderen ('weiblichen?') Art der Musikgeschichtsschreibung in den Raum stellen. Denn ich finde, dass ein Großteil des feministischen Diskurses die Art und Weise der herrschenden Musikgeschichtsschreibung samt ihrer Wissenschaft 'einfach so' übernimmt: z. B. jene Zentrierung um das Kunstwerk Komposition, - als würde dieses ganz selbstverständlich den höchsten (und einzigen) Wert in der abendländischen Musik einnehmen.
Dabei halte ich es gerade im feministischen Kontext für notwendig, Musikgeschichtsschreibung nicht mehr nur in erster Linie als 'Kunstwerk-Geschichte' aufzufassen und mehr oder weniger ausschließlich nach Werken totgeschwiegener Komponistinnen zu graben, sondern auch und endlich den Geschichten von Musikerinnen, Sängerinnen, Performerinn, Privatmusiklehrerinn, Klavierspielerinnen etc. etc. einen gleichberechtigten Raum zu geben. ... s. weiter